Mosquito Ego im Interview: „So laut, stumpf und psychedelisch wie möglich“

Die Stuttgarter Supergroup Mosquito Ego hat gerade ihr Debütalbum "Glomb" veröffentlicht. Im Interview spricht Tim Kordik über den unkonventionellen Entstehungsprozess der Band, den weltweiten Release des Albums sowie Verflechtungen innerhalb der Stuttgarter Musikszene.
Mosquito Ego, Foto von Karl-Heinz Stille

Mosquito Ego huldigen auf ihrem gerade veröffentlichten Debütalbum „Glomb“ mit stumpfen Riffs dem Noise Rock der 80er und 90er Jahre, überraschen dabei aber immer wieder mit psychedelischen Synth-Sounds, unkonventionellen B-Movie Samples und einer Menge Trash. Mit ihrem experimentellen Acid Noise Rock bewegen sich Reinhold Buhr (Gitarre, Gesang), Moritz Finkbeiner (Bass), Nataly Hulikova (Synth, Gesang), Tim Kordik (Synth, Tapes, Gesang) und Tobi Adam (Drums) fernab jeder musikalischer Vernunft, haben sich so in den vergangenen Jahren aber eine ganz eigene Nische aufgebaut.

Mosquito Ego haben sich im Jahr 2013 aus einer spontanen Idee heraus zusammengefunden, als Reinhold Buhr (Gitarre) bei Moritz Finkbeiner (Bass) im FFUS Waggon am Stuttgarter Nordbahnhof ein Konzert der mittlerweile aufgelösten Erfurter Band Kimmie Awesome veranstaltete. „Da die Band nur ein kurzes Set und keinerlei Backline am Start hatte, haben Moritz und Reinhold eher zum Spaß beschlossen, eine Support-Band zu gründen. Und wie das halt so war im Waggon haben das natürlich die umstehenden Leute (ich) und Tobi mitbekommen und wollten auch an dem Spaß teilhaben. Nach ein paar Bier hat diese Idee immer mehr Formen angenommen, bis wir beschlossen haben das durchzuziehen“ erzählt Tim Kordik über den Gründungsprozess der Band. Da bis zum Konzert nur eine Woche Zeit gewesen wäre, mussten sehr schnell ein paar Songs geschrieben werden. „Eigentlich hat das nur zwei Tage gedauert, die Restzeit war Probe. Es wurde meistens ein Bass-Riff durchgezockt und die anderen haben drumherum gespielt. Man muss dazu sagen, dass zu dem Zeitpunkt kaum einer (Moritz ausgenommen) sein Instrument beherrscht hat.“

Obwohl Mosquito Ego nur für einen Abend hätten bestehen sollen, entwickelte sich nach dem ersten Auftritt alles anders als geplant: Das Konzert im Waggon kam sehr gut an, die Band wurde für einen weiteren Gig nach Erfurt eingeladen und man holte sich Sängerin Nataly Hulikova dazu. Kurze Zeit später begannen Reinhold Buhr und Tobi Adam den viel beachteten Sampler „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ zusammenzustellen – auf dem neben Künstlern wie Die Nerven, Levin Goes Lightly oder Human Abfall auch Mosquito Ego einen Platz fanden. Durch den Sampler und Human Abfall-Sänger Flavio Bacon wurde dann auch das Hamburger Label ChuChu Records auf Mosquito Ego aufmerksam und im Jahr 2015 erschien dort eine Split-EP mit Die Säulen des Kosmos.

Foto von Martin Tagar
Foto von Martin Tagar

Auf ihrem am 1. Juli 2016 bei Treibender Teppich Records erschienenen Debütalbum „Glomb“ präsentieren Mosquito Ego diverse Facetten von Noise, psychedelischen Sounds, Punk und Glam Rock, wobei die Songs von miesen Drogenerfahrungen, surrealer Sexualität oder Missbildungen aller Art handeln. Durch das Zusammenspiel all dieser Themen und Sounds wirkt das Debüt der Stuttgarter Band wie eine nicht endende Fahrt im Fieberwahn, bei der sich erst nach mehrmaligem Hören eingängige Melodien erschließen. „Wir sind alle sehr musikbegeistert und jeder hat so sein Spezialgebiet, aber eigentlich wollten wir nur den hohlsten Punk spielen, den es so gibt. Der ‚Plan‘ war, das Album mit Sounds zu überladen. Ich denke das ist uns ganz gut gelungen“ sagt Tim Kordik. Die Songs seien alle im Studio von Bandmitglied Moritz Finkbeiner entstanden, der in zehn Bands gleichzeitig spiele und deshalb sehr viel analoges Equipment besitze. „Wir haben dann natürlich alles auf das Album gepackt, was dort so rumsteht, weil einfach die Option da war und weil wir Bock hatten…und natürlich auch um die ganze Stumpfheit zu überdecken.“

