Zwischen Zeit, Raum und Genres: Belgrad kündigen ihr Debütalbum an

"Geile Ost-Nostalgie in dem Video, tolle Aufnahmen. Ganz toll. Klingt ein bisschen wie frühe Tocotronic-Sachen, würde ich sagen." Mit diesen Worten erklärt sich Olli Schulz zum Fan der Band Belgrad, die aus großen Gegensätzen entstanden ist. Am 1. September 2017 veröffentlicht das Quartett sein selbstbetiteltes Debütalbum via Zeitstrafe - Grund genug zusammenzufassen, was bisher geschah.
Foto von Belgrad

„Gegensätze ziehen sich an“ heißt es so oft. Dass an dieser platten Redewendung etwas dran sein könnte, zeigt sich derzeit bei der Band Belgrad. Die vier Protagonisten leben in Berlin, Dresden und Hamburg, entstammen verschiedener Generationen und wurden jeweils auf ganz eigene Art und Weise künstlerisch in verschiedenen subkulturellen Szenen sozialisiert. In ihren Liedern egalisieren sich diese Voraussetzungen und es entsteht ein Soundtrack, der aus Zeit, Raum und allen Genres zu fallen scheint.

Das Projekt Belgrad wurde Anfang 2015 von Hendrik Rosenkranz und Leo Leopoldowitsch gegründet, als sie auf einer mehrwöchigen Osteuropareise waren. Kurze Zeit später stießen auch Ron Henseler und Stephan Mahler hinzu. Der vielschichtige musikalische Hintergrund (die vier Musiker waren bereits in Bands wie Stalin vs. Band, Dikloud, Slime, Torpedo Moskau oder Kommando Sonne-nmilch aktiv), gipfelt in einer liebevoll zusammengestellten Mischung aus Elementen des Postpunk, New Wave und 80er Pop. Themen wie Einsamkeit, Krieg und Verlust werden dabei von den eindringlichen und charismatischen Stimmen Mahlers und Leopoldowitsch getragen. Dass sie mit ihrer Klanglandschaft aus allen Genreschubladen fallen, sei eine sehr bewusste Entscheidung gewesen. Per Mail schreibt uns Hendrik Rosenkranz: „Wir alle sind konditioniert und beeinflusst, dagegen sträuben wir uns. Deswegen brechen wir.“

Die Veröffentlichung des in Eigenregie produzierten Debütalbums „Belgrad“ steht nun kurz bevor – es wird am 1. September 2017 via Zeitstrafe erscheinen. Als „eine Art Symbiose“ bezeichnet Hendrik Rosenkranz den Aufnahmeprozess, der schon im Herbst 2015 begann. „Wir waren viel bei mir in Berlin, haben aber auch in Dresden experimentiert. Zwischen uns ist damals ein ganz besonderes Vertrauen entstanden. Auch wenn wir die Arbeit immer wieder für Wochen unterbrechen mussten, der Vibe blieb. Wir haben jede freie Minute genutzt. Eine wunderbare, selbstauferlegte Zwanghaftigkeit. Wir konnten uns klug aufeinander einstellen, haben eine Menge gelernt und eine sehr intensive, sinnvolle und rastlose Zeit gehabt.“

Einige Zeit später hätten Leopoldowitsch und Rosenkranz auch Stephan Maler gefragt, ob er in einen Song auf dem Album singen möchte. „Wir sind dann zu ihm nach Hamburg gefahren und haben bei der Gelegenheit auch erste Schlagzeugaufnahmen gemacht. Uns allen war daraufhin klar, dass er das komplette Album einspielen wird. Im Nachhinein eine der besten Entscheidungen überhaupt. Er hat in vielerlei Hinsicht uns und die Platte weitergebracht. Und sein kompromissloser Stil ist fundamentaler Bestandteil des Albums geworden.“ Über Mahler sei letztendlich auch Ron Henseler zur Band gestoßen, der zunächst nur als Techniker mitwirken sollte.

Dass die Songs auf ihrem Album ebenso von Entschleunigung wie von musikalischer Leidenschaft, außergewöhnlichen Raffinessen und Störgeräuschen leben, sei laut Rosenkranz sehr natürlich entstanden. „Ich glaube das hat auch damit zu tun, dass wir keine klassischen Pop-Strukturen verwenden wollten. Und ich, bis vor kurzem, wenig Interesse an dem hatte, was man in Deutschland hört. Ron hört, soweit ich weiß, sowieso keine Musik. Ron hört ausschließlich kurze Passagen.“

Einen ersten Eindruck in ihr Album gewähren Belgrad seit einigen Wochen mit den Musikvideos zu „Osten“ und Niemand“. Besonders letzteres Video beeindruckt mit seinen Aufnahmen aus vergangenen Jahrzehnten sowie einer fantastischen Spannungskurve, die im Refrain „Und niemand der dich hört, und niemand der etwas sagt, niemand der dich stört, und niemand der nach dir fragt“ gipfelt. Einen prominenten Fan haben Belgrad damit auch schon gefunden. Olli Schulz erklärte zuletzt bei „Fest & Flauschig“, seinem gemeinsamen Podcast mit Jan Böhmermann, dass man Belgrad auf jeden Fall auf dem Schirm haben sollte: „Wo wir gerade bei Deutschpunk sind, noch ein ganz kleiner Tipp von mir: Stephan Mahler – von dem habe ich neulich erzählt – ist der Schlagzeuger und meiner Meinung nach auch der Kopf von Slime gewesen. Der hat eine ganz tolle neue Band, die heißt Belgrad, und das Video kann man sich mal angucken. Ich weiß gar nicht wie der Song heißt, aber einer aus der Band hat mich angeschrieben. Kann man nicht auf die Playlist packen, weil ich finde dass man das Video dazu sehen muss. Kann man bei Youtube angucken. Belgrad. Geile Ost-Nostalgie in dem Video, tolle Aufnahmen. Ganz toll. Klingt ein bisschen wie frühe Tocotronic-Sachen, würde ich sagen.“ Hendrik Rosenkranz schreibt uns dazu, dass die Band es auf jeden fall gefreut hätte, dass sie von Olli Schulz gefeatured wurden. „Die damit verbundene Aufmerksamkeit hat mich allerdings wenig irritiert. Uns ist da ein nettes Video zu einem großartigen Song gelungen.“

Das selbstbetitelte Debütalbum von Belgrad erscheint am 1. September via Zeitstrafe.