Pumarosa im Interview: „Wir haben immer den Drang, auf irgendeine Art zu explodieren.“

Als „Industrial Spiritual“ beschreiben Pumarosa ihren ausufernden Sound, der alles mitnimmt zwischen Dance und Rock. Die britische Musikpresse handelt die Londoner seit ihrer Debütsingle „Priestess“ hoch, im Mai erscheint ihr erstes Album „The Witch“. Via Skype haben wir mit Drummer Nick Owen über gute Produzenten, London und ihr Debüt gesprochen.
Foto: Red Light Management

Die Woche vor unserem Interview verbrachten Pumarosa mit Konzerten in Australien und Japan. Trotz Jetlag und straffem Zeitplan dort ist Drummer Nick, mittlerweile wieder in London, immer noch berauscht von der Erfahrung. Nicht mal seine Angst vor Haien konnte ihn davor abhalten, in Australien ins Meer zu steigen und er bezeichnet das Land als „so wunderschön, dass es einfach lächerlich ist“, besonders wenn er an die Rückkehr aus dem australischen Spätsommer in die graue britische Hauptstadt denkt. In Tokio überraschte die Band vor allem das Publikum: „Man kommt auf die Bühne, wird mit berstend lautem Applaus empfangen. Dann herrscht eine Stille, in der man eine Nadel fallen hören könnte. Nach einem Song ist es das gleiche. Das ist ganz gut, weil man weiß, dass die Leute zuhören. Aber es gibt niemanden, der säuft und keinen Typen, der ganz hinten steht, trinkt, schreit und bei dem du dich fragst, warum er eigentlich hier ist.“

Gewohnt sind Isabel Munoz-Newsome, Neville James, Henry Brown, Tomoya Suzuki und Nick Owen von Gigs zu Hause wohl eher Letzteres. Zur Zeit ihrer ersten Single-Veröffentlichung „Priestess“ traten sie zum Beispiel mit der befreundeten Band SWEAT in einer heruntergekommen Halle auf, in irgendeiner Seitenstraße Londons. Dass es bei den 200 Besuchern dort stürmischer zuging, wahrscheinlich keine Frage. Zumal Pumarosas Songs und Performance selbst oft genug in Ekstase gipfeln. Über sieben Minuten breitet sich etwa „Priestess“ aus: Obwohl der Track nur langsam mit Bass beginnt, gerät man sofort in den hypnotischen Sog von Isabels packenden Vocals, ist überzeugt, dass die Sängerin mit den Zeile „I know you“ jeden im Publikum meint. Tatsächlich geht es in dem Lied um Isabels Schwester Fernanda, eine professionelle Tänzerin, die auch im Musikvideo zu sehen ist, und die Huldigung von Tanz als Ausdrucksform. Der Song schraubt sich im weiteren Verlauf hoch, mit Drums, Gitarre, Synths, einem Saxofon. Live tanzt Isabel, selbst völlig gefesselt, dazu fast wie bei einer rituellen Zeremonie. „Priestess“ ist Dance Music im wörtlichen Sinn, stilistisch ist die Mischung aus Dance, Rock, Pop und Wave kaum zu fassen.

Zu ihrem jetzigen Sound fanden Pumarosa schrittweise. Am Anfang war die Band ein Duo. Isabel und Nick lernten sich kennen, als sie als einzige zur Probe eines geplanten Bandprojekts auftauchten. Von dann an machten sie zusammen Musik, „probierten verschiedene Stile aus und spielten mit anderen Leuten“. Schritt für Schritt sammelten sie während dieser Findungsphase die übrigen drei Bandmitglieder ein. Ganz im DIY-Stil arbeiteten sie sich mit Auftritten in Londons Musikszene hoch, lebten eine Zeit lang angeblich in bzw. in einem Zelt auf einer Lagerhalle in Tottenham und landeten irgendwann im alten italienischen Kino eines Freundes direkt am Meer, wie Nick erzählt: „Sein Großvater hatte in den 1930ern dieses riesige Kino gebaut, irgendwie brutalistisch und unerschütterlich. Damals muss das der place to be gewesen sein. Mittlerweile ist es außer Betrieb. Er betreibt es jetzt als eine Art Event-Location und bietet Künstlern Unterkünfte und Büroräume an. Man koexistiert gewissermaßen mit ihm, er hat eine echt gute Ausstrahlung. Wir wurden eingeladen, hinzukommen und machten ein paar Aufnahmen und neue Songs. Die ganze Erfahrung war unglaublich.“

