MELT! 2015: Abseits des Festivals, abseits vom Techno

Ein Festivalbesuch lädt in eine andere Welt ein: fernab von Alltag, Familie und Stress der Groß- oder Kleinstadt, begibt man sich mit seinen Freunden und tausenden von anderen tollen Menschen in ein Parallel-Universum. Eindrücke vom MELT! Festival 2015.

Ein Festivalbesuch lädt in eine andere Welt ein: fernab von Alltag, Familie und Stress der Groß- oder Kleinstadt, begibt man sich mit seinen Freunden und tausenden von anderen tollen Menschen in ein Parallel-Universum.

Wer noch dazu für ein Festival arbeitet, begibt sich in eine ganz andere Art von Parallel-Universum. Man lebt irgendwie Büroalltag, aber wo ganz anders als im Büro. Morgens springt man kurz in den See – da ist nämlich um die Zeit noch keiner, außer der Crew, die die Meltselektor-Bühne direkt am Strand aufbaut. Zur Mittagspause geht man nicht in die Küche oder um die Ecke zum Falafel-Laden, sondern ins „Crew Catering“ – zu geregelten Zeiten, mit Essensmarke und das dann einige Tage oder Wochen lang. Und sobald gegen Nachmittag das Festivalgelände öffnet, ist der Arbeitstag leider noch lange nicht vorbei, weil man irgendwie immer im Einsatz ist, solange man eben noch da ist. Wenn also die durchnächtigten Melt!-Besucher mit Tetrapack, Glitzer und Sonnenbrille im Gesicht auf das alte Industriegelände Ferropolis strömen, hat man schon einiges an Arbeit und kleinen und großen Krisen hinter sich – da wurde mit zu wenig Personal geplant, hier ist der Akku vom Funkgerät leer und irgendwie steht der Kollege nicht auf der Gästeliste und wenn doch, dann mit dem falschen Pass.

Wenn man aber doch ein wenig Zeit und Luft hat und alles wie am Schnürchen läuft, verschlägt es einen doch mal auf das Festivalgelände – man möchte seine Arbeit ja auch genießen können.

Etwas Melt-untypisch gestaltete sich diese Freizeit für mich aber fast ganz ohne elektronische Musik. Die meiste Zeit außerhalb des Produktionsbüros verbrachte ich im Intro-Zelt. Hier ist das Line-Up gezielt unelektronischer als draußen und so startet mein Melt! mit Wyoming. Ganz so unelektronisch ist der „Dream/Independent Pop“ der drei Jungs auch nicht, das überschaubare Publikum ist aber hellauf begeistert von Gitarrensounds, treibenden Beats und einer glasklaren Stimme.

Mit österreichischem Flair geht der Abend bei Bilderbuch auf der Mainstage weiter. Gleichzeitig spielte Jamie XX auf der Meltselektor-Stage am Strand, was wohl etwas erklärt, warum da leider nicht so viele Menschen im Publikum die goldene Hose von Sänger Maurice bewunderten. Eine tolle Show geben die Jungs trotzdem ab – Maschiiiin!

Am späten Abend verschlug es dann doch nochmal zurück ins Intro-Zelt für den Auftritt von Sizarr – ein toller Sound, tolle Beleuchtung und eine verzückende Bühne mit roten Vorhängen, gaben dem Auftritt der Indie-Band eine wunderbare Kulisse.

Der Samstag (Kylie-Tag!) startet mit zwei Bands, die wohl etwas besser ins Zelt gepasst hätten – Malky und Wanda. Malkys lockerer Soul hätte mit dem eher mageren Publikum eine schönere Kulisse im Intro-Zelt gefunden. Bei Wanda füllte sich der Raum vor der Bühne wieder merkbar und die Österreicher gaben eine tolle, energetische Show. Der schönste Moment hier war, als Sänger Marco sich durch das Publikum zu einem Mädchen, das auf den Schultern von jemanden sitzt, tragen lässt und ihr einen Kuss gab – AMORE!

