Videopremiere: Albrecht Schrader – „Ganz Normal“

Bekannt aus dem Rundfunk-Tanzorchester des Neo Magazin Royale schafft Albrecht Schrader unter eigenem Namen eine Schnittstelle zwischen Popmusik, Big Band und Alleinunterhalter. Seht hier die exklusive Premiere seines Musikvideos "Ganz Normal".
Still aus dem Musikvideo "Ganz Normal"

Ein Album mit dem wunderbaren Titel „Nichtsdestotrotzdem“ kann eigentlich nur Staatsakt veröffentlichen. Im Mai ist Albrecht Schraders so benannte erste Platte dort erschienen – reich an allem, was die Künstler des Berliner Labels auszeichnet. Die Sprachverliebtheit von Die Türen oder Sterne, das großstädtisch-dandyhafte Singer/Songwritertum von Jens Friebe, die NDW-Affinität von Andreas Dorau, die Unterhaltungsqualitäten von Jacques Palminger und Co. Das passt natürlich, wie Albrecht Schrader im Mail-Interview schreibt: „Ich war Fan der ersten Stunde von Staatsakt und neben Buback war das eines meiner Traumlabels in Deutschland für meine Musik. Die ganzen Pudel Club-Sachen, Jacques Palminger, Die Türen, etc. – alles Staatsakt-Künstler, die mich sehr beeinflusst haben.“

„Nichtsdestotrotzdem“ ist kluge, ausgefeilte Popmusik. Sie versprüht aber gleichzeitig mit an Big Band und Jazz erinnernden Elementen einen gewissen Glamour, der vermutlich aus Albrecht Schraders klassischer Vorbildung und Tätigkeit als einer der zwei Leiter des Rundfunk-Tanzorchesters Ehrenfeld überspringt. Letzteres gestaltet seit Anfang des Jahres die musikalischen Einlagen in Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale. Wie die Show ist auch der Musiker in Köln ansässig, wo sein neues Video zu „Ganz Normal“ entstanden ist: „Wir haben das Video Anfang Juli in der guten Kölner Bar ‚Acephale‘ gedreht. Eine feine Kneipe mit gut ausgesuchtem Booking für kleinere Konzerte. Für mich war das insofern besonders, als dass ich jahrelang direkt um die Ecke von dem Laden gewohnt habe. Eine Sache, die ich nicht vermisst hatte, waren die nervigen After-Hour-Leichen aus dem anliegenden, unangenehmen Club ‚Red Cat Lounge‘, die uns, da wir das Video an einem Sonntag gedreht haben, den ganzen Tag über als mehr oder weniger amüsante Nebenstatisten kostenlos zur Verfügung standen.“

Seht hier den Clip mit Bierflaschen und Lieblingsclub-Atmosphäre als exklusive Premiere:

Einen kleinen Gastauftritt im Video hat Keshav Purushotham, bekannt als Keshavara bzw. Mitglied von Timid Tiger, den Albrecht Schrader einmal für eine seiner Veranstaltungen gebucht hatte: „Das weitere Kennenlernen fand dann an Tresen und neben ihm am DJ-Pult statt – zum Verständnis: er hat aufgelegt, ich stand daneben und hab Bier getrunken.“ In der Kölner Musikszene, die seit Annenmaykantereit, Roosevelt, Golf, Woman etc. viel Beachtung findet, fühlt er sich sowieso wohl: „Ich schätze an Köln als musikalischem Standort die rein quantitative Übersichtlichkeit bei gleichzeitiger hoher Qualität an Output. Anders gesagt: Köln ist ein Dorf mit viel Stil. Ich mag es immer gerne, wenn Leute, die irgendwie künstlerisch aktiv sind, gemeinsam etwas aushecken, egal, wie es um die Erfolgschancen steht. So etwas findet hier in Köln viel statt und das gefällt mir.“

„Auf den allwöchentlichen Wahnsinn, in sehr wenig Zeit mit sehr vielen Menschen gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, das sofort konsumiert wird und im besten Falle viele Leute entweder beglückt, verstört, unterhält, oder sehr wütend macht. Und auf die musikalischen Kollaborationen mit unseren Gästen“, freut er sich auch, wenn er nach der Sommerpause des Neo Magazin Royale wieder zusammen mit Lorenz Rhode die Leitung des Rundfunk-Tanzorchesters antritt. Die musikalische Untermalung einer Late Night Show ist allerdings nicht das Einzige, was Albrecht Schrader abgesehen von „Nichtsdestotrotzdem“ und der vorhergehenden EP „Leben in der Großstadt“ umtreibt. Er nahm zum Beispiel auch Instrumente für „Sippenhaft“ von Herrenmagazin und „Hamburg Demonstrations“ von Peter Doherty auf oder komponierte die Musik zu Thomas Melles Theaterstück „Ännie“.

Realitätsflucht als heilsamer, beruflicher Selbstzweck

Trotz der tollen Referenzen kennt Albrecht Schrader die bitteren Rückschläge des Musikgeschäfts. Gerade musste er viele Termine seiner geplanten Herbsttour absagen. Für ihn aber kein Grund Träume wegzuschmeißen: „Ich hab einfach Bock. Es gibt so viele Widrigkeiten in der Popmusik hierzulande. Kaum noch Plattenverkäufe, vollkommen übersättigter Live-Markt, viel zu viele Festivals, etc. Überall EPs, Tourtrailer, Videos, Geheimkonzerte, Akustik-Versionen, Showcase-Events etc. Ja nun. Kann ich niemandem verbieten und das will ich auch nicht. Aber ich finde vieles von dem, was ich so höre und sehe, recht langweilig und unoriginell. Das spornt mich abgesehen von meinem durchaus existentiellen Bedürfnis nach musikalischer Betätigung immer weiter an. Wenn ich dann eine Tour absagen muss, weil die Zahlen schlicht nicht aufgehen, zwiebelt das natürlich ganz gehörig und nagt für einige Zeit an den tiefsten Grundpfeilern dieses eh schon fragilen Gebildes. Und dann geht es wieder weg und ich setze mich ans Piano, um mir was Feines auszudenken. Realitätsflucht als heilsamer, ‚beruflicher Selbstzweck‘ – was für ein Privileg! Ich habe keinen Grund, mich im Großen zu beschweren.“

Albrecht Schrader live:
28.09.2017 – Schwarzer Salon, Dresden