In London kamen sie über ihren Manager in Kontakt mit dem Produzenten Dan Carey (u.a. Kate Tempest, Django Django, Bat For Lashes). Er trug zumindest teilweise dazu bei, dass Pumarosa „Priestess“ Ende 2015 als erste Single veröffentlichten, obwohl es mit über sieben Minuten Laufzeit nicht gerade radiotauglich ist: „Dan wollte genau diesen Song aufnehmen, das war die Voraussetzung. ‚Priestess‘ war damals also unsere einzige Option, weil es unsere einzige Aufnahme war. Andererseits war es vermutlich ein mutiger Schritt, einfach zu sagen, dass es keine dreieinhalb Minuten sind, es keinen richtigen Radio Edit dafür gibt. Der Struktur des Songs baut darauf auf, dass er sehr lang ist. Anders funktioniert es nicht. Rückblickend denke ich, dass es eine gute Entscheidung war. Ich denke nämlich, wenn du so einen Track veröffentlichst und ein bisschen mit der Norm brichst, schaffst du dir die Möglichkeit, danach eigentlich alles tun zu können. Dann werden die Leute nicht herablassend sein, wenn du das nächste Mal etwas Ähnliches machst. Sei so extrem wie möglich.“

Diese erste professionelle Aufnahme trat den Hype um Pumarosa los. „Wenn man selbst Sachen bei SoundCloud hochlädt, lässt man sie für zwei Tage da und checkt zwangsläufig – ich bin mir sicher, jeder Musiker tut das – wie oft der Songs gespielt wurde. So 25-mal. Als wir „Priestess“ veröffentlichten, erschienen wir zum ersten Mal über ein Label. Es war aufregend. Ich erinnere mich, dass ich von der Arbeit nach Hause kam, mir während der ersten Tage ziemlich obsessiv die Playzahlen anschaute und mir dachte: ‚Oh My God, es hören 2000, 3000 Leute diesen Song‘“, erinnert sich Nick im Interview. Mit dem Presseecho zu ihren Konzerten und Veröffentlichungen beschäftige er sich allerdings nicht mehr: „Man sollte es irgendwie ignorieren, sonst gerät man in eine Feedback-Schleife. Ich denke, es ist wichtiger, sich auf das Musikmachen und die anderen Dinge zu konzentrieren. Ein gutes Beispiel dafür ist unser Gig im Londoner Village Underground. Der Auftritt lief super und wir hatten danach eine gute Nacht. Am Morgen schickte uns unser Manager die Review vom Guardian zu. Ich hatte vorher gar keine Zeit, zu verarbeiten, was passiert war. Ich wachte also buchstäblich auf und las die Rezension auf meinem Smartphone. Es war einfach nur merkwürdig. Ich färbte meine Erinnerung sofort damit ein, weil es da ja so geschrieben stand. Seitdem lese ich nichts mehr.“

Viel Zeit dafür wäre ihm ohnehin nicht geblieben: Festival-Auftritte, Support-Shows für Glass Animals in den USA, eine eigene Tour und eine selbstbetitelte EP (2016) folgten unter anderem auf den Erfolg von „Priestess“. Letzten Sommer setzten sie sich außerdem erneut mit Dan Carey zusammen, um ihr Debütalbum „The Witch“ aufzunehmen. Der Prozess habe Spaß gemacht, sei manchmal aber „hart“ und „ermüdend“ gewesen, sagt Nick. Ins Schwärmen kommt er, wenn er von Dan erzählt: „Für mich ist er der Inbegriff eines Produzenten. Vorher dachte ich nur: ‚Ist ein Produzent nur jemand, der viel Geld kriegt, obwohl du ihn nicht brauchst?‘ Dan hat mir voll offenbart, wie ein Produzent mit einer Band oder einem Künstler zusammenarbeiten sollte. Er hat ein fantastisches Studio, schönes altes Equipment, echt schräge Gitarren an der Wand, eine Reihe von Synths, Percussions und ein tolles Drum Kit. Überall wo du hinsiehst, gibt es etwas zum Anfassen. Das Ganze lief sehr flüssig. Es gab nie einen Moment, in dem wir dastanden und uns fragten, was wir tun sollen. Wir kamen um zehn Uhr morgens, tranken Kaffee und plötzlich war es sechs Uhr und wir waren ziemlich hungrig. Wir waren verblüfft, wie viel man so schnell machen kann. Dan ist der Meister darin zu wissen, welche Richtung man als nächstes einschlagen sollte.“

Das, was auf „The Witch“ zu hören ist, nennen Pumarosa selbst „Industrial Spiritual“. Anfangs meinten sie das laut Nick eher „ironisch“ und bezeichneten ihren Stil so, weil sie Genre-Zuordnungen wie Cold Wave, Space Jazz oder Blues Rock Leid waren. Gleichzeitig fasst der Term sehr treffend zusammen, was in der Musik von Pumarosa steckt. Eine spirituelle, transzendente Wirkung haben „Priestess“, „Dragonfly“, „Red“ und eigentlich alle Songs, weil das Quintett jedem Raum zur Entfaltung gibt, mit rhythmischen Wechseln spielt, Instrumente hinzufügt, wieder verschwinden lässt und Isabels Gesang mal gespenstisch überall allem weht, mal selbstsicher die Richtung vorgibt. „Wir haben immer den Drang, auf irgendeine Art zu explodieren. Es klingt sehr prätentiös, aber ich denke, es ist kathartisch“, beschreibt Nick das Gefühl.

