Curly im Interview: „Hier Schlager, drüben Blues & Soul“

Jede Musikszene hat ihre ganz persönliche Droge – im HipHop ist das sicherlich Cannabis. Mit "Munchies" hat sich Curly Anfang des Jahres tief in die Thematik begeben und nach mehreren EPs sein Debütalbum veröffentlicht. Wir sprachen mit ihm über Genuss, Songwriting und New York.
Foto von Hendrik Altmeyer

Eingangs bedarf es vielleicht einer Erklärung: „Munchies“, so nennt man den Fressflash, den man kurze Zeit nach dem Genuss von Cannabis erfährt. Nur einer von vielen Exkursen auf Curlys gleichnamigem Debütalbum, das sich rund um hedonistische Dinge wie Genuss, Konsum und natürlich das grüne Gold dreht. Hunger ist dabei nicht nur physischer Natur, sondern auch künstlerischer: „Natürlich bin ich ein hungriger Rapper! Aber eben auch in dem Sinne, dass ich ständig high bin und mir jeden Tag Essen bestelle“, lacht er.

Springen wir ein wenig in der Zeit zurück. Szenekenner sind vielleicht schon Monate zuvor über den Namen Curlyman gestolpert, Features mit Culcha Candela und Crack Ignaz sowie dem ein oder anderen Auftritt bei Videoturnieren sei Dank. Inzwischen nennt sich der Wahlberliner einfach „Curly“, kurz und prägnant. „Alle rufen mich Curly, auch schon unter dem alten Namen. Da lag der Switch dann sowieso nahe. Das hatte jetzt keinen konkreten Anlass, so ist es einfach prägnanter, finde ich.“ Ein paar Nachteile in puncto Auffindbarkeit zog das zwar mit sich, aber Curly bleibt gelassen. „Wenn man bei Google dann „Curly Rap“ eingibt, findet man’s auch“.

Nach zwei EPs und jahrelanger DJ- und Songwritertätigkeit folgte im Februar 2017 nun also endlich das Debütalbum „Munchies“. Eine runde Mischung aus Trap und vereinzelten BoomBap-Elementen sowie unverwechselbarer Kifferthematik ist es geworden, die Curly auf dem 13-Track starken Langspieler präsentiert. „Rap in mei’m Blut drin, Kush in mei’m Blut drin“, heißt es etwa auf „10 Kilometer“. Das steckt ganz gut das emotionale Spektrum ab, das keinen Platz für tiefgreifende Themensongs oder halbgare Gesellschaftskritik lässt. Liebe zum Spiel und Freude am Genuss sind die zentralen Anliegen Curlys, die er in seinen Tracks verarbeitet.

Inzwischen liegt bereits ein wenig Zeit zwischen Release und dem Jetzt. Grund genug für eine Bestandsaufnahme: Was hat sich so in seinem Leben verändert? „Vor ein paar Wochen war ich zum Beispiel bei ‚Die schönsten 50 Rapper‘ in Berlin. Man merkt dann schon, dass die Bekanntheit ein bisschen größer geworden ist, ich habe da auch viel Props von Szenekollegen bekommen. Besonders gefreut hab‘ ich mich, als Olli Schulz mich persönlich auf der Bühne angekündigt hat und sogar versucht hat zu freestylen. (grinst)“. Und die Resonanz? Zufrieden? „Ja, im Großen und Ganzen schon. Ich hab natürlich auch alles gelesen und mich gefreut, dass da doch einige Blogs drüber berichtet haben. Wir haben zum Beispiel auch was mit VICE gemacht, da hat es thematisch ja dann ebenfalls super funktioniert. Mehr könnte es aber natürlich immer sein“.

Der Swag ist natürlich ein ganz anderer

Für die Produktion des Albums ging es unter anderem nach New York. Zusammen mit WG-Kumpel und Hausproduzent Enaka mietete Curly sich dafür eine Woche lang in einem Loft ein, wo die beiden Beats produzierten und an neuen Songs feilten. Einflüsse gab es zuhauf:„Einmal haben wir in der U-Bahn ein paar Straßenmusiker gesehen, die richtig nice waren. Die hat Enaka dann mitgeschnitten und die Aufnahmen später wieder ausgegraben. Ich selbst hab mich ein paar Stunden schlafen gelegt und als ich aufgewacht bin, war der Beat fertig“, erzählt er – nur eins von vielen Soundexperimenten des talentierten Produzenten.

Beim Thema New York ist Curly besonders gesprächsfreudig. Mit 18 Jahren ging es das erste Mal an den „Big Apple“, immerhin Ursprung der HipHop-Kultur. Eine Erfahrung, die nachhaltigen Eindruck hinterließ. „Der Swag ist natürlich ein ganz anderer. Wenn du da irgendwo hinkommst und populäre Sachen gespielt werden, ist das Blues oder Gospel oder Soul – hier triffst du dann halt eher Schlager an. Auch wenn HipHop hier so langsam natürlich auch Einzug hält, grade in Clubs ist das ja inzwischen sehr groß. Aber vom Vibe ist New York einfach nochmal ne ganz andere Sache: Der Verkehr, die Skyline, die Menschen…“ Sogar ein eigener Dealer wurde anscheinend bereits an Land gezogen. „Ja, das war so mit das Erste, was ich noch am Flughafen organisiert habe. War ein ganz schöner Stress, als der plötzlich umgezogen ist, aber inzwischen hab ich ihn wieder! (lacht)

So ganz stimmig ist das Bild aber noch nicht – wenn Curly den Tag nur mit Essen und Kiffen verbringt, wo bleibt da die Zeit fürs Musikmachen und Geld verdienen? Wer sich ein bisschen mit seiner Biographie beschäftigt, stößt schnell auf des Rätsels Lösung. Wie eingangs bereits erwähnt, Curlys Lockenkopf steckt nicht nur hinter seinen eigenen Tracks, sondern auch hinter den Songs von Künstlern grundverschiedener Genres. Der Vorteil: als Freiberufler kann man ohne schlechtes Gewissen ausschlafen, sofern man sich zu organisieren weiß. Einen Konflikt mit dem HipHop-Gedanken der Authentizität und einer nie enden wollenden Realness-Debatte sieht er nicht: „Gerade im Pop ist das ja völlig normal, da hast du ja auch einfach klassische ‚Interpreten‘, wo der Fokus eben auf Performance liegt. Ich hab da keine Grenzen, ich hab für alles mögliche schonmal Sachen geschrieben. ‚Money, Money, Money‘ ist ja auch ein HipHop-Gedanke (lacht)“ Selber würde er sich dann aber doch keine Texte schreiben lassen. „Da käme ich mir komisch vor, wenn jemand Fremdes meinen Lifestyle für mich imitieren würde.“

Noch mäandert Curly irgendwo zwischen Untergrund und HipHop-Mainstream, doch die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft wurden gestellt. Für dieses Jahr steht unter anderem ein Slot auf dem Splash!-Festival im Kalender, davor werden noch eine Handvoll Musikvideos und neue Songs präsentiert. Die textliche Blaupause für die kommende EP gibt es zwar noch nicht, dafür allerdings jede Menge Skizzen und künstlerische Motivation. Abschließend darf die vielleicht wichtigste aller Fragen nicht verschwiegen werden. Was sind denn nun Curlys persönliche Lieblings-Munchies?„Ganz klassische Fertigpizza und dazu ein French Dressing zum Dippen. Alternativ: Saure Zungen!“ Guten Appetit!

Foto von Hendrik Altmeyer

„Munchies“ ist am 17. Februar über Styleheads Music erschienen.

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