TÜSN im Interview: „Aus alten Mustern auszubrechen war wichtig“

Wir haben mit der Synth-Pop Band TÜSN über ihre Ästhetik, Anfänge in anderen musikalischen Stilrichtungen und spärliche Kommunikation gesprochen.
Foto von Dirk Rudolph

Wie Hannibal über die Berge, mit Reitern und Elefanten, um das Schicksal vernichtend zu schlagen, um uns weiter zu tragen und es trägt mich zu dir“ singt Snöt mit vibrierender Stimme in „Hannibal“. Dazu wird er von einem Chor und düsteren Klavier begleitet. Im Musikvideo zu „Hannibal“ wurde der Pathos des Songs in einer schwarz-weißen Ästhetik festgehalten, die sich auch durch die restlichen Videos der Band zieht. „Wir sehen das als eine Vision, die nur wenig konkret fassbare Eigenschaften hat, sondern eher eine Art Seele der Band TÜSN darstellt“ beschreibt die Band ihre Vorstellung von Sound und visueller Ebene.

TÜSN verkörpert immer auch eine sexuelle Ebene

„Unsere Musik hat keine Angst vor Pathos, passend dazu schreckt auch deren Inszenierung nicht vor kleinen theaterhaften Überzeichnungen zurück“ erklären TÜSN weiter. Wenn es darum gehe, sich von Zwängen zu befreien, Schuldigkeiten zu akzeptieren und neue Welten zu entdecken, sei auch die Anlehnung an eine SM-Ästhetik – wie im Video zu „Zwang“ – gar nicht so weit hergeholt. „TÜSN verkörpert immer auch eine sexuelle Ebene“ so das Trio. Dazu sei es stets wichtig, sich nicht an anderen zu orientieren. Vielmehr versuche man eigene Emotionen zu extrahieren. „Natürlich sind wir auch Fans von Musik, aber das sollte unsere Kreativität nicht stärker beeinflussen, als es ohnehin jegliche Eindrücke tun, die uns das Leben anbietet.“

Zu Beginn ihrer Arbeit waren zunächst nur sehr wenige Informationen rund um die Bandmitglieder von TÜSN zu finden. Die Band verschanzte sich hinter dunklen, die Gesichter verschleiernden Fotos, lediglich der Song „Schwarzmarkt“ stellte ein Lebenszeichen dar und entwickelte sich zu einem ersten Erfolg. „Wir verfolgen den Anspruch, nur dann etwas zu sagen, wenn es auch einen Anlass dazu gibt. Wir finden es ganz natürlich, dass eine Band am Anfang nicht mit den verrücktesten Geschichten um die Ecke kommt, weil es einfach noch gar nicht so viele Informationen gibt“ erzählt die Band über diese Zeit. Mittlerweile würde man einfach mehr erleben, weshalb auch die Kommunikation intensiver geworden sei.

Dass eine spärliche Kommunikation auch kontraproduktiv für die Entwicklung einer Band sein könnte, dazu auch wenig kompatibel zu heutigen Kommunikationskanälen ist, unterstreichen TÜSN. Inhalte seien nur noch kurz in einer Zeitleiste sichtbar und würden dann nach unten verschwinden und sich in einem schier unendlichen Datenmeer verlieren. „Letztendlich ist aber genau diese Art von Oberflächlichkeit etwas, was uns tierisch nervt. Da wir uns eben nicht auf Teufel-komm-raus in den Vordergrund drängen, wollen wir den Fokus darauf lenken, was wichtig ist: nämlich unsere Musik.“

Aus alten Mustern auszubrechen war wichtig, um einen Sound zu entwickeln, der ein individuelles TÜSN definiert

Mit Snöt und Daniel waren zwei Drittel von TÜSN lange Zeit Teil der Band 5BUGS, die sich nach vier Alben im Jahr 2012 aufgelöst hat. Dieser Hintergrund aus Punk-Rock steht den von Synthesizern geprägten Klängen gegenüber. „Aus alten Mustern auszubrechen war wichtig, um einen Sound zu entwickeln, der ein individuelles TÜSN definiert: frei von Vorbildern und Zwängen“ erklären TÜSN die Entwicklung hin zu ihrem aktuellen Sound. Es sei ein harter Schritt gewesen, die Gitarren in ihren Koffern zu lassen. Diese symbolische Kraft sei aber auch eine Befreiung von den komfortablen Gefilden der Vergangenheit gewesen. „Als Belohnung haben sich uns völlig neue Welten eröffnet, in denen wir mit Synthesizern nie gesehene musikalische Ufer entdeckt haben.“

Ihr Debütalbum „Schuld“ haben TÜSN dann in verschiedenen Städten wie Berlin, Fulda oder auch London aufgenommen. „Die Löwenanteile sind aber im Toolhouse in Rotenburg an der Fulda und im Tritonus sowie dem Freudenhaus Studio in Berlin entstanden.“ Besonders die Zusammenarbeit mit verschiedenen Produzenten und Musikern wie Moritz Enders oder Alexander Freund sei für die Band dabei sehr wichtig gewesen.

Im Zusammenhang mit der Musik von TÜSN taucht oft die Floskel “lässt sich nicht in eine Schublade stecken” auf. Darauf angesprochen erklärt die Band, dass sie das gern als Kompliment annehme. „Das bestätigt unseren Anspruch auf Individualität. Und gleichzeitig ist ein solches Eingeständnis sogar ein erster mutiger Schritt hin zu einer wirklichen Interpretation. Denn in Schubladen einzuordnen wäre nur eine relativ simple Organisation von Eindrücken, indem diese einfach so gut es eben geht in ein mehr oder weniger differenziertes Ablagesystem einsortiert werden.“

Die Welt in unterschiedlichen Rollen zu entdecken ist unsere Taktik

Dass ein solches Schubladendenken für TÜSN keine Option ist, lässt sich auch im Song Schwarzmarkt wiederfinden. “Reden ist Silber, Tanzen ist Gold” klingt nach einer Aufforderung, das Leben nicht allzu ernst zu nehmen, sich dem Rausch hinzugeben. Auf der anderen Seite steht dagegen ein “Wir sind gefangen in einer heilen Welt” („Schuld“), also Systemkritik und der Drang, die Gesellschaft in Frage zu stellen.

Auf die Frage, wie viel TÜSN von dem Treibenlassen und dem Aufbegehren brauchen, antwortet die Band: „Wir glauben nicht, dass das eine das andere ausschließt und wir brauchen definitiv beides. Das Geschehen von verschieden Perspektiven zu erforschen und die Welt in unterschiedlichen Rollen zu entdecken ist unsere Taktik, einem Drang nach Verständnis gerecht zu werden.“  Dazu gehöre auch bestehende Konstellationen zu hinterfragen. Gleichzeitig solle man diese Eigenschaft aber auch nicht als statisches Pflichtprogramm etablieren, sondern sich an eigenen Bedürfnissen orientiert treiben lassen.

 

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