Ben Lukas Boysen im Interview: „Trickiness in der Einfachheit finden“

Ben Lukas Boysen ist neu bei Erased Tapes, aber dennoch kein Newcomer: Am 10. Juni erscheinen das Album „Spells“ und eine remastered Version des Vorgängers „Gravity“. Wir haben mit ihm über seine Arbeitsweise, den Unterschied zu den Releases als Hecq und Genrezuschreibungen gesprochen.
Foto von Claudia Gödke

„Von nun an, falls irgendjemand fragt – dies ist ein echtes Klavier.“ So würdigt Labelkollege Nils Frahm die Musik von Ben Lukas Boysen, die aus Experimenten mit Programmierungen und akustischen Instrumenten entsteht. Ein mehrstufiger Prozess steckt dahinter, den er als „sehr langwierig, aber sehr schön“ bezeichnet. Das Grundgerüst der Stücke komponiert Ben Lukas Boysen zuhause in Berlin am Computer: „Aber man merkt, dass man mit den MIDI-Instrumenten überhaupt nicht zu dem Klang kommt, den man braucht.“ Deswegen arbeitet er mit der Harfenistin Lara Somogyi, dem Schlagzeuger Achim Färber und dem Cellisten Anton Peisakhov zusammen.

Die Aufnahmesessions gestaltet Ben Lukas Boysen offen, viele Parts jammen die Instrumentalisten zu den vorhandenen Audiospuren: „Ich habe oftmals keine Noten – die könnte man ausdrucken, aber meistens reicht es, zu sagen: ‚Kannst du mal eben das machen? Ich habe etwas geschrieben und biete das an. Ihr kennt euer Instrument und das Verhalten besser. Wenn ihr eine Idee habt, wie das Stück besser funktionieren könnte, dann macht das einfach.‘ Das ist in ein paar Fällen auch so gewesen. Das ist toll. Man erlebt sozusagen die eigene Idee, die seit Wochen im Kopf rumeiert, noch einmal neu.“

Als „modular“ beschreibt er den weiteren Ablauf: Die eingespielten Instrumentals, zum Teil verändert durch Kompressoren oder Hall, tauscht er manchmal an eine andere Stelle innerhalb des Stückes oder verschiebt sie in einen ganz anderen Track. Eine intensive Auseinandersetzung, die auch an ihre Grenzen stoßen kann. Das externe Mastering ist für Ben deshalb essenziell: „Nach zwei Jahren bist du so vernagelt, dass du überhaupt keine Distanz mehr zur Arbeit und den Stücken hast. Die sind, was sie sind. Du nimmst eine Spur weg und denkst zu dem Zeitpunkt: ‚It’s all the same to me‘. Dann hebt man nur ein bisschen was an oder ab oder verschiebt das im hörbaren Raum. Schon eröffnen sich Welten. Ich würde fast sagen, 50 Prozent des Albums sind dieser letzte Schritt des Mischens und Masterns. Das Mastering für „Gravity“ und „Spells“ hat Nils Frahm gemacht.“

Als Gesamtwerk geht es vielleicht in Richtung französisches Betroffenheitskino

Die einzelnen Vorgänge steuern auf ein klangliches Ziel hin nämlich, die „Trickiness in der Einfachheit zu finden“, dem Ideal des estnischen Komponisten Arvo Pärt folgend. „Spells“ ist auf das Wesentliche reduziert, unaufgeregt in der Grundstimmung. Das Stück „Sleepers Beat Theme“ sollte ursprünglich für einen Kurzfilm über die Transsibirische Eisenbahn genutzt werden. Auch die Atmosphäre vieler anderer Titel zeichnet Bilder von langen Reisen durch die Nacht, dem Ankommen oder Aufbrechen. Das Kopfkino läuft bei Ben Lukas Boysen, der auch Musik für Filme, Videospiele und Werbespots schreibt, sowieso immer mit, obwohl er konkrete Szenen im Nachhinein schwer in Worte fassen kann: „Ich weiß es nicht. Als Gesamtwerk geht es vielleicht in Richtung französisches Betroffenheitskino. Aber das stimmt eigentlich nicht. Da kommt der Amerikaner in mir durch. Bei Filmen muss es schon sehr luxuriös aussehen.“ Nach einigem Überlegen kommt er, begeistert von Denis Villeneuve und Paul Thomas Anderson, auf eine Mischung aus „Enemy“ und „There Will Be Blood“.

