Liima im Interview: „Es gibt dauernd diesen kreativen Kampf, aber einen sehr freundlichen Kampf“

Zu einer Band namens Liima haben sich die Mitglieder von Efterklang und der finnische Perkussionist Tatu Rönkkö zusammengetan. Live hauen uns die vier vom Hocker, ihr Debüt „ii“ fängt den Geist wunderbar ein. Wir haben mit Liima über Improvisation, Amerika und das Nicht-Ende von Efterklang gesprochen.

Als Casper Clausen, Mads Christian Brauer und Rasmus Stolberg aka Efterklang im Februar 2014 Musiker, Freunde und Fans ins dänische Sønderborg einluden, sorgte das für einige Missverständnisse, wie Sänger Casper zwei Jahre später im Diffus-Interview erklärt: „Als wir diese Show spielten und „The Last Concert“ nannten, war das vielleicht etwas dumm. (lacht) Die Medien nahmen es so auf, als würde es kein Efterklang mehr geben. Das stimmt nicht. Wir haben erst letztes Jahr eine Oper gemacht, wir arbeiten immer noch zusammen und ich werde vermutlich für den Rest meines Lebens mit diesen Typen arbeiten. Efterklang ist nicht tot. Es ist immer noch da und es gibt unsere neu geschaffene Band Liima.

Liima, so die Kurzinfo auf der Facebook-Seite, ist Tatu Rönkkö + Efterklang. Als Live-Drummer hatte der Finne Efterklang (u. a. bei „The Last Concert“) schon einige Jahre begleitet, bevor sie 2014 zusammen Liima gründeten. Dass die Chemie zwischen dem Quartett stimmt und niemand als „Neuzugang“ außen vorbleibt, merkt man an der guten Laune und den kleinen Blödeleien auf und hinter Bühne schnell: Als sich Tatu und Casper etwa für das Videointerview vorbereiten und von der zusätzlichen Beleuchtung geblendet werden, ziehen sie Caspers Sonnenbrillen auf und beschließen: Heute geben sie mal ein Interview wie coole britische Rockstars der Sorte Alex Turner. „Lächle vielleicht so wenig wie möglich“, lautet Tatus Anweisung. Sie spielen ihre Rolle ziemlich überzeugend, wie im Ausschnitt oben zu sehen ist, kehren nach dem Interview aber direkt wieder zu ihrem energiegeladenen, fast euphorischem Selbst zurück.

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So eingeschworen und ausgelassen wie Liima auftreten, arbeiten sie auch an ihrer Musik. Die Songs ihres Debüts „ii“ sind die zu einem späteren Zeitpunkt verdichteten Ergebnisse aus vier „residencies“. Dabei handelt es sich um eine Art einwöchige Jamsession inklusive Abschlusskonzert, die in Finnland, Istanbul, Berlin und auf Madeira stattfanden. Ein Songwriting-Prozess, der vor allem durch Tatus Vergangenheit beeinflusst ist: „Ich denke, diese Band schreibt Musik wirklich kollektiv und demokratisch. Die Art, wie wir Lieder machen, die ganze Komposition, ist sehr spontan. Sie passiert, wenn wir jammen und gemeinsam an einem Ort improvisieren. Wir suchen uns danach die Ideen heraus, die uns gefallen. Mein Hintergrund als Improvisationsmusiker mag diese Qualität in den anderen hervorgebracht haben. Ich könnte sagen, dass sie großartige Improvisatoren sind, ohne es zu wissen, weil Efterklang vielleicht in der Vergangenheit auf ganz andere Art komponiert und produziert hat. Es ist eine ganz neue Dynamik, nicht 3+1 oder 1+3. Es handelt sich definitiv um ein neues Quartett, in dem sich alle Mitglieder gegenseitig inspirieren und aus der Komfortzone stoßen. Es gibt auch dauernd diesen kreativen Kampf innerhalb der Band. Aber einen sehr freundlichen Kampf.

