Tristan Brusch im Interview: „Hildegard Knef, krass unterschätzt“

„Ich bin ein Fisch im kochenden Wasser, ich bin ein Schneemann in the sun“, so ist Tristan Brusch letzten Herbst mit der „Fisch“-EP aufgetaucht. Im Interview spricht er über Schlager, Pessimismus, Gelassenheit und seinen musikalischen Wandel.
Foto von Nico Wöhrle

Schräger Text, bonbonbuntes Video, ein Gitarrenriff, das aus Versehen nach Arcade Fire („Reflektor“) klingt, und ein stilsicherer Songwriter – Mit „Fisch“ könnte Tristan Brusch auf der Bilderbuch-Welle mitreiten. Auf der gleichnamigen EP und Tour spielt er weiter mit Popkultur und Hipster-Ästhetik – Stichwort Bühnendeko: u.a. der aufsetzbare Hamsterkäfig aus dem Clip, ein pinker Pudel, ein fischförmiger Flachmann oder eine Winkekatze. Musikalisch rückt er den Deutschpop zwischendurch aber in eine Richtung, um deren Rehabilitation sich z. B. auch Dagobert bemüht: Schlager.

Keine leichte Aufgabe, weiß Tristan: „Wenn ich sage, ich mache ein bisschen Schlager, kapieren das die Leute immer nicht, weil sie sofort an Helene Fischer denken“. Er kommt ins Schwärmen, wenn er über seine Inspirationsquelle und Definition von Schlager spricht: „Hildegard Knef mit dem Album „Knef“. Perfektes Album, kennen wahrscheinlich jetzt nicht viele, von denen, die das lesen werden. Aber absolute Empfehlung. Das ist das krasseste Album. Krasseste Texte. Tollste Musik. Hildegard Knef, krass unterschätzt. Man nimmt die heutzutage als eine bisschen verschrobene Schlagersängerin wahr, was sie auch war und was toll ist. Aber da steckt ganz viel dahinter.“

Ich finde es unfassbar, was gerade alles abgeht.

Auf der EP zollt der Mitzwanziger ihr Tribut, ohne dass es unbedingt auffällt: Der zweite Track „Mein Zeitbegriff“ ist ein Cover von „Knef“, ausgestattet mit reduziertem Synthie-Bett und einem lyrischen Vortrag, der Pathos nicht scheut. Aus der Reihe fällt „Mein Zeitbegriff“ im Kontext der übrigen drei Songs musikalisch wie inhaltlich nicht. Was Hildegard Knef vor 46 Jahren umtreibt, ist zeitlos und deswegen ebenfalls zentral für Tristan: „Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden. Sich den Platz in der Welt erkämpfen und dabei scheitern. Das sind die Themen. Vergänglichkeit“. Es geht um „das Ich, das die Welt wahrnimmt, nicht so sehr das Ich, das die Welt erklärt.“

Die Sicht des Tübinger prägt ein gewisser Pessimismus, wenn er auf Weltgeschehen und Zukunft blickt: „Ich bin, glaube ich, Pessimist. Ich finde es unfassbar, was gerade alles abgeht. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Mensch sich unbedingt besonders weiterentwickelt hat seit – jemals.“ Und hat dafür ein Beispiel aus der Parzival-Sage parat: „Das Buch fängt so an, dass irgendein Vogel ein graues Federkleid hat. Es besteht aus schwarzen und weißen Federn, aber zusammen sieht es grau aus. Da habe ich gedacht: Krass, das ist ein non-dualistischer Gedanke. Es gibt nicht nur Gut und Böse. Das haben die im Christentum im Mittelalter schon auf dem Schirm gehabt. Da haben sie sich die Köpfe schon eingehauen. Jetzt mit diesem ganzen New-Age-Eso-Kram, was immer mainstreamiger wird, hat man das auch auf dem Schirm und haut sich trotzdem die Köpfe ein.“

In die Verzweiflung treibt Tristan Brusch das nicht. Nicht zuletzt „Fisch“ zieht das Fazit „Irgendwann macht dir nicht mal mehr das Angst“. Scheitern und Vergänglichkeit schließen eine Prise Humor und Gelassenheit in Text und Musik sowieso nicht aus: „Wenn man zurückguckt, dann merkt man, dass es trotzdem ganz nett ist. Man hat ja trotzdem ein schönes Leben, wir zumindest.“

Es klingt entweder sofort kitschig auf Deutsch oder ganz kryptisch-verkopft.

