Mount Kimbie im Interview: „Man könnte behaupten, dass London keine Musikszene mehr hat“

Nächsten Monat spielen Mount Kimbie ein paar Shows in Deutschland - präsentiert von DIFFUS. Wir haben mit Dominic Maker und Kai Campos über „Love What Survives“, Londons verschwundene Musikszene und die kommenden Live-Konzerte gesprochen.
Foto von Frank Lebon

Zusammen mit ihrem guten Freund und Kollegen James Blake zählen Mount Kimbie zu den bekanntesten Vertretern einer Szene, die Anfang des Jahrzehnts gehyped, aber auch gebrandmarkt wurde. Post-Dubstep entwickelte sich schnell vom heißen Scheiß aus dem Londoner Süden zu einem Reizwort, das für Augenverdrehen sorgte. Hauptsächlich, weil die verwandten Genres Dubstep und Brostep (Skrillex) plötzlich omnipräsent in Charts, Clubs oder Werbung waren.

Kai Campos, die eine Hälfte von Mount Kimbie, resümiert im Interview deswegen: „Dubstep ist jetzt so ein shitty Wort. Als wir anfingen, war es eine Brutstätte für verschiedene Ideen und Leute, die alle unter diesem Schirm sehr verschiedene Musik spielten. Es war ein spannender, individueller Kreativraum.“ Sein Kollege Dominic Maker ergänzt: „Die Hauptsache für uns ist, dass es eine gute Zeit in unseren Leben war. Wir waren jung, gerade nach London gezogen und Dubstep war echt aufregend. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt Millionen Meilen weg von dem Sound sind.“

Ähnlich wie spätestens bei James Blakes „The Colour In Anything“ passte das Label Post-Dubstep nach dem Debüt „Crooks & Lovers“ (2010) nicht recht zu Mount Kimbies Zweitling „Cold Spring Fault Less Youth“ (2013), schon gar nicht zum neuen Album „Love What Survives“. In den vier Jahren seit „Cold Spring Fault Less Youth“ hat sich einiges verändert. Dom wohnt mittlerweile in LA. Er erzählt: „Das Hin- und Herreisen war interessant, weil ziemlich stark in die Platte eingeflossen ist, dass viele Dinge um uns herum passiert sind und viel Bewegung nötig war, um zusammen zu kommen.“

Es ist eine globale Entwicklung, dass wir die Idee von einer lokalen Szene verlieren.

Die Stadt an sich habe allerdings wenig Einfluss, zumal Mount Kimbie laut Kai mittlerweile losgelöst von London funktionieren: „Man könnte behaupten, dass London so wie andere Großstädte keine Musikszene mehr hat. Die Szene, aus der wir am Anfang kamen, hat geholfen, dass Leute unsere Musik hören und sie in eine Art Kontext einordnen konnten. Aber das existiert nicht mehr so wie 2007/2008. Selbst wenn wir beide im tiefen dunklen South London wären, wäre das Album anders. Es ist eine globale Entwicklung, dass wir die Idee von einer lokalen Szene verlieren.“

Auf ihre Londoner „community“ greift das Duo dennoch bei der Auswahl der Kollaborateure zurück: James Blake, King Krule, Mica Levi aka Micachu und Andrea Balency steuern neben Kai Campos Vocals bei. Im Vergleich zu früher – „Crooks & Lovers“ war fast instrumental – nutzt „Love What Survives“ Gesang intensiv als weiteres Element der Klangkomplexe. Allein schon deshalb wirkt der verschachtelte Sound der Briten zugänglicher. Die Empfindung wurzelt aber auch darin, dass Kai und Dom bewusst auf simple Melodien und Reduktion setzten.

„Love What Survives“ entstand beinahe komplett mit zwei Vintage Synthesizern. Der Effekt daraus ist eine spannende Annäherung von akustischen und elektronischen Klängen. Mount Kimbie nennen als Beispiel den Song „Audition“, bei dem „Drum Machines so klingen, als wären sie von Menschen gespielt und akustische Instrumente so, als würden Maschinen sie erzeugen.“ Meisterhaft gelingt es ihnen dadurch die Stärken ihrer Freunde hervorzuheben: James Blakes charakteristische Soul-Zerbrechlichkeit begleiten in „We Go Home Together“ Stimmengewirr und Orgelklänge, die er teils selbst einspielte. „How We Got By“ bring sein Falsett mit minimalistischen Piano-Anschlägen und Bässen zusammen. King Krules krächzenden Auftritt in „Blue Train Lines“ inszenieren Mount Kimbie mit motorischer Rhythmik und sirenenartigen Synthesizerflächen. Micachu und Kai Campos singen „Marilyn“ als Duett, das wirbelnde Sounds und Bläser untermalen. Ein paar entspannte Gitarren-Riffs haben bei Andrea Balencys Gast-Feature in „You Look Certain (I’m Not So Sure)“ Einzug gefunden.

