VIECH im Interview: „Viecher brauchen Freiheit und Platz!“

Aus der österreichischen Steiermark hallt ein „YEAH“ nach Deutschland: Wir haben mit VIECH über Texte, Musikfernsehen und ihr aktuelles Album gesprochen. Besonders freuen wir uns, dass sie am 19. Mai zum zweiten Geburtstag von DIFFUS in Hannover spielen.
Foto von Elisabeth Anna

Vorbei sind die Zeiten, in denen VIECH mit Balladen und leicht elektronischem Pop durch Österreich zogen. Vom Duo zum Quintett angewachsen knallen sie gerne, auf allen Ebenen: „YEAH“ prangt in großen Lettern auf dem Cover ihres zweiten Albums. Gelbe Anoraks leuchten im Video „Zentrale“. Wild vermischen sich Pop, Rock und Elektro, Männerchorgesänge, Drums, die Gitarren, Keyboard, Orgelsounds und Saxofon.

Den größten Kracher liefert die Band mit ihren unterhaltsamen Textzeilen voll ungewohnter Wortkombinationen: „Rutsch mir doch die Kehle runter, Abschied fällt mir schwer vom Stamm, Schmeck die Flasche noch von gestern, Und sag ehrlich gesagt“. Auch wenn der Protagonist hier aus der Ich-Perspektive erzählt, wachsen solche Reihungen nicht im Kopf eines Frontmanns, sondern sind Ergebnis eines gemeinsamen Ausprobierens und Diskutierens oder wie Mitglied David es beschreibt:

„Es ist tatsächlich die lyrische Magie des Lesezirkels Viech, welche die Texte entstehen lässt. Stephan kann seine dominante Bürgermeister-Ader natürlich nicht immer unterdrücken und dann wird schon mal ironisch auf den Tisch gehauen. Enden tut das Ganze aber dann eher im Schmäh, der uns dann auf eine neue Textidee bringt.“

Trash kann ja jedem musikalischen Prozess nette Impulse zufügen

Aus Jux und Tollerei allein suchen die fünf Österreicher allerdings nicht nach abwegigen Formulierungen.  „Zeilen können nur absurd sein, wenn sie noch nicht ausgeleiert sind. Albern sind in meinen Augen genau die festen Wendungen, die sich so in unsere Köpfe gebrannt haben, dass man gar nicht mehr weiß, was das ursprünglich mal geheißen hat. Durch dieses Aufbrechen und den Übertritt ins Absurde erfährt man dann oft mehr über einen Ausdruck. Im Grunde ist das Sprachkritik.“, sagt Christoph und Stephan ergänzt: „Mit Neugierde zu graben und immer tiefer zu gehen, ist genau das, was unsere Texte meiner Meinung nach ausmacht. Was man durch dieses “Graben” entdecken kann, ist oft nicht auf den ersten Blick erkennbar.“

Klingt ziemlich anspruchsvoll so eine Verbindung aus Sprachkritik und Popmusik. Tatsächlich nehmen VIECH zur Beschreibung ihres Konzepts auch mal Worte wie „ausgeklügelt“ oder „verkopft“ in den Mund. Idee ist aber nicht gleich Umsetzung. Spaß an Spielereien und Zwanglosigkeit zeigt etwa die Aufbereitung der Single „Zentrale“: Irgendwie passend zum farbenfrohen Auftreten in ihren Videos stellen die Fünf etwa Klingeltöne aus dem Song zur Verfügung. Auf die Frage, ob das Teil der VIECH-Auseinandersetzung mit Trash ist, antworten Christoph und Stephan: „Auf der einen Seite beweisen solche Versuche ja, dass die Teile eines Songs mehr sind als Einzelzutaten, die dann wieder die Summe ebendieser Teile formen. Andererseits zeigt das auch, dass Trash mehr sein kann als Müll. Trash kann ja jedem musikalischen Prozess nette Impulse zufügen“.

Ein Mensch kann doch mehr Input liefern als ein Gerät!

Wenn Musikvideos und Klingeltöne schon so nah beieinander liegen, kann nur ein Thema folgen: Das alte Musikfernsehen und sein Einfluss auf „YEAH“. Dabei schwelgt die Band in Nostalgie, Erkenntnis und Trauma:
Christoph: „Zu der Frage mit dem Nachtrauern: Ich liege heute noch nachts wach und höre dem Crazy Frog zu, wie er mir meine Hirnwindungen zersägt. In dem Business waren (sind?) Sadisten am Werk.“
DIFFUS: “Und wie sehr haben euch MTV, VIVA und Co. beeinflusst?“
Paul: „Sehr. Ich bin ja damit aufgewachsen und hab auch den Verfall mit der Übernahme an Realityshows miterlebt. Gibts MTV noch?“
David: „Glaub schon, aber eben nicht mehr in der Form, in der es damals geil war. Das von Markus Kavka betitelte M in MTV fehlt mittlerweile komplett, glaub ich.“
Christoph: „Wobei der Verfall auch einige neue Perspektiven hervorbrachte, wenn man es etwas beschönigend formulieren möchte. Wer bitte bringt eine Show wie Date my mum? Wahnsinn.“

Die musikalische Richtung von „YEAH“ ist Ergebnis verschiedener Faktoren: Die Erweiterung der Band um drei Musiker „kann doch mehr Input liefern als ein Gerät“. Die älteren Songs spielen VIECH mittlerweile live oft flotter, weil es mehr Spaß macht. Entsprechend lebt das zweite Album auch von Uptempo-Nummern. Und das markante Saxofon rutscht irgendwo zwischen Soundtüfteleien und der Begeisterung für James Murphys Beitrag zu Arcade Fires „Reflektor“ mit rein.

Ob sie damit nun auf der aktuellen Austropop-Schiene fahren oder nicht, ist für VIECH ziemlich irrelevant. „Viecher brauchen Freiheit und Platz!“, lässt Stephan verlauten und für journalistische Zuschreibungen findet Christoph folgendes Bild: „Wir haben uns nichts gebrochen und brauchen eigentlich keine Schiene. Aber das entscheidet man ja meistens nicht selbst, sondern wird von Ärzten eingegipst. Man darf da auch keine Angst haben. Das sind doch nur Genre-Bezeichnungen. Und einen Gips kann man anmalen.“ Wie bunt das werden kann, das zeigt „YEAH“ ganz gut.

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