Carlos Cipa und das Orchester im Treppenhaus im Interview

Die Fronten sind manchmal verhärtet, wenn es um die Vorliebe für Pop oder Klassik geht. Dabei wächst längst zusammen, was angeblich nicht zusammengehört. „Neo-Klassik“ heißt das Schlagwort – ein umstrittener Begriff, der aber für mehr steht als nur eine Modeerscheinung.
Foto: Simon Bierwald

Samstagnacht, Bredero-Hochhaus, 16. Stock. Hoch über Hannover bewegt sich das Publikum zu wummernden Beats. In einem weitläufigen Raum ohne Putz, neben improvisierten Sitzmöglichkeiten aus Decken, Paletten und aufblasbaren Kissen. So weit, so Hipster. Der große Unterschied: Die Feiernden bejubeln keinen lässigen DJ auf der Bühne, sondern ein junges Orchester mit Streichern, Bläsern, Percussions und Schlagzeug. Seit 2006 bemüht sich das hannoversche Orchester im Treppenhaus darum, Klassik auf untypische Weise zu präsentieren, und bietet Nachwuchsmusikern und -komponisten die Chance, sich auszuprobieren. An DISCO-Abenden wie diesem verspricht es „analoge Echtzeitelektronika, klassischen Dub, akustischen Ambient“. Nach der „Schnittstelle zwischen klassischer Musik und Clubkultur“ suche das Projekt, sagt Dirigent Thomas Posth. Und alle sind willkommen: von Jung bis Alt, in schickem Kleid oder ranziger Jeans, von Clubgängerin bis Konzertbesucher. Gemessen an der Euphorie unter den Anwesenden scheint der musikalische Plan vom ersten Moment aufzugehen.

Viele Stücke der etwa 1,5-stündigen, man möchte sagen, Setlist sind Uraufführungen der Werke junger Komponisten. Die ersten Töne etwa, die das Orchester im Treppenhaus an diesem Abend spielt, stammen aus der Feder von Carlos Cipa. „Rise a metre, then step aside“ komponierte er speziell für diesen Anlass. Nach seinem Auftritt in der Feinkost Lampe (Hannover) habe das Orchester ihn „angestupst“ und recht schnell sein Interesse an einer Zusammenarbeit wecken können. Es sei einfach gewesen, sagt Posth, denn Cipa gehöre zu den Komponisten, „die sowieso schon auf der Kante stehen zwischen klassischer Musik und nicht-klassischer Musik oder Popmusik oder wie man das nennen will“.

Neo-Klassik, ein schwieriger Begriff

Print und Rundfunk haben schon seit einiger Zeit eine Lösung parat, um diese Überschneidung von „Pop“ und „Klassik“ zu beschreiben: Das Genre „Neo-Klassik“ geistert durch Feuilletons, wenn von Künstlern wie Nils Frahm, Ólafur Arnalds oder Hauschka die Rede ist. Dem NDR taugt „Neo-Klassik“ gar als Überschrift für das Symfotronik-Festival am Rande des Kunstcamps Artville in Hamburg, bei dem 2015 unter anderem Carlos Cipa auftrat.

Gemein haben die Künstler in gewisser Weise, dass sie vorwiegend Eigenkompositionen für Klavier oder für ein Orchester schreiben und selbst aufführen. Die zentrale Rolle solcher Instrumente, ausgefeilte Melodien und Harmonien sowie das häufige Fehlen von Text rufen die „Klassik“-Assoziation hervor. „Neo“ daran ist vor allem die Produktion: Elektronische Elemente oder das Einfügen von Atmo-Aufnahmen sorgen in den Stücken für neuen, „poppigen“ Klang.

Der Begriff sei „natürlich schwierig“, sagt der Münchner Komponist und Musiker Carlos Cipa im Interview, „weil er so expandiert. Aus allen Löchern springen jetzt Leute heraus, die sozusagen Neo-Klassik machen.“ Bei ihrem musikalischen Hintergrund und ihrer Herangehensweise gebe es aber gravierende Unterschiede zwischen den vielen Künstlern, die das Schlagwort „Neo-Klassik“ zusammenfassen will. Einigen fehle zum Beispiel der eigentliche Zugang zur Klassik, sie seien viel näher am Pop dran als er.

