Eine unendliche Reise: Lisa Who greift im Berliner Planetarium nach den Sternen

"Bitte setzen und zurücklehnen, nach den Sternen lässt sich nicht im Stehen greifen!" Am 11. Mai lud Lisa Who in das Berliner Planetarium ein, um ihre Zuhörer für einen einstündigen Moment willenlos zu machen. Wer seinen Willen an der Eingangstür abgibt, dem werden im Gegenzug die Pforten zur Unendlichkeit geöffnet. Fairer Deal. Der Soundtrack der Unendlichkeit heißt „Sehnsucht“, das Debütalbum von Lisa Who.
Foto von Marco Sensche

Die Band platziert sich auf der Bühne, unaufgeregt und leise fügen sie sich in das Bild der Dunkelheit ein, die schnell einem Sternenhimmel weicht. Seidene Fäden spannen sich im Takt der Musik netzartig um das Bewusstsein, schwingen es empor, saugen es ins Nichts, richten das Auge auf fantastische Farbenspiele ferner Galaxien, sorgen für leichten Schwindel, wenn sich das Missverständnis von Raum und Zeit selbst entlarvt, weil die Erde in der Ewigkeit erstmal wenig zu sagen hat.

Schnell ist diese Band aus dem Universum nicht mehr wegzudenken. Schnell wird klar, wenn jemandem diese Bühne gehört, dann Lisa Who und ihrer Band. Ohr und Auge verständigen sich auf einen gemeinsamen Kurs und machen sich auf eine hinreißende Reise durch das All. Hinreißend ist hier wörtlich zu nehmen, denn „Sehnsucht“ kann sowohl durch die Boxen als auch live den Köper beschweren, um ihn im nächsten Moment federleicht in eine ungewisse Freiheit zu entlassen. Entkommen ist eigentlich nicht drin, es sei denn, man hat den Moment verpasst, sich auf die Reise einzulassen.

Der Preis für diesen besonderen Live-Moment ist auf jeden Fall ein sehr guter Mann für den Sound und eine nicht minder gute Band. Alles wird auf den Punkt genau erledigt. Die Band erlaubt sich keinen Fehler, spielt in einem leidenschaftlichen Einverständnis darüber, dass es hier um mehr geht, als nur um dieses oder jenes Lied. Die Zuhörer wollen im Universum keinesfalls allein gelassen werden, sie wollen geführt und aufgefangen werden. So beruhigt schon gleich zu Beginn das Lied „Alles ist gut“ mit der schlichten Gewissheit: „Alles, alles bleibt so wie es ist. Alles, alles wird so wie es war, denn so ist es gut.“

Lisas Stimme: kristallklar, rein und selbstbewusst. Selbst wenn sie sich in den Höhen verliert, wirkt es als würde sie mit ihrer Band den Kontrollverlust ihrer Zuhörer sehr wohl kontrollieren können. Sie haben die Fäden in der Hand. Sie haben ein Geheimnis, ebenso wie die Bilder, die sich in der Kuppel auftun. Sie wabern und vibrieren zwischen den Welten und balancieren die Schwingungen glühender Klangkörper aus. Das Nichtbekenntnis der Songs zu einer einzigen Stimmung, zu einem einzigen Gefühl, die Brüche, der schaurige Zweifel und die klaren Sätze, manchmal viel mehr Bekenntnisse, machen diese Musik sicher nicht zu schlichtem Wohlfühlpop. Dennoch bleibt am Ende eines solchen Konzerts Das Rauschen In Mir und den anderen, das sich so gut anfühlt, dass man gar nicht mehr will, dass es aufhört.“

Fotos von Marco Sensche