Woman im Interview: „Es war eine stille Arbeit wie in der Bibliothek“

Fünf Jahre nach ihrem ersten Auftritt in einem Kölner Kellerklub haben Woman am 12. Mai „Happy Freedom“ veröffentlicht. Wir haben mit Manuel Tran über die Arbeit am Debüt, Köln und Zwiespalt gesprochen.
Foto von Robert Winter

„Happy Freedom“, der Titel von Womans lang erwartetem Debütalbum, klingt im ersten Moment fröhlich, im zweiten wie ein Glückwunsch und im dritten irgendwie beunruhigend. So beschreibt auch Bandmitglied Manuel die Wirkung, die diese Worte auf das Trio hatten: „Die Kombination von beidem hat in uns ein gewisses Unwohlsein ausgelöst. Man hinterfragt automatisch: Ist wirklich alles an dieser Freiheit so happy? Sind wir wirklich so glücklich, wie wir es mit unserer Freiheit sein sollten?“. Fragen, die Menschen immer umtreiben. Im Jahr 2016, in dem große Teile des Albums entstanden, drängten sich diese Fragen umso mehr angesichts gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen auf und beschäftigten die Kölner Band natürlich.

Manuel Tran (Gitarre, Gesang, Keyboard), Milan Jacobi (Schlagzeug) und Carlos Hufschlag (Keyboard, Gesang), den Köpfen hinter Woman, war es wichtig, auf „Happy Freedom“ diese „düsteren, unangenehmeren Themen“ zu behandeln: den „Zwiespalt zwischen unserem Wohlstand und unserer Depression, zwischen Konsum und der Solidarität mit denen, die jetzt nach Europa kommen, um auch etwas von unserem Wohlstand zu haben.“ Entsprechend dystopisch-apokalyptisch beginnt der Albumopener „Dust“ mit den Worten „Where you gonna go when the planet erupts? Will you find your peace in ashes and dust?“. Auch in der „Marvelous City“, dem Sehnsuchtsort und der vermeintlichen Traumstadt, lauert ein dystopisches Szenario. Wenn die Frage „Can we change for the better?“ in einem Song namens „2072“ gestellt wird, sind Zweifel an der Zukunft impliziert.

Das Popmusik inhaltlich mehr sein kann als „seelenlose Stock-Fotografie-Mukke“ – wie Manuel Teile der deutschen Musikszene angelehnt an Jan Böhmermanns „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ empfindet – nennt er „eine wichtige Erkenntnis. Es liegt an uns, wir sind nicht mehr machtlos.“ Gleichzeitig erkennt er sich in den Aussagen von Maurice Ernst (Bilderbuch) wieder: Man sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein, vielschichtige statt einfache Antworten suchen, den positiven Blick trotz aller Widrigkeiten nicht verlieren, aber auch nicht das Eigentliche vergessen: „Wir sind ja Popmusiker. Beim ersten Hören ist es immer unsere Maxime, es musikalisch recht einfach zu halten.“

Eigentlich war gar nicht geplant, dass es danach noch weitergeht.

Das Besondere an Womans Songs dabei ist, dass, egal ob das diskoeske „Control“, der funky Elektropop von „Concrete Jungle“ oder das nervös klackernde „Money“, jeder extrem eingängig ist, im besten aller Sinne. Denn die Eingängigkeit erreichen Woman nicht durch Formeln, sondern mit (oder trotz) Sound-Experimenten und Ausbrüchen aus dem Genre-Denken. Dass auf „Happy Freedom“ Psychedelisches („The End“) mit Post-Rock („Khung Bo (Terror)“ mit R’n’B und knarzenden E-Gitarren („Love“) harmoniert, gelingt, weil Woman ihre Ressourcen nutzen: „Unsere Einflüsse sind halt verschieden: Der Carlos kommt aus einer völlig elektronischen Richtung, ich [Manuel] wiederum aus einem Post-Rock-Environment und der Milan aus einer Post-Punk-Richtung. Wenn sich solche Leute treffen, ist die Mischung auf jeden Fall… recht diffus. Das haben wir erkannt. Jeder respektiert den anderen. Jeder hat erkannt, dass diese drei Einflüsse zusammengeschmissen etwas ergeben, das am Ende irgendwie Woman ist.“ Viel basiert darauf, dass sie wie bei einer Collage Elemente aus vergangenen Jahrzehnten mit modernen Sounds verbinden. Ein Ansatz, den sie zusammen mit den Videomachern Dmitry Zakharov and Jake Harrison Meyer zum Beispiel auch visuell umsetzten. Im Video zu „Marvelous City“ trifft neuste 3D-Technik auf VHS-Ausschnitte.

