Klyne im Interview: „Ferdous musste sich krankmelden, weil er Hunderte von Mails bekam“

Im Nu eroberte der Song „Paralyzed“ von Klyne vor zwei Jahren das Internet. Kein Wunder: Das niederländische Duo trifft mit souligem Elektropop den Puls der Zeit. Wir haben mit Sänger Nick Klein über ihren Aufstieg, ihre Videos und Years & Years gesprochen.
Foto: Synchrodogs

Als wir Nick Klein, Sänger des niederländischen Duos Klyne, am Montag nach dem MS Dockville in Berlin treffen, schwebt er noch „auf Wolke Sieben“. Ein paar Tage zuvor erst stand er auf der Bühne des Lowlands, eines der größten Festivals in seiner Heimat. An sich schon ein Meilenstein, für Nick aber setzte die begeisterte Nachbesprechung, die die Musikplattform 3voor12 veröffentlichte, dem Ganzen die Krone auf.

Wie der Auftritt ankommen würde, stand vorher offen. Klyne hatten nicht nur zum ersten Mal einen Lichtmann dabei, sondern müssen zudem einen Ausfall kompensieren. Ferdous Dehzad, Produzent und andere Hälfte des Duos, erholt sich aktuell von einer Rückenverletzung, weshalb er leider weder bei unserem Interview noch bei den Auftritten dabei sein konnte. „Ich habe mich ein bisschen daran gewöhnt, aber es ist immer noch sehr seltsam. Ich sehe das Publikum und schaue hinter mich, wo Llyod und David, der Ersatzmann für Ferdous, stehen. Man erwartet Ferdous und merkt ‚Das ist nicht Ferdous‘. Ich hoffe, er kommt bald zurück“, sagt Nick über die momentane Live-Situation.

Während des Interviews fällt ebenfalls auf, wie ungewohnt es für den Sänger ist, ohne seinen Partner unterwegs zu sein. Schon zu Beginn entschuldigt er sich dafür, dass er manche Fragen vielleicht nicht so ausführlich beantworten könne, weil er zwar die Stimme von Klyne, Ferdous aber das Mastermind hinter fast allem sei, was Produktion und Songwriting angehe. Die beiden – mittlerweile Anfang 20 – kennen sich schon lange über gemeinsame Freunde, wuchsen zusammen in Eindhoven auf. Ferdous begann nach der Schule ein Musikstudium in Tilburg, macht Musik, seit er „zehn oder jünger war“. Nick hingegen arbeitete drei Jahre lang in einer Pizzeria, hatte zunächst nur Gitarre gelernt und erst mit „18 oder 19 angefangen zu singen“.

Entsprechend überwältigt war und ist er von dem Erfolg, den ihnen „Paralyzed“ bescherte, Klynes erster Song, an dem sie eine Zeit lang „jede Woche Freitag ein, zwei Stunde“ bastelten – mehr Zeit hatte Nick dafür wegen der Arbeit nicht. Nachdem das Duo den Track 2015 online gestellt hatte, ging es „sehr, sehr schnell. Das entwickelte alles plötzlich ein unfassbares Tempo. Ich ließ alles auf mich zukommen. Ferdous wusste schon viel über die Musikszene. Er zog mich da gewissermaßen mit.“ Dass „Paralyzed“ auf Soundcloud so viel Aufmerksamkeit erregte, liegt jedoch am Zusammenspiel des Duos: Über cool wummernde Beats, die auf der Tanzfläche zuhause sind, legen sich Nicks samtig-sinnliche Vocals. Ihr Electro-Soul steht in einer Reihe mit Honne, Fyfe und Co.

Etwa die dritte Show, die wir jemals spielten, war die erste als Support für Years & Years.

Wie groß das Interesse an ihrem modernen Sound war, spürten sie direkt: „Am Tag danach musste sich Ferdous in der Schule krankmelden, weil er Hunderte Mails von Managements und Labels bekam. Wir mussten uns dann erstmal für ein Management entscheiden, damit wir nicht länger diese langweiligen Mails beantworten mussten. Das Management übernahm und alles kam ins Rollen. Wir besuchten zwei Tage lang in Großbritannien Plattenfirmen, die daran interessiert waren, uns zu treffen und beschlossen bei Because Music zu unterschreiben. Sie hatten dieselbe Vision für unsere Musik, die wir hatten. An dem Punkt haben wir entschieden, Job bzw. Schule zu verlassen.“