Als wir anfingen, ging es mehr darum, die Dinge strukturell auf den Kopf zu stellen

Unterm Strich sorgt all das dafür, dass „Love What Survives“ zu Mount Kimbies Idee einer anspruchsvollen, verfrickelten Pop-Platte geworden ist. „Ich denke, wenn wir über Pop reden, hängt es vom Alter ab, was man für Popmusik hält. Es ist so ein weiter Begriff. Es ist wahrscheinlich schwerer denn je ihn zu definieren. Für uns hat es bedeutet, dass es ein Level an Zugänglichkeit gibt, die da vorher nicht war, die von einer zurückhaltenden Ästhetik kommt und vom Versuch, herauszufinden, was an traditionellen Strukturen interessant ist. Als wir anfingen, ging es mehr darum, die Dinge strukturell auf den Kopf zu stellen, zu sehen, wie kurz wir einen Track machen können und was wir ohne Vers und Chorus machen können. Dieses Mal war es so: Es gibt all die andere Musik, die wir mögen und die sehr klassischen Strukturen folgt. Warum können wir nicht sowas machen, das dazu passt und immer noch unsere eigene Stimme darin finden?“, beschreibt Kai den Weg zur Soundentwicklung.

Geholfen hat Dom dabei zum Beispiel auch, zusammen mit James Blake an „4:44“, dem letzten Album von Jay-Z zu arbeiten: „Auf eine merkwürdige Art finde ich es einfacher, mich selbst auszudrücken, wenn ich nicht meine eigene Musik schreibe, was echt seltsam ist. Was ich ganz klar an dem Prozess mag, ist das Sampling and das Zusammensetzen aller Puzzleteile, worauf wir uns bei Mount Kimbie nicht konzentrieren. Die Varianz zwischen der Geisteshaltung und dem Workflow ist für meine beiden Seiten echt gesund. Ich glaube, den Ethos, hart zu arbeiten und die ganze Zeit viel zu kreieren, hatte ich nicht, bevor der Auftrag kam. Das beeinflusste, wie ich an die Arbeit mit Kai heranging.“

Ebenso wichtig ist es beiden, nicht in immer gleichen Hörgewohnheiten zu verharren. Kais Lieblingsmusik sei häufig die, die am Anfang „Verwirrung oder Abneigung“ in ihm auslöste. Als Beispiel nennt er Muddy Waters oder John Coltrane, bei denen er als Kind nicht nachvollziehen konnte, warum sein Vater deren Musik hört. Bis er die eine Platte von John Coltrane entdeckte, die ihn „auf einer tiefen Ebene“ ansprach und sich mit dem ganzen Werk auseinandersetzte: „Du musst viel darüber lesen. Es ist aufregend, so als wäre gerade deinem Universum eine neue Farbe hinzugefügt worden.“

Das Studio ist wie ein Fantasieland

In Zeiten von Spotify entpuppen sich Mount Kimbie dabei als begeisterte Verfechter des Radios. Beim Community Radiosender NTS hosteten sie vier Sendungen und Kai rät jedem, das Medium nicht aufzugeben: „Als ich aufwuchs, änderte Radio wirklich alles für mich. Es gab zwei Shows von John Peel und Charles Peterson, auf denen meine ganze musikalische Erziehung basiert. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Radio etwas bieten kann, was das Internet nicht kann: Musik ausgesetzt zu sein, die du nicht magst und die du trotzdem ertragen musst bis zum nächsten Song. Das ist ein wesentlicher Teil dabei, als Person zu wachsen – kulturell oder persönlich. Nicht in der Lage zu sein, jede etwas unangenehme Erfahrung im Leben zu skippen. Falls man diese Erfahrung verliert, weil Leute nur hören, was ihnen und ihren Freunden wahrscheinlich gefällt auf Basis dessen, was ihnen bereits gefällt, ist das eine echt tragische Sache.“

Viel Zeit werden Dom und Kai in den kommenden Monaten aber wohl nicht mit Radiosendungen verbringen. Das Duo geht auf große „Love What Survives“-Tour und spielt unter anderem ein paar Shows in Deutschland. Bei ihren Konzerten stehen Mount Kimbie mittlerweile nicht mehr alleine auf der Bühne und „rennen herum bei dem Versuch, alles gleichzeitig zu machen“. Drei Livemusiker, unter anderem Feature Andrea Balency, setzen die Songs mit ihnen auf der Bühne um. Für Kai genau die richtige Entscheidung: „Das Studio ist wie ein Fantasieland, in dem du ohne physische Limitationen kreierst, zurückgehen kannst, verschiedene Takes ausprobierst und die Dinge übereinanderlegen kannst. Wir formten die Band aus dem, was in diesem Fantasieland entstanden ist. Sie ist perfekt, um unsere neue Musik zu spielen.“ Es wird also ein Erlebnis, das man definitiv nicht skippen sollte!

Mount Kimbie live:
10.11.2017 – Berlin, Astra Kulturhaus
15.11.2017 – Wien, Flex
16.11.2017 – München, Muffathalle
27.11.2017 – Köln, Die Kantine

Wir verlosen 2×2 Tickets für die Tour. Bis zum 5.11.2017 könnt ihr noch hier an unserem Gewinnspiel teilnehmen.