Suns of Thyme im Interview: „Deutschland ist ganz schön quadratisch“

Im Interview spricht Sänger und Gitarrist Tobias Feltes darüber, was es als Psychedelic Rockband bedeutet, auf einem renommierten Metal Label zu veröffentlichen, wie Kunst seine Herangehensweise an die Musik geändert hat und welche Unterschiede zwischen Indien und Deutschland bestehen.
Foto von Joe Dilworth

Die internationale Psych-Rock-Szene blüht und auch in Deutschland sprießen mehr und mehr interessante Bands wie Oracles, Okta Logue oder die äußerst spannenden Suns of Thyme hervor. In Genres einordnen lassen sich letztere aber nur sehr schwer, irgendwo zwischen Psychedelic Rock, Shoegaze, Kraut Rock und Post Punk haben sie sich angesiedelt. Sie selbst nennen das „Krautgaze“.

Gerade haben Tobias, Tim, Jascha, Jens und Tammo ihr zweites Album „Cascades“ auf Napalm Records veröffentlicht. Das mag auf den ersten Blick erst einmal überraschen, denn das Label hat sich vor allem mit Metal einen Namen gemacht. Anfängliche Zweifel der Band, ob sie denn dort überhaupt hinein passen würden, konnten aber schnell abgelegt werden: „Auf der einen Seite war erstmal Napalm mit einem unschlagbaren Angebot da, sodass wir auf jeden Fall unsere Kreativität zu hundert Prozent behalten konnten. Da wird uns nicht reingesprochen. Das war uns das allerwichtigste“, sagt Tobias Feltes über die Zusammenarbeit.

Besonders das entgegengebrachte Engagement, ist der Band dabei wichtig: „Der persönliche Kontakt mit Billie [A&R Napalm Records] hat einfach direkt super gut funktioniert. Da dachte man sich: mit so einer Person wollen wir gerne zusammenarbeiten, das ist eine gute Bereicherung fürs Team.“ Eben jene war sogar so begeistert von der Band, dass sie sie bereits bei ihrem letzten Arbeitgeber, einem konkurrierenden Metal-Label, welches den Blick über den Tellerrand allerdings nicht wagte, unterbringen wollte. Natürlich spielt mittlerweile auch der weltweite Release des Albums von Suns of Thyme eine große Rolle. Während die Band für ihr 2013 erschienenes Debütalbum „Fortune, Shelter, Love and Cure“ noch selbst die Schallplattenpäckchen schnüren mussten, kümmert sich Napalm Records nun um den internationalen Verkauf.

Den Song quasi zu fragen, was er sein will und dann in diese Richtung zu arbeiten.

Das neue Album „Cascades“ ist eine konsequente Weiterentwicklung des Vorgängers. Es klingt direkter und grooviger, ohne dabei den typisch sphärigen Sound einzubüßen. Auch wenn das Album bereits fertig war, als die Band den Vertrag mit Napalm unterschrieb, passt es gerade dadurch ganz gut zum Label. Generell sei es wichtig, nicht auf der Stelle zu treten, findet Tobias: „Es ist eine ständige Entwicklung. Ich denke, auch beim nächsten Album wird es noch einmal anders aussehen und das ist auch etwas, was uns wichtig ist. Dass wir nicht aufhören weiterzuarbeiten und weiterzugucken. Wo kann es hingehen? Den Song quasi zu fragen, was er sein will und dann in diese Richtung zu arbeiten.

Aber nicht nur der Sound hat sich weiterentwickelt, auch an der Besetzung von Suns of Thyme hat sich etwas getan. Tammo, der lange Zeit das inoffizielle fünfte Mitglied war und bereits seit Anfang der Bandgeschichte mit auf Tour dabei ist, wurde nun auch stärker ins Songwriting einbezogen. „Schönes Beispiel: ‚Schweben‘, da kam im Prinzip die komplette Songoutline von ihm und dann haben wir angefangen damit irgendwie was zu machen.“ Generell sind sie auch als Band enger zusammengewachsen: „Diesmal war wirklich jeder irgendwie ins Schreiben involviert, was vorher natürlich zum gewissen Teil auch schon der Fall war. Da war es aber hauptsächlich so, dass ich irgendwie den Song gebracht habe und wir das dann zusammen erarbeitet haben.“ Die neuen Songs seien alle gemeinsam im Proberaum entstanden, was teilweise ziemlich anstrengend gewesen sei, erklärt Tobias: „Man muss da erst mal einen Weg finden, wie man hinkriegt, dass das funktioniert. Das führt dann aber auch dazu, dass es eben jetzt so klingt, wie es klingt. Dadurch ist es auch sehr vielseitig, weil eben jeder seine Geschmäcker und seine Einflüsse mit reinbringt.

