Captain Planet im Interview: „Da müssen mal wieder neue Bands her, die alles kaputtmachen“

Im Interview sprechen Arne und Benni von Captain Planet über einen neuen Hifi-Sound, das Fehlen einer Promophase zu ihrem neuen Album "Ein Ende" und den Wunsch nach Aufbruch.
Foto von Christian Bendel

Die norddeutschen Punks von Captain Planet sind ein hervorragendes Beispiel dafür, dass gute Dinge Zeit brauchen. Mit ihrem mittlerweile vierten Album „Ein Ende“ (ist am 6. Mai 2016 bei Zeitstrafe erschienen) macht die Band genau das, was man von einem guten Punk-Rock Album erwartet: Zehn geradeaus gespielte Songs auf einer Gesamtlänge von nicht einmal 30 Minuten.

Die Energie, mit der Captain Planet dabei zu Werke gehen ist auch nach dem 2012er Vorgängeralbum „Treibeis“ die selbe geblieben: Sänger Jan Arne von Twistern verarbeitet seine Wut schreiend in eindrucksvollen und teils absurden Texten, die von einem donnernden Gerüst aus Schlagzeug und Gitarren zusammengehalten werden. In einer Reihe von Bands wie Love A oder Turbostaat präsentieren Captain Planet so eine Platte, die beweist, dass auch kleinste Veränderungen große Qualität hervorbringen können.


Captain Planet gibt es in dieser Form mittlerweile ja schon seit mehr als 13 Jahren. Wird man nach solch einer Zeit irgendwann einmal müde?
Arne: Nein, eigentlich nie – und ganz besonders jetzt nicht. Wir haben ein Jahr nicht live gespielt, eine neue Platte ist da, in die wir viel Energie gesteckt haben und wir sind wahnsinnig gespannt, was damit passiert, wenn sie losgelassen wird. Ich war noch nie so wach.

Familie, Beruf und Band – wie schwierig ist es dabei eine neue Platte aufzunehmen? Wo nimmt man da auch Einschränkungen in Kauf?
Arne: Während der Produktion des Albums haben wir tatsächlich keine Kompromisse gemacht – das ist etwas, was bleibt – da muss man auch in 20 Jahren noch voll dahinterstehen. Ich denke, dass alle in unserem Umfeld wissen, wieviel uns diese Band bedeutet. Insofern werden uns Einschränkungen allerseits hoffentlich verziehen.

Benni: Klar ist das immer ein Ausbalancieren, aber so eine Platte nimmt man nicht auf, wenn nicht alle voll dabei sind. Da muss man schon ans Limit kommen, sonst hat man nicht alles gegeben.

Arne hat vor einiger Zeit in einem Interview gesagt, dass 5 Tage am Stück Touren ok ist, viel länger aber nicht mehr sein muss. Ist das auch ein Effekt von Familie und Beruf?
Arne: Ja. Und Alter. Und Fitness.

Hier sind wir dann ja auch in gewisser Weise beim neuen Album angekommen: Alleine das Artwork oder eure aktuellen Bandfotos senden ja ein gewisses Signal von “zur-Ruhe-kommen” aus. Gibt es in einer Reihenhaussiedlung trotzdem noch ein Gefühl von Aufbruch, das ihr ja auch auf der Platte besingt?
Arne: Wenn es etwas gibt, was mich manchmal am Küchentisch in einem dieser Häuser sitzen lässt, dann ist es meine Bequemlichkeit. Natürlich gibt es immer den Wunsch nach Aufbruch! Dinge anzupacken, die man vernachlässigt oder sich nicht traut zu ändern. Es gibt immer Baustellen, von einigen berichtet das Album.

Benni: Vom „Zur-Ruhe-kommen“ fühle ich mich auf jeden Fall weit entfernt. Eigentlich braucht man ja auch nur vor die Tür zu gehen oder Nachrichten zu schauen und ist mit genügend Zorn ausgestattet, um die ein oder andere Reihenhaussiedlung abzufackeln. Rein metaphorisch, natürlich.

