Phoria im Interview: „Sie mussten mich vom Computer wegzerren, damit das Album fertig wird“

Nach drei viel beachteten EPs haben Phoria aus Brighton Anfang Juni ihr Debütalbum "Volition“ veröffentlicht. Wir haben mit Sänger Trewin Howard über die Entstehung der Platte gesprochen.
Foto von Tom Undrell

Seit sechs Jahren schwirren Phoria immer wieder durch die Blogosphäre, die ihre feinfühlig auskomponierten, elektronisch angehauchten Soundexperimente begeistert aufnimmt. Die Geschichte der Band reicht aber viel weiter zurück: Drei der fünf Mitglieder – Trewin Howard (Sänger, Songwriter, Produzent), Jeb Hardwick (Gitarre) und Ed Sanderson (Piano/Synthesizer) – wuchsen im beschaulichen Salisbury auf und kennen sich aus Grundschulzeiten.

Im Musikunterricht wurde der Grundstein ihrer mittlerweile 20-jährigen Freundschaft gelegt. Die Frage, wie klar der Weg in die gemeinsame musikalische Zukunft war, beantwortet Trewin Howard so: „Ich denke nicht, dass solche Dinge allzu offensichtlich sein können. Man weiß nie was passiert, bis es wirklich passiert. Es war dennoch auf jeden Fall ein Traum von uns und wir hielten scheinbar lang genug an ihm fest, bis es sich tatsächlich materialisierte.“ Nach dem Studium ziehen sie nach Brighton und nehmen ihre neuen Freunde Tim Douglas (Bass, Synthesizer) und Seryn Burden (Drums) in die Band auf. 2010 erscheint Phorias erste EP „Yourself Still“.

Die Songs -wie auch auf den folgenden EPs „Bloodworks“ (2013) und „Display“ (2014) – bewegen sich in einem Spannungsfeld: Akustische und elektronische Klangerzeugung vermischt sich zu einem zerbrechlich-reduzierten bis überwältigenden Sound, dem Trewins Kopfstimme etwas Außerweltliches verleiht. Nicht nur die Ähnlichkeiten zu James Blake, Radiohead oder Mew führen zu digitalem Ruhm und ausverkauften Konzerten. Auch die Videos und Live-Visuals sind so raffiniert inszeniert wie die Songs selbst: „Mein Kumpel Jeb ist ein fantastischer Videokünstler und so entwickelten sich die musikalische Ästhetik und die Visuals miteinander in perfekter Harmonie <3“, schwärmt Trewin im Mailinterview.

Obwohl die regelmäßige Veröffentlichung von EPs und deren audiovisuelles Konzept, das ihnen z. B. einen Auftritt bei der Cultural Olympiad 2012 in London einbringt, für Phoria ein erfolgsversprechender Ansatz zu sein scheint, liegt ihnen die Albumform am Herzen und sie arbeiten  auf ihr kürzlich erschienenes Debütalbum „Volition“ hin: „Ein umfangreiches, vereinheitlichtes Statement einer künstlerischen Absicht wird immer wichtig sein. Eine EP ist ein netter Vorgeschmack davon, was eine Gruppe oder ein Künstler tun kann. Aber letztendlich musst du den Leuten eine Stunde aus deiner Welt ins Gesicht schmettern! Der Erfolg unserer EPs half eigentlich nur dabei, uns anzuspornen. Ich habe die Musik definitiv mit einem großen Publikum im Kopf geschrieben, aber ich denke nicht, dass unsere Musik darunter leidet, weil ich sie schon immer schrieb, um Leute anzulocken.“

Tatsächlich knüpft „Volition“ auch direkt an den bisherigen Veröffentlichungen an. Das sechsminütige Kernstück „Loss“ etwa vereint die Essenz von Phoria. Auf den zurückhaltenden Beginn mit ein paar Beats und Piano-Anschlägen folgt ein symphonisches Streicher-Instrumental, das wiederum Synthesizer aufbrechen. Die klassische Grundausbildung trifft auf Spaß am Experiment. Mit „Emanate“, „Red“ und „Undone“ fügen sich außerdem Stücke von den EPs nahtlos in das neue Material ein. Diese aufs Album zu übernehmen, machte laut Trewin Sinn, da es sich bei allen Tracks um eine Auswahl aus 150 Songs handle, die Phoria seit Jahren begleiten.

Über den größten Unterschied zwischen der Arbeit an einer EP und LP sagt der Sänger: „Es waren mehr Songs, deswegen dauerte es länger. Es kostete uns ungefähr so viel Geduld und Anstrengung, als würde man eine durchschnittliche Kathedrale bauen.  Die Stücke werden in meinem Hirn geschrieben und dann durch das kritische Netz gequetscht, das die Hirne meiner besten Freunde/Bandmitglieder bildet.“

Wer Phoria auf Youtube sucht, findet von vielen ihrer Songs verschiedene Versionen, mal rein akustisch, mal elektronisch. Ob man die Arbeit an einem Song abschließen kann, verneint Trewin deswegen auch: „Niemals! Sie mussten mich physisch von meinem Computer wegzerren, damit das Album fertig wird (danke, Ed). Sich entscheiden ist der schwierigste Teil, aber wenn du Monat um Monat Mühe investierst und alles selbst tust (kein Produzent), erhältst du die klarste Form, die möglich ist.“

Auf die Frage, was Phoria für ihr Debütalbum planen, antworten sie uns 2014: „etwas weirdes und wunderbares. Wir wollen unser eigene halluzinogene Droge schaffen, die dich das Album so erfahren lässt, wie es uns passend erscheint.“  Genauso würden sie „Volition“ heute laut Trewin Howard allerdings nicht mehr beschreiben: „Ich kann mich nicht erinnern, was wir damit gemeint haben. Wir reden manchmal viel S^*t. Ich hoffe, dass du, wenn du dem Ganzen Zeit und ein gutes Paar Kopfhörer gibst, eine Art euphorische, höchst sexuelle, außerkörperliche Erfahrung machst.“

4 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.