Der Ansatz, die Songs aus der Improvisation heraus entstehen zu lassen, ist eine Besonderheit. Ebenso bezeichnend für Liimas Weg zu „ii“ ist, dass sie im Anschluss an die erste „residency“ in Finnland, nach der sie die unfertigen Songskizzen vor Publikum präsentieren, an anderen Orten nach demselben Muster verfahren. Tatu sagt dazu: „Uns hat dieser direkte Weg zu teilen und auch die Liveaufnahmen auf Soundcloud zu stellen, irgendwie gefallen. Wie durch Zufall hatten wir dann plötzlich 40 Konzerte in einem Jahr gespielt. Bis wir ins Studio gegangen sind vielleicht sogar 70. Die Songs haben während der Liveshows ihre finale Form angenommen. Wir haben gemerkt, wie wichtig es für Liima ist, vor Menschen aufzutreten und ihre Reaktion mitzukriegen, zu sehen, welche Songs funktionieren und wie wir sie vielleicht entwickeln sollten. So haben wir auch unsere Identität als Band gefunden. Liima ist definitiv eine Liveband und es war ein Riesenvorteil für uns die Musik so oft vor Leute zu spielen, bevor wir ins Studio gegangen sind.

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Obwohl sich die Songs von „ii“ unabhängig von den Orten, an denen sie geschrieben wurden, im Laufe der „residencies“ und Liveshows weiterentwickelten, beschreibt Casper sie als Art „Postkarten“ von den verschiedenen Orten, die viele Erinnerungen und Gefühle bei Liima wachrufen. Bedenkt man, dass „Amerika“ beispielsweise auf Madeira entstanden ist, überrascht die Titelwahl sicherlich, bis Casper die Hintergründe erläutert: „Die Grundidee war, dass wir uns an einem der westlichsten Punkte Europas befanden. Wenn du auf den Ozean hinausblickst, siehst du den Horizont und weißt, dass das nächste, was du sehen würdest, Amerika wäre. Ich dachte darüber nach, was Amerika für mich bedeutet. Es geht um das Gefühl von dem Amerika, mit dem ich aufgewachsen bin. Als ich zur Schule ging, bat ich meine Mutter mir Nikes zu kaufen. Ich erinnere mich daran meine erste VHS im Haus eines Freundes zu sehen. An den ersten McDonalds, das erste Happy Meal. Ich erinnere mich, dass die Mutter meines Freundes es aus ungefähr 40 km  Entfernung in mein kleines Städtchen gebracht hat. Sie gab uns das Happy Meal und ich dachte: „Das kommt aus einer anderen Welt.“ Es war so faszinierend und aufregend.

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Den langen Weg von der Improvisation über die Live-Shows bis hin zur einwöchigen Arbeit im Studio mit zwei befreundeten Produzenten fasst Casper folgendermaßen zusammen: „Für mich ist es wirklich so, als würdest du Whisky machen: Du erntest sozusagen die Grundzutaten und fängst an sie destillieren. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, aber auch mit Freunden und Leuten um uns herum, die uns geholfen haben, die Essenz der Songs zu finden. So wurden sie immer konzentrierter. Wir haben versucht, den Prozess offen und in einem sozialen Raum zu halten, der uns vier überschreitet.

Genauso wollen Liima in Zukunft weitermachen. Tatsächlich haben sie auf ihren Konzerten schon vier neue Songs im Gepäck, die sie austesten und entwickeln. Dafür lohnt es sich allemal, die Shows des Quartetts auf Festivals oder in Clubs zu besuchen. Noch mehr aber, weil man erst dann versteht, was es bedeutet, wenn Tatu von einer Liveband-Identität spricht: Mit riesigem Grinsen im Gesicht betreten Liima nach dem Interview die kleine Bühne in Hannover, fordern sich gegenseitig zu kleinen Jams heraus, lassen sich nicht von blutenden, getapeden Fingern aufhalten und bleiben auch nach dem Konzert noch lange bei ihrem Publikum am Merch-Stand, um Erfahrungen zu teilen. Sollte man dringend erleben!

Liima live:
28.05.2016 Neustrelitz, Immergut Festival
03.06.2016 Mannheim, Maifeld Derby

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