Zu diesen Einflüssen gehört unter anderem auch klassische indische Musik, mit der sich Tobias Feltes seit zwei Jahren intensiv beschäftigt. „Ich merke diesen Einfluss auch viel an der Art, wie ich Gitarre spiele.“ Die Sitar, die ihm sein indischer Lehrer beibringt, wollte er jedoch ursprünglich auf dem Album gar nicht einbringen. Die Beatles hatten unter anderem schon damit experimentiert und Suns of Thyme sei es wichtig gewesen, kein klischeebehaftetes „Revival Ding“ zu machen. Die Songs sollten schließlich aus einem natürlichen Prozess entstehen, es solle nicht künstlich etwas in den Song gepresst werden, was dort nicht hineingehöre. Letztendlich hätte es dann aber den Moment und den passenden Song dafür gegeben und alle waren sich einig, dass das nordindische Saiteninstrument perfekt passen würde.

Nach den Albumaufnahmen ging Tobias Feltes für einige Monate nach Indien. Raus aus dem bekannten Umfeld, aus bestehenden Mustern ausbrechen und das typisch deutsche Denken ablegen. Das chaotische Leben in Indien würde einen ansonsten überfordern, sagt er. Wieder in Deutschland angekommen bedeutet das erst einmal Kulturschock: „Krass! Ist alles ganz schön quadratisch„, sagt er über die ersten Eindrücke zurück in der Heimat. „Die Architektur und die Straßen, alles ist super kantig, gerade und quadratisch und das spiegelt sich natürlich auch darin wieder, wie man denkt, wie man handelt. Ich glaube es ist ganz schön, wenn man die Möglichkeit hat, mal rauszugehen, zurückzukommen und dann vielleicht irgendwie so einen Mittelweg zu finden.“

Dass die Band eher das abstrakte schätzt, spiegelt sich auch im Musikvideo zu „Cataclysm 2084“ vom Vorgängeralbum wider, welches Szenen aus dem psychedelischen Science-Fiction-Film „La Planète sauvage“ zeigt. Auch in Gallerien haben sie in den letzten Jahren immer wieder mal gespielt. Und das kommt nicht von ungefähr, denn Tobias‘ Freundin ist Künstlerin und inspiriert ihn, abstrakte Konzepte auf die Musik zu übertragen: 
“Ich hätte früher vielleicht stundenlang vor einem Papier gesessen und es mir angeschaut und gedacht: Ok, was male ich jetzt? Und dann hätte ich versucht irgendwas, was ich mir vorgestellt habe, aufs Papier zu bringen.“ Jetzt hingegen würde er einfach anfangen und die einzelnen Dinge Stück für Stück ausarbeiten.

Etwas bewusster zu machen ist ein super Weg, die Dinge freier entstehen zu lassen.

Diesen Ansatz habe ich von ihr und den habe ich zu einem gewissen Grad auch schon in der Musik angewendet. So etwas bewusster zu machen ist ein super Weg, die Dinge freier entstehen zu lassen. Die Songs zu fragen, was sie wollen und sich nicht vorher zu überlegen: jetzt schreiben wir so einen Song, was sind die Elemente dafür? Das ist dann immer ein bisschen vorhersehbar.“ Das Lied „Ich träum von dir“ ist sicherlich ein gutes Beispiel für diese freie Arbeitsweise. Der Songtext sei anfangs noch ein komplett deutscher gewesen, was allerdings nicht so gut funktioniert habe. „Der deutsche Refrain aber schon.“ Der Refrain blieb also Deutsch, während die Strophen nun in englischer Sprache zu hören sind.

Abschließend bleibt natürlich noch die Frage, ob Tobias als Mitglied von Napalm Records denn nun selbst zum Metal gefunden hätte. Darauf gibt er zu: „Ich habe da überhaupt keine Ahnung von, muss ich ehrlich sagen.“ Leuten, denen es ähnlich geht wie ihm, empfehle er aber die Bands Earth, Om, und das Album „Dopes To Infinity“ von Monster Magnet.

Suns of Thyme sind im September auf Deutschland-Tour, „Cascades“ ist ab sofort erhältlich.

01.09.2016 – München, Sunny Red
02.09.2016 – Augsburg, Soho
03.09.2016 – Stuttgart, Keller Klub
06.09.2016 – Hannover, Lux
07.09.2016 – Frankfurt, Nachtleben
08.09.2016 – Saarbrücken, Kleiner Klub
10.09.2016 – Hamburg, Hafenklang PSYCH Festival
18.09.2016 – Berlin, Berghain Kantine
19.09.2016 – Köln, Blue Shell
28.09.2016 – Nürnberg, muzClub
29.09.2016 – Dresden. Groovestation

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