Auf der anderen Seite testet die Platte in ihrer Reduktion die Möglichkeiten aus, die Verschmelzung von Künstlichem und Organischem bietet: „Jeder kennt Harfe und Klavier, Drums hat auch jeder schon gehört. Wie kann man wenigstens versuchen, dem einen anderen Anstrich zu geben?“ Diese Fragestellung und die kompositorischen Beschränkungen wählt Ben Lukas Boysen, nachdem er in der Vergangenheit unter dem Pseudonym Hecq einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Auf neun Alben probierte er sich in elektronischen Richtungen wie Ambient oder Dubstep aus, beschreibt Hecq im Rückblick als „härter, radikaler und brutaler. Es ist ein bisschen wie ‚um gehört zu werden, musst du laut schreien.‘“ Obwohl er sich dabei keine Grenzen setzte, stellte er fest: „Wenn dein Musikschreiben daraus besteht, dass du nichts annimmst, was eine klassische Form hat, drehst du durch. Komischerweise ist das irgendwann auch erschöpft. Ich hätte gedacht, das hat nie ein Ende, aber das hat es eben doch. Du kannst es nur bis zu einem gewissen Grad pervertieren.“

An diesem Punkt angekommen besinnt sich der Komponist auf die musikalische Prägung durch seine Eltern zurück, die ihm in der Kindheit vor allem Klassik, Romantik und Jazz vorstellten. „Pink Floyd war der größte Popausbruch.“ Indem er sich wieder mit dieser Musik beschäftigt, entdeckt er, welche Möglichkeiten etwa ein Klavier bieten kann. Er beginnt, was Instrumentenlehre und sein Grundverständnis angeht, noch einmal von vorne. Nach dem Release seiner Platte „Gravity“ im Jahr 2013 nimmt ihn für dessen Re-Release und sein zweites Album „Spells“ Erased Tapes ins Roster auf.

Zu den bekanntesten Künstlern des Labels gehören Nils Frahm, Ólafur Arnalds oder Peter Broderick, die oft unter dem Genrebegriff Neo-Klassik eingeordnet werden. Über die Kategorisierung – wie über so ziemlich alle Genres – lässt sich gut streiten. Auch Ben Lukas Boysen ist zwiegespalten: „Ich habe nichts gegen Begrifflichkeiten und Genres, aber auch nicht viel dafür. Ich bin nur Nutznießer. Ich schaue, was die Neo-Klassik-Riege sagt, weil ich die Musik durch die Bank gerne höre. Insofern finde ich es wichtig, aber ich finde es limitiert immer. Ich habe mal ein Hecq-Album gemacht, das im weitesten Sinne dubsteppig war, zu einer Zeit, in der es schon keiner mehr hören konnte inklusive mir. Da bist du dann bei bestimmten Leuten schon völlig durch.“

Was er an der Gratwanderung von „Gravity“ und „Spells“ zwischen klassischem Ansatz und Elektronik spannend findet, ist es, „Hörgewohnheiten zu enttäuschen“ in einem „liebevoll gewalttätigen Versuch, zu sagen, macht nicht zu, nur weil ihr etwas kennt.“ Scherzend ergänzt er: „Das nächste Album müsste wirklich ein Querflöten-Album sein – als Statement. Man sagt, das letzte Album war roughly Neo-Klassik verankert und dann kommt etwas, womit du nicht rechnest. ‚Best of Laute‘ oder so. Noch lacht ihr. Laute ist ein fantastisches Instrument.“

Foto von Claudia Gödke
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