LUH im Interview: „Ich liebe diese Alternativen zum Mainstream-Lifestyle“

Mit „Spiritual Songs For Lovers To Sing“ verzücken, verwirren und überfordern uns Ellery James Roberts und Ebony Hoorn aka LUH. Wir haben mit Ellery über eines der interessantesten Alben des Jahres und seine ehemalige Band WU LYF gesprochen.

Mit einem Online-Brief an seine Bandkollegen setzte Ellery James Roberts 2012 der Ekstase um den „Heavy Pop“ von WU LYF ein jähes Ende: „WU LYF is dead to me“. Außer „Kerou’s Lament“, das er 2013 unter seinem Namen veröffentlichte, gab es danach wenig von ihm zu hören, noch weniger zu sehen. Bis der Brite Ende 2014 mit seiner Freundin Ebony Hoorn, einer audiovisuellen Künstlerin aus Amsterdam, das gemeinsame Projekt LUH vorstellte: Wie die Liebe zum mehrdeutigen Akronym (offiziell: Lost Under Heaven; mittlerweile auf der Webseite auch: Love Unites Humanity) suggeriert der erste Song „Unites“ durch den begleitenden Internetauftritt voll Videos, Animationen, Collagen und Manifesten, dass es – wie bei der World Unite Lucifer Foundation – um mehr geht als „nur“ Musik. Während die Presse WU LYF wegen der Live-Shows und kryptischen Textzeilen gerne etwas Kult- oder gar Sektenhaftes andichtete, stimmt Ellery im DIFFUS-Interview zum Debüt „Spiritual Songs For Lovers To Sing“ zu, dass LUH zumindest auf einem ähnlichen Gedanken basiert.

Durch die Arbeit mit Ebony habe ich eine Ehrlichkeit zu mir selbst gefunden.

Was den Bewegungs-Charakter angeht, fühlt es sich an, als sei der Geist von WU LYF auch bei LUH präsent. Es ist eine Sehnsucht oder ein Verlangen danach, einen anderen Ort zu erreichen. Nicht einmal einen anderen Ort, sondern der Versuch in eine Entwicklung überzugehen.“ In der Umsetzung distanziert er sich jedoch klar von seiner alten Band, was ihm Ebony ermöglichte, die er als „romantisch und gefühlsmäßig ausgerichtet“ beschreibt: „Durch die Arbeit mit Ebony, dadurch, dass sie mich antrieb und sagte, sie gehe davon aus, dass wir uns wirklich reinhängen, habe ich eine Ehrlichkeit zu mir selbst gefunden. Man konnte nicht mit einer falschen Performance weitermachen. Es war ziemlich befreiend, das einzusehen. Lange Zeit, speziell mit WU LYF, war es so, als würde man bestimmte Dinge mit Produktions-Elementen verschleiern, auch mit der Performance einschließlich meiner Stimme. LUH nimmt den Ausdruck ernst, z. B. die Prosa, das Schreiben der Lyrics. Ich habe wirklich viel von mir selbst hineingesteckt und von meinem Verständnis davon, wo ich stehe und was ich tue.

Die neu gefundene Ehrlichkeit bringen Ellery und Ebony auf „Spiritual Songs For Lovers To Sing“ in eine ziemlich überwältigende Form. Mitproduziert von The Haxan Cloak verschmilzen bombastische elektronische Sounds mit reduziertem Ambient und organischen Instrumenten. Auf Ellerys raue, krächzige Stimme reagiert Ebonys Gesang, der genauso süß und wärmend wie bitter und unterkühlt sein kann. Ein stimmungsschwankender Songzyklus entsteht, über den Ellery sagt: „Der Kreislauf des Albums startet an einem ziemlich dunklen, materialistischem Ort. Aber während sich das Album weiterbewegt und fortschreitet, befreit es sich und schlägt eine Art Kurs der Erkenntnis ein. Es ist diese Einsicht, die zu ziemlich euphorischen, ekstatischen Zuständen führen kann, in denen du dich freier fühlst – oder zumindest frei von dir selbst.