Cipa selbst fängt mit sechs Jahren an Klavier zu spielen und geht, bis er 16 Jahre alt ist, „den richtig klassischen Weg“. Als Teenager entdeckt er das Schlagzeug, tritt mit Bands auf und lernt so die Welt der „populären“ Musik kennen. Nach Veröffentlichung seines Piano-Debüts „The Monarch And The Viceroy“ studiert er zeitgenössische klassische Komposition. Mit „All Your Life You Walk“ legt er dann ein Album nach, auf dem er sich an Experimente in der Produktion wagt. „Der Sound ist heutzutage einfach einer der wichtigsten Faktoren, um etwas wirklich zeitgeistig zu machen. Man muss allerdings aufpassen, dass es zeitlos bleibt. Aber gerade mit Synthesizer oder akustischen Elementen, die elektronisch bearbeitet werden, kann man viele neue Farben hineinbringen.“ Gleichzeitig arbeitet er aber mehr „mit Form, Motiven und Noten“.

Das klingt im ersten Moment ein bisschen nach dem, was als Neue Musik verschrien ist. Doch genau davon grenzen sich Cipa, Frahm oder Arnalds ab. Deswegen suchen alle so begierig nach einem neuen Begriff, weil die Künstler das Problem zeitgenössischer Musik erkennen und umgehen: „Die Welt der klassischen Komposition ist im 20. Jahrhundert ja einen ganz anderen Weg gegangen, weg vom Publikum, rein in den Elfenbeinturm, ins Akademische. Da bin ich eher in der Tradition von David Bowie: Man steht auf der Bühne und man macht Musik für die Menschen.“

„Man hat auch eine Verantwortung für klassische Musik“

Dass es dafür eine Marktlücke gibt, zeigen vor allem die Erfolge von Nils Frahm. Er spielt mittlerweile auf den großen Festivalbühnen, unter anderem beim Melt! oder dem britischen Wilderness, und füllt riesige Hallen. Cipa dazu: „Nils Frahm hat es geschafft, die Münchner Muffathalle bis auf den letzten Platz zu füllen. Da waren 1000 Leute, stehend. Das ist absolut krass, das ist undenkbar. Ich habe in der Muffathalle schon riesige Indie-Bands gesehen, zu denen nur die Hälfte der Leute kam. Ich habe keine Ahnung, wann und wie das passiert ist! Aber es ist mittlerweile wirklich, wirklich riesig geworden.“

Eine Theorie hat der Mittzwanziger aber doch, als es um die Rolle von Labels wie seinem, Denovali Records, oder Erased Tapes, dem Label von Arnalds und Frahm, geht: „Erased Tapes ist eine wichtige Instanz, weil sie das extrem vermarktet haben, auf eine neue Art und Weise. Das Publikum ist sehr an Indie interessiert, kommt vielleicht aus dem Postrock, aus allen möglichen Bereichen. Es sind natürlich auch richtige Indie-Label. Neo-Klassik war im Endeffekt eine Indie-Musik.“

Dass diese neue Strömung niemals ein Ersatz für klassische Werke von Mozart, Schubert, Beethoven und Co. sein kann und darf, da sind sich Carlos Cipa und Thomas Posth einig. Vielmehr hoffen sie, durch Projekte wie das Orchester im Treppenhaus oder Clubkonzerte am Flügel das Pop-Publikum wieder für die alten Meisterwerke interessieren zu können. Die wilden Diskussionen darüber, ob diese Musik nun mehr Klassik oder mehr Pop sei, bergen laut Cipa nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Gefahren: „Wenn man sich als klassischer Musiker ausgibt, könnte es passieren, dass die Leute am Ende noch weniger wissen, was Klassik ist, also noch mehr verloren geht. Deswegen hat man meiner Meinung nach auch eine Verantwortung für klassische Musik.“

Mit neuen Kontexten und Aufführungsorten für Werke der Klassik geht das Orchester im Treppenhaus dieser Pflicht vielleicht schon nach, egal ob es „Sommernachtsturnen“ zu Mendelssohn oder Schauspieleinlagen zu Mozart („KlassikCLUB“) anbietet. Vor allem die Neue Musik könnte davon profitieren, wenn sie „die Scheuklappen verliert und in Richtung Popmusik guckt“, glaubt Posth, sich also dem Publikum öffnet statt sich in den Elfenbeinturm zurückzieht. Ob „Neo-Klassik“ ein „Trend oder ein Zeitphänomen ist, das dann wieder einbricht“, kann Carlos Cipa im Moment schwer einschätzen. Aber er hofft, „dass die Entwicklung weitergeht, noch mehr interessante Sachen passieren und Klassik insgesamt dadurch wieder mehr in den Vordergrund tritt. Mal schauen, was man selbst dazu beitragen kann.“

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