Bis zum Debütalbum legten Woman einen langen Weg zurück. Ihr erster Auftritt fand 2012 im Kölner Coco Schmitz statt. Damals waren sie noch zu viert, namen- und planlos: „Wir hatten ein paar Songs gebastelt und wollten sie unseren Freunden in exklusiver Atmosphäre präsentieren. Also es war eigentlich so eine Party: Wir laden euch zu unserem Konzert ein und ihr bringt eure Eltern mit. Eigentlich war gar nicht geplant, dass es danach noch weitergeht.“ Sie begeisterten ihr Publikum allerdings so sehr, dass die Veranstalter des c/o Pop-Festivals sie zu einem Auftritt einluden. Danach spürten Woman den Druck, verschanzten sich im Studio und waren „kurz davor, das komplett zu beenden“. Zu dritt entschieden Manuel, Carlos und Milan doch weiterzumachen, ihre ganze Energie in Woman zu stecken. Eine große Hilfe war ihnen auf dem Weg zur „Fever“-EP (2016) Zebo Adam, der Haus- und Hofproduzent von Bilderbuch, der Woman half, den Aufnahmeprozess zu organisieren und terminieren.

Mit ihm zusammen entstand in Wien aus „40 bis 50 Skizzen“ das Debüt „Happy Freedom“. Im Vergleich zur EP hatte die Band Erfahrungswerte, auf die sie im Aufnahmeprozess zurückgreifen konnte. Deswegen beschreibt Manuel die Arbeit als „sehr autark. Ich glaube, wir haben über die drei Monate zusammen nicht viel geredet. Es war eine stille Arbeit wie in der Bibliothek. In Momenten, in denen man eine gewisse emotionale Stütze gebraucht hat, hat man natürlich mit Zebo zu viert das Gespräch gesucht. Ich glaube, dass es ein ganz bestimmter, guter Teil von Zebos Job war, uns immer wieder daran zu erinnern, warum wir in Wien sind, warum wir das alles überhaupt machen. Einerseits natürlich für uns als freie Künstler. Aber andererseits auch für ein Publikum, das im besten Fall davon inspiriert oder sogar unterhalten oder provoziert wird, Gedankenflüsse einzuleiten. Zebo als Produzent hatte immer das große Ganze im Auge.“

Eine Vision davon, wo es mit Woman hingehen soll, hat das Trio auch. Obwohl sie die sehr lebendige Kölner Musikszene schätzen, hoffen sie natürlich auf Resonanz außerhalb der Stadtgrenzen: „Es ist ein gutes Gefühl, dass wir gerade jetzt in Köln leben zu einer Zeit, in der so viel geht, dass man sich untereinander austauscht und weiß, dass wir nicht alleine sind. Es brodelt. Aber wir wollen auch alle aus diesem Köln-Ding raus. Klar, Marius [Roosevelt] hat es natürlich geschafft. Ich glaube, alle Bands, die hier gerade musikalisch am Start sind, haben das Bedürfnis. Was ist mit den Berlinern, den Hamburgern? Die sollen das genauso hören. Das verbindet uns vielleicht auch alle, dass wir nicht solche Lokal-Patrioten sind und darauf beharren, dass Köln die Stadt ist. Es ist schön hier zu leben, aber rein musikalisch möchte man natürlich so viel wie möglich erreichen.“

„Happy Freedom“ ist am 12. Mai über Jakarta / Rough Trade erschienen.

Woman auf Tour:
17.05.2017 – Haldern, Pop Bar
18.05.2017 – Berlin, Musik & Frieden, Cardinal Sessions Festival
19.05.2017 – Hamburg, Molotow, Cardinal Sessions Festival
20.05.2017 – Köln, Gebäude 9, Cardinal Sessions Festival
09.06.2017 – Kaltenberg, PULS Open Air
05.07.2017 – Bremen, Breminale
06.07.2017 – Bochum, Bochum Total
08.07.2017 – Bergheider See, Feel Festival
12.08.2017 – Metelen, Kinkerlitzchen Festival
18.08.2017 – Bergheider See, Artlake Festival