luhWie „Spiritual Songs For Lovers To Sing“ musikalisch schwer zu fassen ist, weil alles dabei ist von Auto-Tune-Ausbrüchen („$ORO“) bis zu quasi-akustischen Songs („The Great Longing“), fordert das Album auch inhaltlich heraus. Auf der einen Seite gewähren LUH Einblicke in ihre Beziehung –  „Unites“ etwa nennen sie einen „love song for modern times“- kämpfen für Liebe und Hoffnung, auf der anderen Seite reiben sich an der heutigen Gesellschaft ab. Eingebettet in ihr audiovisuelles Gesamtkonzept und Verweise auf Philosophie, Kunst und Spiritualität wirkt das Debüt wie ein äußerst ambitioniertes Konzeptalbum, was sich allerdings nur als die halbe Wahrheit herausstellt:

Die konzeptuellen Ansätze sind meistens eine Rückschau. Vielleicht hast du zu dieser Zeit oder Monate zuor etwas gelesen. Daraus formuliert sich eine Idee oder eine Wahrnehmung, die sich dann in einen Song sät. Aber ich würde sagen, dass alle Songs als Versuch geschrieben wurden, etwas für mich oder für Ebony Bedeutendes oder die gemeinsame Erfahrung dessen zu verstehen. Nachdem das Album fertig war, fingen wir an darüber zu reden. Während wir diese Diskussionen führen, kann eine konzeptuelle Basis plötzlich einen Rahmen des Verstehens ergeben. Für mich fühlt sich aber der instinktive Antrieb wie die Motivation dahinter an.

Wir sind uns sehr darüber bewusst, was auf der Welt los ist und welche Rolle wir dabei spielen.

Deswegen wollen LUH mit ihrem Debüt die Welt weder erklären noch den Zeigefinger erheben. In erster Linie geht es um die existenzielle Frage, wie sie selbst unter den gegebenen Umständen zurechtkommen können: „Wir sind uns sehr darüber bewusst, was auf der Welt los ist und welche Rolle wir dabei spielen. Das einzig positive, das du einbringen kannst, ist, auf bewusste Weise zu leben. Wir bewegen uns in einem verfänglichen Netz, das überall ist, wohin wir schauen und uns drehen. Ich liebe einfach diese Alternativen zum „Mainstream-Lifestyle“. Die Erfahrungen mit ihnen erfüllen mich viel mehr, egal wie kurz das sein mag. Es ist so, als würdest du mit der Kultur, in der du lebst, brechen. Wir nutzen unsere Arbeit, um neue Alternativen zu unterstützen und anzuregen.

Vorschläge, Erfahrungsaustausch und gegenseitiges Verständnis bilden also einige der Grundpfeiler von LUH. Die vielen Zwischenideen zu Spiritualität („Das spirituelle Wesen ist für mich der menschliche Geist und das menschliche Potenzial. Es übersteigt Form, Rasse und Geschlecht.“), Umwelt, Medien, Gesellschaft, Politik usw. machen „Spiritual Songs For Lovers To Sing“ zu einem komplexen Werk zwischen Zeitgeist und zeitloser Grundhaltung. Es stellt nicht den Anspruch, vollkommen verstanden oder entschlüsselt zu werden. Viel mehr sieht Ellery es als eine von vielen Wahrnehmungen über die Welt und als Positionierung, vor der seiner Meinung nach Leute gerne zurückschrecken oder zu sehr darauf beharren:

Ich denke, dass jeder eine Verantwortung hat und seine Meinung rechtfertigen können sollte. Und verstehen muss, dass seine Meinung nur seine Meinung ist. Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt eine Art Unwillen, eine Meinung zu haben. Alles ist nur ein großer Brei. Keinerlei Rückgrat oder Ehrlichkeit zeigen – das ist eine Art zu leben, der ich grundsätzlich widerspreche.

LUH auf Tour – präsentiert von DIFFUS
24.05.16 – Köln, Yuca
25.05.16 – München, Strom
26.05.16 – Hamburg, Nachtasyl
27.05.16 – Neustrelitz, Immergut Festival

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