Wer seine Running Order abseits der elektronischen Musik erstellt, hatte am Samstagabend ein großes Ausrufezeichen im Plan stehen – wieder ins Zelt und zwar nicht zu Annenmaykantereit (die wären auch ein Ausrufezeichen wert gewesen), sondern zu Tocotronic. Die Bühne mit den roten schweren Vorhängen passt perfekt zum pathetischen Prolog der Band und gewohnt gekonnt und trotzdem locker und nicht arrogant spielten sie einen wunderbaren Mix aus Songs vom neuen Album (erschienen dieses Jahr am 1.Mai) und alte Songs wie „Let There Be Rock“. Einziges Manko und das ist mit Meckern auf sehr hohem Niveau verbunden – wer die Jungs auf ihrer Clubtour am 1. Mai im SO36 in Berlin gesehen hat, sollte leider keine Überraschungen in dieser Setlist finden.

Im Büro wurden dann noch schnell alle wichtigen Dinge vorab geklärt, denn Samstag ist ja Kylie-Tag und irgendwie ist das doch wohl das einzige Mal im Leben, dass man sich Kylie Minogue live anguckt. Hier ist der Raum vor der Mainstage wirklich komplett voll und auch oben auf den Treppen und Rängen steht gefühlt das gesamte Melt! und guckt sich eine bombastische Pop-Show an. Es gibt tanzende Buchstaben, überhaupt viele Tänzer, viele Kostüme und einen großen roten Kussmund, auf dem Kylie das ein oder andere Mal Platz nimmt. Intern gab es das Gerücht von einer Überraschung zur Show und wer da mit einem Gastauftritt von Robbie Williams gerechnet hatte (ich!), wurde leider enttäuscht – den Song „Kids“ spielte Kylie trotzdem und als kleine Überraschung gab es eine englische Version von „99 Luftballons“ – immerhin.

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Der Sonntag auf dem Melt! verschwamm leider im Regen und so wurde das Festivalgelände nicht allzu oft besucht. Erlend Oye and the Rainbows spielten am frühen Abend auf der Gemini Stage, die komplett überdacht ist und daher einen guten Unterschlupf beim Platzregen bot. Erlend hat schon zuvor auf dem Campinggelände der Open Stage ein kleines Akustik-Set als Secret Gig gespielt.

Vom kleinen Turm bei der Malboro-Lounge wurde der Auftritt der vier Jungs aus Wales von Catfish and the Bottlemen angeguckt – leider gab es hier erst ein paar technische Probleme und die Jungs bedankten sich ungeschickterweise immer wieder bei Berlin, anstatt beim Melt!. Die Show war leider auch nicht so energiegeladen, wie die Band es sonst von sich gibt.

Ein weiteres, wenn nicht sogar zwei, Ausrufezeichen war am Sonntag für die Show von Element of Crime im Zelt vermerkt. Hier fanden sich deutlich weniger Menschen ein als bei Tocotronic, sodass sich noch zehn Minuten vor Konzertbeginn Platz in der ersten Reihe vor der Bühne fand. Trotzdem ist das Zelt zum Auftritt der Altherren gut gefüllt. Während seine Bandkollegen sich kaum auf der Bühne bewegen und entspannt und lässig performen, kann man Sven Regener seine gute Laune und Freude über den ersten Auftritt der Band auf dem Melt! deutlich ansehen. Immer wieder bedankt er sich und grinst nach jedem Song seinen Kollegen freudig zu. Mit Trompete, alten und neuen Songs erspielten sich Element of Crime einen Platz im Herzen von Ferropolis.

Neben Elektro, Techno und Glitzer gibt es also noch einiges mehr auf dem Melt! zu entdecken. In der Hoffnung, dass das Intro Zelt nächstes Jahr wieder so wundervoll bespielt wird, warten wir also schon sehnsüchtig auf nächstes Jahr, um wieder in die Parallel-Welt eintauchen zu können.

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