Wie wolltet ihr euren Sound auf der neuen Platte verändern, ohne dabei grundlegend anders zu klingen?
Arne: Wir haben einfach versucht, alles ein wenig besser und feiner zu machen, den Weg von der Treibeis weiterzugehen aber eben etwas mehr Hifi. Auch beim Mastering haben wir diesmal mehrere Optionen gehabt, viel getestet und uns viel angehört. Wie immer ist ein Album ein Zwischenstand, eine Momentaufnahme auf der ewigen Suche nach dem einen Sound.

Hat sich auch etwas in der Art und Weise verändert, wie ihr das Album aufgenommen habt?
Arne: Das war wie immer eigentlich. Durch einige Babypausen hat das dann etwas länger gedauert dieses Mal. Wir versuchen immer einmal in der Woche zu proben, das ist schon ein hoher Anspruch manchmal, wenn gerade viel los ist. So dauert es dann halt etwas länger…

Benni: Wir haben diesmal mit zwei Leuten aufgenommen, Olman Viper und Hauke Albrecht. Beide super. Das Ganze hat dann zwei Wochen im Oktober 2015 gedauert. Das Schlagzeug wurde übrigens in Hannover aufgenommen, im gleichen Studio, in dem auch Helloweens „Keeper of the seven Keys“ entstanden ist. Das konnte ja nur gut werden.

Euer Album tauchte zunächst zum Vorbestellen in Online-Shops auf, bis ihr es drei Wochen vor Release selbst angekündigt habt. Ist das ein bewusster Gegenentwurf (wobei Künstler wie Beyonce, James Blake oder Drake das ja ähnlich handhaben) zu aktuellen Entwicklungen in der Musikwelt?
Arne: Ja, das stimmt schon. Wir hatten wenig Lust auf so eine hyperventilierende Promophase mit nichtssagenden Inhalten. Ist ja nicht so, dass wir das nicht auch schon so gemacht haben in der Vergangenheit. Drake kenne ich jetzt nicht, aber Beyonce ist doch eine ganz gute Referenz.

Benni: Ich fand den Gedanken auch einfach schön, mal wieder das ins Zentrum zu rücken, worum es bei einer Band doch eigentlich geht. Platten machen, Konzerte spielen. Interessiert doch keine Sau, welche Schuhgröße der Bassist hat (Sorry Marco!). Ob das nun eine bewusste Verweigerung gegen den Selbstinszenierungszwang ist. Nö. Vielleicht sind wir auch einfach ein bißchen langweilig.

Und wie sieht das mit Einflüssen für euer neues Album aus?
Benni: Die eigentlichen Einflüsse für das Album sind ja nicht in erster Linie musikalischer Natur. Dass ich viel Marked Men und Thermals gehört habe, hört man den Songs wahrscheinlich eher nicht an. Viel mehr Einfluss hat doch das, was einen umgibt und da verändert sich natürlich ständig was. Genügend Verzweiflung und Unruhe für ein neues Captain Planet Album lässt sich da immer finden.

Gefühlt haben deutschsprachige Punk-Bands in den letzten Jahren einen viel größeren Stellenwert als vielleicht noch vor 10 Jahren, finden im Feuilleton statt und füllen große Hallen. Wie betrachtet ihr diese Entwicklung?
Benni: Insbesondere was Bands mit deutschen Texten anbelangt, ist die Aufmerksamkeit definitiv gestiegen. Scheint einfach nicht mehr genügend verstörend zu wirken, der Punk. Da müssen mal wieder neue Bands her, die alles kaputtmachen und dem gediegenen Hörer genügend Angst einjagen.

Ich glaube, dass “Ein Ende” in vielen Fans den Anschein hervorgerufen hat, dass Captain Planet nach oder mit diesem Album Geschichte ist. Ist ein Ende von Captain Planet überhaupt abzusehen?
Arne: Solange nicht einer von uns auf der Bühne steht und lieber zuhause auf der Couch wäre, wird es weitergehen. Was mich angeht, kann das noch dauern.

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