Das „Industrial“ kontrastiert diese losgelöste, erhabene Ebene. „The Witch“ sucht Euphorie, kann aber auch sehr profan und realistisch sein. „Honey“ schrieb Isabel, nachdem sie „Bitter Lake“ eine Dokumentation über die Situation im Mittleren Osten gesehen hatte. Im Titeltrack „The Witch“ beschäftigte sie sich mit der „Transformation der Vorstellung einer Hexe als starke weibliche Präsenz in der Gesellschaft zu einer durch das Patriachat dämonisierten Gestalt“. Das Album allgemein geht der unumgänglichen Frage nach, „was es heutzutage bedeutet, eine Frau zu sein.“ „Lions Den“ ist getrübt von Kummer über den Stand der Dinge in London, mit unbezahlbaren Miete und weiterer Privatisierung durch die Elite. „Frustrierend“ nennt Nick die Situation in London, auch wenn die Stadt nach wie vor ein toller Ort für Untergrund-Musik sei. Der Brexit hingegen sei für ihn der reine „Albtraum“.

Die eigentliche Frage hier ist für Nick aber: „Ist Musik der Ort, um sozialen Wandel anzustoßen?“ Seiner Erfahrung nach gebe es wenige Beispiele, in denen Musiker wirklich etwas bewegen konnten. Für ihn hängt das mit den Grundbedingungen des Musikmachens heute zusammen: „Viel Musik heute – wie soll ich es sagen – ist Musik, zu der man Latte trinkt… Man sollte versuchen, die Welt zu reflektieren und kommentieren. Wenn du denkst, etwas sei unfair, solltest du es sagen. Es gibt einige Songs auf unserem Album, die das explizit machen oder zumindest so gesehen werden können. Und es gibt die andere Seite der Musik, die wie eine hypnotische Kraft ist, dich deinen Verstand zurücklassen lässt und in neue Richtungen weist. Vor allem live kann man die Kraft einer Klangwelle dafür nutzen. Musik sollte den Geist erweitern, oder? Ich fürchte, dass sie das im Ganzen nicht tut, weil sie von einer Formel getrieben wird, die profitabel sein soll. Das ist nie eine gute Grundlage fürs Musikmachen. Wenn du an eine Trommel denkst und drei oder vier Leute, die darauf einschlagen, geht es um ein Tempo und darum, wie das Tempo dein Herz, deinen Körper und deinen Geist berührt. Das ist etwas Impulsives, das Leute immer getan haben. Es ist kurios, wie etwas so Simples und die Art, wie es in die Welt hinausgetragen wird, von einer Industrie kolonialisiert wurde.“

Pumarosa sind sich bewusst, dass sie mittlerweile selbst Teil dieses Prozesses sind und damit umgehen müssen. Als vorbildhaftes Gegenbeispiel nennt Nick Genesis P-Orridge von Throbbing Gristle und Psychic TV: „Er ist Musiker, Performance-Künstler und mit so viele wichtigen Denkern verbunden. Er stand mit William S. Borroughs in Kontakt und hat globale Tentakel in eine sehr spannende Szene. Er ist so interessant, weil er sein Zeug selbst veröffentlicht und verrückt ist, verdammt intensiv und das wohl überlegt. Deswegen überlebte die Bedeutung seines Werks, weil er so viszeral ist bei dem, was er tut. Im Grunde versucht er, die Art, wie Menschen denken, neu zu verkabeln und herauszufordern. Ich schätze, es wäre nicht klug zu sagen, dass wir versuchen, das zu tun. Aber wir sind definitiv von Leuten inspiriert, die fähig scheinen, eine globale Perspektive zu eröffnen.“

Einen gewissen viszeralen Effekt haben Pumarosas Songs auf dem Album und live auf jeden Fall schon. Wie sich die Soundlandschaften langsam ausdehnen und gleichzeitig die volle Aufmerksamkeit fordern. Wie Visuelles, Bild und Tanz sich organisch damit verbinden. Wie Isabel als Sängerin und Performerin ihr Publikum in den Bann zieht. Das alles kommt aus und geht in die Eingeweide. Und Pumarosa bereiten sich gerade erst auf die kommenden Liveshows zu „The Witch“ vor: „Das Zukunftsziel ist es eigentlich, eine gigantische Dreamachine vor uns zu haben. Im Moment haben wir allerdings ein knappes Budget. Also wird es wahrscheinlich nur für Set Up und zum Spielen reichen. Aber wir freuen uns auf das Set, die Art, wie es fließt, ausladend ist und echt gute Momente hat. Es soll eindringlich werden, hoffentlich nicht auf eine unangenehme Weise, aber vielleicht mit einigen unangenehmen und fesselnden Elementen. Es soll dich mit auf eine Reise nehmen.“

„The Witch“ erscheint am 19. Mai 2017 über Caroline.

Pumarosa live:
24.04.2017 – Berlin, Badehaus
26.04.2017 – Hamburg, Prinzenbar

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