Kraftklub im Videointerview: „Die Jagd nach Authentizität, die überlassen wir den YouTubern“

Am Freitag erscheint „Keine Nacht Für Niemand“, das dritte Album von Kraftklub. Wir haben im Videointerview mit Felix und Till über Features, Selbstoptimierung und „Dein Lied“ gesprochen.

Als Kraftklub im März am Ende eines zehnstündigen Livestreams ihr drittes Album „Keine Nacht Für Niemand“ mit „Dein Lied“ ankündigten, brannten Kommentarspalten und Newsseiten ähnlich wie das überdimensionale K im Hintergrund. Fazit: Natürlich braucht es keinen einzigen Song mehr, in dem Frauen als Hure beschimpft werden. Aber hat Felix Brummer, der „Fastdreißiger“, erfüllt von Wut auf seine Ex-Freundin, diese Tatsache in einem infantilen Anfall tatsächlich vergessen, wie der eine oder andere Kritiker es andeutet? Wohl eher nicht. Unabhängig davon, wie gelungen man „Dein Lied“ finden mag, wie schädlich für beeinflussbare Fans, ist es nachvollziehbar, wenn Felix etwas entnervt im Interview auf derartige Kritik an seiner Person reagiert: „Mir ist es halt manchmal ein bisschen zu doof zu erklären, dass es einen Unterschied zwischen einem Autor und einem Protagonisten gibt.“

Vermutungen darüber, warum es vielleicht trotzdem notwendig ist, stellt Felix an, wenn er als neuere Entwicklung in der Popmusik identifiziert, „dass es dieses ultimative Qualitätsmerkmal ist, dass es möglichst authentisch sein soll“. Zu Kraftklubs Verständnis passt das nicht: „Die Jagd nach Authentizität, die überlassen wir den YouTubern. (…) Das ist vielleicht bei diesem Album nochmal ein bisschen extremer geworden. Aber das war auch schon immer so, dass wir nie den Anspruch hatten, unser Seelenleben zu verarbeiten: ‚Das muss raus, wir finden kein anderes Ventil als die Musik, um unser tiefstes Inneres offen zu legen.‘“ Till Brummer ergänzt: „Ich meine wir sind so Ende 20 rum. So viel hat man ja auch gar nicht erlebt, dass man viele Alben darüber schreiben kann.“ Entsprechend zugespitzt sind die Texte auf „Keine Nacht Für Niemand“ alle, ob sie von der gottgleichen „Band mit K“, dem hängen gebliebenen Loser in „Leben Ruinieren“, dem ewig Feiernden in „Hallo Nacht“ oder den unterwürfigen Workaholics in „Sklave“ berichten. Vieles dürfte nicht mitten aus dem Leben der Bandmitglieder gerissen sein.

Als Raucher ist man generell sowieso der letzte Dreck der Gesellschaft.

Allen Überhöhungen zum Trotz knöpfen sich Felix, Till, Steffen Israel, Karl Schumann und Max Marschk immer wieder den Zeitgeist vor. Geschichten von ausartendem Exzess erzählen sie als Gegenpol zu Selbstoptimierungstendenzen. „Als ich 15 war, da waren die Leute, die ins Fitness-Studio gegangen sind, nur Prolls. Und heutzutage geht jeder 15-Jährige ins Fitness-Studio, jeder will sich irgendwie selbst optimieren. (…) Sowohl körperlich als auch geistig als auch das Ganze. So dieses ‚Tod dem Exzess‘. Diese ganzen Laster und so werden als Allererstes aussortiert, weil als Raucher ist man generell sowieso der letzte Dreck der Gesellschaft. Man will ein reines, gutes Leben. Das ist alles so unsympathisch und so langweilig“, beschreibt Felix seine Beobachtungen. Auch der vielleicht politischste Track des Albums „Fenster“ bringt in der drastischen Aufforderung „Spring aus dem Fenster für mich“ die gefährliche Mitläufer-Bewegung auf den Punkt, die Populisten und Verschwörungstheoretiker auslösen können.

 

„Mit extremer Sprache extreme Emotionen auszudrücken“, ist für die Band aus Chemnitz ein Stilmittel, weshalb für sie auch „Dein Lied“ seine Berechtigung hat als „Song, der über Schmerz, Wut und Hass handelt und der weh tut. Ja. Genau das soll er, das soll weh tun.“ Sonst lande man laut Till „wieder bei Max Giesinger, bei aussageloser, belangloser Schwamm-Musik.“ Die Einwände gegen „Dein Lied“ kann Felix nachvollziehen, trotzdem bleibt es für ihn eine Perspektive, die er aus Interesse am Wandel eines harmlosen Typen in einen „rachsüchtigen Psycho“ einnimmt. So wie Rapper die eines Kokain-Dealers einnehmen oder Gamer die eines Killers. Fiktion ungleich Realität eben. Ob die Zeile „Du verdammte Hure“ wirklich hätte sein müssen, darf jetzt jeder selbst entscheiden.

Noch eine Entwarnung: Dass sich Kraftklub nach „Keine Nacht Für Niemand“ wie Ton Steine Scherben nach „Keine Macht Für Niemand“ auf einen Bauernhof zurückziehen, ist unwahrscheinlich. Obwohl sie sich nach sieben Jahren, über 500.000 Facebook-Likes, der bald fünften Ausgabe des Kosmonaut Festivals und zwei Nummer-Eins-Alben zurücklehnen könnten, sind die Chemnitzer am Plan, eine „richtige Pause“ zu machen, schon letztes Jahr gescheitert: „Wie so Motten zum Licht hat es uns wieder zum Proberaum gezogen.“ Fans und Label ließen sie von der Arbeit erstmal nichts wissen, um einer Erwartungshaltung, wie sie vor „In Schwarz“ auf ihnen lastete, zu entkommen. Was sich auf „Keine Nacht Für Niemand“ auszahlt: zahlreiche geheime Gastfeatures gibt es zu entdecken, musikalisch ist die Platte abwechslungsreicher als die beiden Vorgänger zusammen und ein paar hitzige Diskussionen um Inhalte sollte es eigentlich öfter geben.

Kraftklub auf Tour:
17.10.2017 – Salzburg (AT), Rockhouse (ausverkauft)
18.10.2017 – Dornbirn (AT), Conrad Sohm
20.10.2017 – Kempten, Big Box
21.10.2017 – Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle
22.10.2017 – Pratteln (CH), Z7
24.10.2017 – Münster, Halle Münsterland
26.10.2017 – Hannover, Swiss Life Hall
27.10.2017 – Bremen, ÖVB Arena
28.10.2017 – Dortmund, Westfalenhalle
30.10.2017 – Hamburg, Uebel & Gefährlich (ausverkauft)
31.10.2017 – Hamburg, Sporthalle
02.11.2017 – Berlin, Max-Schmeling-Halle
03.11.2017 – Leipzig, Arena
04.11.2017 – Frankfurt Am Main, Festhalle