Tatsächlich kommt Klyne in Großbritannien ähnlich gut an wie in den sonst recht EDM-lastigen Niederlanden. Bands wie Metronomy und Years & Years etwa nehmen das zu dem Zeitpunkt unerfahrene Duo direkt mit auf einige Termine in England: „Etwa die dritte Show, die wir jemals spielten, war die erste als Support für Years & Years. Es tat echt gut, zu sehen, wie sie drauf waren, bevor und nachdem sie auf der Bühne sind, wie sie performen und alles andere machen. Ich lernte nur beim Zuschauen viel. Ich glaube, das hat mir geholfen, mich als Künstler weiterzuentwickeln. Bei Metronomy war es ähnlich, sie hatten einfach Spaß. Das ist die Hauptsache, wenn du live auftrittst.“

Das selbstbetitelte Debütalbum, das im Juli erschienen ist, nahmen Klyne über zwei Jahre vorwiegend in „Ferdous‘ Schlafzimmer, zwischen zwei Matratzen und mit dem Vocal-Mikro, das ich mir gekauft hatte, als ich anfing bei YouTube Cover-Songs zu singen“, auf. Den Großteil stemmte Ferdous trotz Rückenverletzung durch „Willenskraft“ und „24/7“-Einsatz. Mit Tracks wie „Sure Thing“, „Still Not Over You“ oder „Break Away“ ist die Platte Honnes „Warm On A Cold Night“ klanglich wie inhaltlich nicht unähnlich.

Ob die Briten als Inspiration dienten, gehört zu den Fragen, zu denen sich Nick nicht detailliert äußern kann: „Ich kann nur für mich selbst, nicht für Ferdous, sprechen und ich mache nur die Vocals. Es gibt ein paar Lieder, die mich dazu inspiriert haben, so zu singen, wie ich es tue. Zum Beispiel habe ich Jamie Lidell viel gehört, weil ich die Roughness seiner Stimme mag, oder Jamie Woon. Ich war aber kein großer Musikhörer, weil ich drei Jahre in der Pizzeria gearbeitet habe. Ich lebte ein bisschen hinter dem Mond. Ich kannte im Grunde nicht mal die größten Festivalnamen, während alle beeindruckt waren, dass wir dort spielen.“

Wenn du der Welt etwas durch ein Musikvideo mitteilen möchtest, dann solltest du es tun.

Wichtig ist von Anfang an außerdem die atmosphärische, einprägsame Visualisierung zu den Einzelsongs. Während „Paralyzed“, „Closer“ und „Don’t Stop“ von ausgefallenen Performance-Videos, zum Beispiel mit einem tanzenden Clown im Zentrum, begleitet werden, sind die Clips zu „Water Flow“ und „Still Not Over You“ deutlich näher an der Realität angesiedelt. In Letzterem platzierten die Videomacher Leuchtreklamen mit Textzeilen an belebten Orten, um zu testen, inwieweit die Passanten darauf reagieren. In „Water Flow“ setzt sich aus iPhone-Aufnahmen ein Trip durch Europa zusammen, der seine mal glücklichen, mal streitenden Protagonisten, in Clubs, aber auch Begegnungen mit der Polizei oder am Flüchtlingscamp in Calais zeigt.

Die Veränderung im visuellen Fokus bezeichnet Nick als „bewusst. Wir haben das Gefühl, dass wir zu vielen Leute auf der Welt eine Beziehung aufbauen können.“ Vor dem Hintergrund, dass beide einen Migrations- bzw. Flucht-Hintergrund haben, könnte man gerade „Water Flow“ als gesellschaftlichen Kommentar verstehen. Nick findet es prinzipiell zumindest gut, Popmusik und Meinung zu verbinden: „Ich bin zwar nicht wirklich der Typ, der ein lautes Statement machen will. Aber ich denke, es ist gut, wenn Künstler sagen, was sie wollen. Man ist ein Individuum, alle Meinungen zählen. Wenn du der Welt etwas durch ein Musikvideo mitteilen möchtest, dann solltest du es tun.“

Wie es nach den Achtungserfolgen für ihr Debütalbum und den gefeierten Auftritten von Klyne weitergehen soll, kann das Duo erst in den kommenden Monaten planen: „Wir warten immer noch darauf, dass sich Ferdous komplett erholt. Aber wir machen alles, was wir können. Proben und uns auf die Show mit Roosevelt im Paradiso, Amsterdam, freuen. Das wird bestimmt cool.“