Neunfünf im Interview: „Ich arbeite immer an den Songs, die zu meinem Vibe passen“

Das Album ist tot, lang lebe die EP – oder? Nicht erst seit Release-Experimenten wie Drakes „More Life“ probieren sich junge Künstler in einem zwanglosen Umgang mit ihren Veröffentlichungen aus. Wir haben mit dem Stuttgarter Newcomer Neunfünf über seine Mini-EP-Serie, Heimat und sein persönliches Verhältnis zur Musik gesprochen.
Foto von Luke Highwalker Jordan

Wenn Neunfünf Musik macht, dann ist das Ergebnis immer davon abhängig, was vor seinem Fenster passiert. Über drei der vier Seiten des angemieteten Studioraums erstreckt sich die einladend breite Fensterfront und gibt einen großzügigen Blick auf den Stuttgarter Speckgürtel frei. „Es war mir wichtig, einen Raum zu haben, in dem ich hauptsächlich Musik machen kann und nicht noch dazu nutze zu schlafen, fernzuschauen oder Sex zu haben“, sagt Neunfünf und schickt ein verwackeltes Bild vom gegenwärtigen Ausblick; grau und regnerisch. „Wenn ich genau jetzt einen Song aufnehmen würde, dann wäre das sicherlich kein fröhlicher Song wie ‚Trunkshop‘ oder so. Vielleicht eher was Melancholisches.“ Und was, wenn sich das Studio in einem Kellerraum befinden würde? Neunfünf lacht. „Dann würde ich mir wahrscheinlich irgendwelche Wallpaper als Desktop-Hintergrund anlegen müssen.“

Neunfünf ist Teil jener HipHop-Generation, die ihre Songs nicht mehr über gebrannte Mixtapes, sondern Soundcloud-Playlists im Internet streuen. Selbstproduzierte Instrumentals, diverse Autotune- und Vocoder-Layer auf der Stimme sowie ein erratischer Output charakterisieren die Musik des 95er-Jahrgangs, selbst einordnen kann er das, was er macht, aber nicht. Als Einflüsse für seine aktuellen Projekte nennt der Stuttgarter Bon Iver, Frank Ocean oder auch David Bowie – insgesamt also wenig von dem, was man klassischerweise bei HipHop-Künstlern vermuten würde. Müsste man ein Genre für seine Musik festlegen, wäre es wohl Cloudrap, oder auch das, was in ein paar Jahren vielleicht unter verschwurbelten Begriffen wie „Post-Cloud“ zusammengefasst wird. „Ich bin eigentlich froh, dass man Künstler heutzutage nicht mehr so einfach irgendwelchen Genres zuordnen kann. Dadurch fühl ich mich viel mehr in die Richtung gepusht zu sagen, ich klingt halt nach ‚Neunfünf‘. Und so soll’s ja im Endeffekt auch sein“.

Blick aus dem Studio von Neunfünf

Ähnlich wie die musikalische Herangehensweise hat sich auch die Form des Outputs junger Künstler verändert. Das klassische Album verliert an Relevanz, die Veröffentlichungsformen werden experimenteller, dichter und vor allem unvorhergesehener. Rapper wie Ahzumjot und LGoony stellen ihre aktuellen Projekte nach und nach ins Netz, ohne dass bereits ein fertiges Endprodukt existiert. Andere setzen auf lose zusammenhängende Free-Mixtapes oder Werke, die ohne Ankündigung über Nacht erscheinen. Neunfünf arbeitet derzeit an mehreren Mini-EPs, die nach und nach veröffentlicht werden sollen, die erste ist mit „PV“ letzten November erschienen. Zwei bis drei Tracks nur fasst jedes der geplanten Werke, Veröffentlichungsdaten werden mit wenigen Tagen Vorlaufzeit beschlossen. Das ist einerseits Ausdruck künstlerischer Freiheit, andererseits eine Lösung pragmatischer Natur.