Aus „karrieremäßiger“ Sicht läuft es bei ihm sowieso seit einigen Jahren ganz gut. Der junge Multiinstrumentalist ist im Grunde alles andere als ein Newcomer: Mit drei Jahren fängt er an Geige zu lernen, sein Vater Jochen Brusch ist professioneller Violinist (weshalb er die Frage „David Garrett oder David Guetta?“ auch ohne Zögern mit „David Garrett natürlich“ beantwortet): „Bei uns im Elternhaus gab es eigentlich nur klassische Musik und die Beatles. Ich glaube, dass hört man in meiner Musik immer noch irgendwie. Ich bin harmonieverliebter und melodienbögenverliebter als viele andere, die Popmusik machen.“

Bis heute führt er manchmal – hauptsächlich in dänischen Kirchen – klassische Werke mit seinem Vater auf. Der unterstützt Tristan wiederum bei der Produktion seiner ersten Alben. Das erste davon erscheint 2004. Wie bei allen folgenden bis 2012 sind die Texte ausschließlich auf Englisch. Deshalb vermutet ein Neffe, dem sein Onkel ein Album aus Tristans Teenagerjahren ans Herz legt, dahinter einen internationalen Songwriter. Der Onkel heißt übrigens Walter, sein Neffe Markus Winter, besser bekannt als Maeckes. Für den Orsons-Song „Jetzt“ will er einen Gitarrenpart aus dem Stück samplen und tritt zwecks Rechteklärung mit Tristan Brusch in Kontakt. „Dann hat man sich irgendwann getroffen und kennen und lieben gelernt.“, was dazu führt, dass er nicht nur 2015 als Support mit den Orsons durch das Land reist, sondern auch bei Cros Unplugged für einen Song die Bühne betritt.

Beeinflusst vom Chimperator-Umfeld schreibt er seine ersten deutschsprachigen Songs für die „Fisch“-EP, nachdem frühere Versuche gescheitert sind: „Es ist so krass schwer, finde ich. Es klingt entweder sofort kitschig auf Deutsch oder ganz kryptisch-verkopft. Ich habe einfach eine Weile gebraucht, einen halbwegs eleganten Umgang damit zu finden. Bei ihnen und im Rap überhaupt ist Sprache total omnipräsent, das habe ich da peu à peu, wie ein Kleinkind, langsam aufgeschnappt und auf meine Art adaptiert“.  

Ich will auf jeden Fall auf den großen Schlagerbühnen landen.

Von der zufällig entstandenen Freundschaft mit Maeckes profitiert Tristan auch auf der EP: Maeckes rappt in der gitarrengeführte Ballade „Bleib doch einfach hier“ und beteiligt sich am Video zu „Fisch“. Chimperator übernimmt das Booking für die „Fisch“-Tour. Die vier Songs erscheinen aber bei Staatsakt/Caroline. Passt ja mit Blick auf das Roster? „Wenn ich bei Staatsakt Peter Licht oder so nehme, finde ich nicht unbedingt genau das, was ich mache. Aber wenn man eine Kamera auf die Musik richtet und das ganz rauszoomt, sind Peter Licht und ich nicht so weit voneinander entfernt“.

Staatsakt und Chimperator mögen vielleicht ein unterschiedliches Publikum ansprechen, doch das stört Tristan überhaupt nicht: „Ich freue mich genauso sehr, wenn irgendein 14-jähriges Mädchen, das normalerweise Cro gut findet, einen Song von mir gut findet. Es ist nicht so, dass ich nur die „intellektuellen, grauköpfigen Staatsakt-Fans“ will.“ Für 2016 ist jedenfalls ein Albumrelease geplant. Erste Höreindrücke von der Tour lassen auf eine bunt gemischte Platte aus Ernst und Spaß hoffen, voller Zuneigung für eingängige Klavier- und Gitarren-Melodien. Musikalische Tendenz: Leicht elektronischer Pop, der mit Schlager-Gefühlen liebäugelt.

Bei der Wahl zwischen „Flippern mit Helene Fischer oder Fischen mit den Flippers?“ kann es dann nur Letzteres sein. Denn über das Album hinaus geht es ihm langfristig natürlich immer noch um den Ruf des Schlagers: „Ich will auf jeden Fall auf den großen Schlagerbühnen landen. Und ich will, dass Helene Fischer nicht mehr Schlagergöttin ist, sondern ich die neue Schlagergöttin bin.“  

Tourdaten:
08.02.16 Leipzig (Kl. Täubchenthal)
09.02.16 München (Orangehouse)
10.02.16 Stuttgart (Goldmarks)
11.02.16 Frankfurt (Ponyhof)
12.02.16 Köln (Underground II)
13.02-16 Hamburg (Mojo Jazz Cafe)

Mehr Infos auf der Webseite

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