„Studium und Nebenjob ergeben bei mir mehr als ‘nen Vollzeitjob. Da bleibt einfach nicht so viel Zeit für Musik. Momentan arbeite ich immer an den Songs, die gerade zu meinem Vibe passen. Die, die dann gleichzeitig fertigwerden und konzeptionell zusammenpassen, landen schließlich auf einer EP.“ An den Tod des Albums glaubt Neunfünf allerdings nicht. „Im Endeffekt ist Musik ja geschichtenerzählend. Und gute Alben erzählen eine zusammenhängende, in sich stimmige Geschichte. Wie ein guter Film! Nur weil es jetzt mehr Serien gibt, sind Filme vielleicht nicht mehr so erfolgreich, aber es gibt sie immer noch. Gute Alben können für mich eine krasse Emotion darstellen und transportieren.“

Dass der Stuttgarter nicht an dogmatischen Normen festhält, ist nur konsequent. Knapp vorbeigerutscht an der Generation Kassettenkid und Walkman-Träger, wuchs Neunfünf mit der MP3 auf. „Die paar CDs, die ich besitze, habe ich alle in Polen gekauft. Und das auch nur, weil ich in dem Alter keinen MP3-Player hatte, meine Oma aber ein Radio, das eben CD-fähig war. Wenn ich Musik hören wollte, musste ich also das nutzen.“ Später versorgte ihn ein älterer Freund mit Songs aus aller Welt. „Das waren dann meist irgendwelche Radio-Mitschnitte aus der Ukraine“, lacht er. Spätestens Spotify und Co. lösten für Neunfünf dann endgültig haptische Tonträger ab. Die allgegenwärtige Diskussion um sinkende Erlöse versteht er dabei nicht. „Für mich war immer klar, dass der Künstler sein Geld bekommt, wenn ich auf die Konzerte gehe. So war es früher vor Erfindung der Schallplatte ja auch – der Musiker hat dann was verdient, wenn er seine Musik live gespielt hat. Musik in einem konkreten Wert zu bemessen, finde ich schwierig.“

Bewegt man sich durch Neunfünfs Diskographie, fällt ein zentrales Motiv auf: die innige Verbindung zu seiner Heimat Pattonville. Was klingt wie ein Städtchen irgendwo in den USA, entpuppt sich als verschlafener Vorort von Stuttgart. Knapp 8000 Einwohner, eine miserable Bahnanbindung und ein alter Militärflughafen zieren das Stadtbild. Nichtsdestotrotz bedeutet Pattonville für den Rapper Nostalgie und ein ganz besonderes Lebensgefühl. „Nord S“, ein älteres Tape, ist ganz dem Leben in Stuttgarts Norden und Umgebung verschrieben, mit „PV“ ist die jüngste EP gleich auf den Ort selbst getauft. „Pattonville hat einfach einen ganz besonderen Einfluss auf mich, sodass ich immer wieder darüber schreiben muss. Die Generationen, die dort zusammen aufgewachsen sind, haben ein Gemeinschaftsgefühl, das ich noch nirgendwo sonst so erlebt hab“. Ursprünglich wurde Pattonville erst Mitte der 50er-Jahre vom US-amerikanischen Militär errichtet, inzwischen werden die Stadtteile von verschiedenen umliegenden Gemeinden in einem Zweckverband verwaltet. „Dadurch war man ringsherum immer irgendwie fremd, was uns besonders zusammengeschweißt hat.“

Wie es nun weitergeht? „Es kommen insgesamt mindestens vier Mini-EPs. Im März habe ich dann wahrscheinlich so viel Zeit, dass ich das ganze Projekt vervollständigen kann. Alle EPs und ein oder zwei neue Songs sollen dann in einer großen Playlist mit dem Titel ’70XXX‘ erscheinen.“ Eine ganze Menge Ideen stehen schon, die zugeschickte Skizzenplaylist beinhaltet Chiffren wie „2017.08.28 Lydian Eb Cold Summer V1” oder “ TobiAS Ver 1”. Was genau davon als nächstes fertig wird, weiß Neunfünf allerdings selbst nicht ganz genau. Vermutlich hängt es mit dem Wetter vor seinem Studiofenster zusammen.

Foto von Adrian Schwartz