Wir haben da so ein Bandmotto das besagt: So laut, stumpf und psychedelisch wie möglich

Im Zusammenhang mit der „Stumpfheit“ ihres Albums sprechen Mosquito Ego auch davon, dass ihr Album zwar den Anschein eines Konzeptalbums erwecke, eigentlich aber gar kein erkennbares Konzept habe. Tim Kordik erzählt, dass man sehr viel experimentiert habe, um den jetzigen Sound hinzubekommen. „Wir haben da so ein Bandmotto das besagt: So laut, stumpf und psychedelisch wie möglich. Bei den Aufnahmen gibt es immer eine Grundstruktur bestehend aus Bass, Schlagzeug, Gitarre. Dann kommen die Vocals und Synthesizer drüber und dann die vielen kleinen Spielereien.“ 

Mit ihrer unkonventionellen Musik haben Mosquito auch schon international für etwas Aufsehen gesorgt, denn kurz bevor mit „Is there much kaput“ die erste EP der Band im Jahr 2014 erschien, stellten Mosquito Ego ihre Bandcamp Seite zum Testen für knapp eine Stunde online. „In dieser Stunde wurde die EP genau einmal runtergeladen und zwar von einem Typen, der den Tumblr-Blog “fucking record reviews“ betreibt. Er war wohl sehr angetan und hat direkt einen Eintrag verfasst. Durch diesen Eintrag ist dann zuerst das Label 80/81 Records auf uns aufmerksam geworden, das ein Album von uns veröffentlichen wollte. Einen Monat später hat dann auch Josh von ever/never angefragt.“ Da das Label 80/81 noch vor Release pleite gegangen sei, wurde „Glomb“ nun bei ever/never veröffentlichtTim Kordik vermutet, dass der Sound seiner Band in den USA wahrscheinlich besser ankommen werde, als in Deutschland. „Zumal sie ja dort eine weitaus größere Szene haben, die auf genau das abfährt, was Mosquito Ego so macht. Was hier vielleicht als (extrem) dummer Punk abgetan wird, ist dort ein Holy Grail.“

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Artwork zu „Glomb“, gestaltet von Mark Bohle

Mosquito Ego können in gewisser Weise als Supergroup des musikalischen Untergrunds Stuttgarts angesehen werden und haben auch schon in anderen Konstellationen zusammengespielt. Bei der Band wachsen vielfältige Stuttgarter Musikprojekte, wie zum Beispiel die Band Wolf Mountains, Sunny Tapes, der Von Heimat Sampler, Treibender Teppich Records und vieles mehr in gewisser Weise zusammen. „Im Grunde genommen sind wir alle gute Freunde, die Bock hatten musikalisch etwas anderes zu machen, als man eigentlich von Stuttgart gewohnt ist. Das war zwar kein konkreter Plan, er ist aber doch irgendwie aufgegangen. Das mit den ganzen spontan formierten Bands hat für mich 2012 beim ersten Trashival (weitere Eindrücke gibt es hier und hier) angefangen, das hat Kevin Kuhn von Die Nerven (damals noch Nimmersatt Brothers) ins Leben gerufen.“ Die Waggon-Szene am Stuttgarter Nordbahnhof sowie der Plattenladen Second Hand Records, der auch die Basis für das Label Treibender Teppich Records ist, hätten bei allen Entwicklungen eine wichtige Rolle gespielt. „Es hatte was anarchisches im sonst so spießigen Stuttgart, deshalb waren die ‚coolen‘ Kids dort unterwegs.“

Es gab ja einige kläglichen Versuche, dieses ganze Stuttgart ‚Ding‘ zu durchleuchten

Tim Kordik erzählt, dass der Hype um Musik aus Stuttgart wahrscheinlich mit dem Release des „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ Samplers im Jahr 2013 ausgebrochen sei. „Letztendlich würde ich das aber auch nicht als ‚Hype‘ betrachten, da eigentlich nur drei Bands so richtig gefeiert werden. Der Rest findet sich im Schatten dieser drei wieder. Es ist trotzdem immer cool, wenn einige Leute auch die anderen Bands auf dem Sampler gut finden. Es gab ja einige kläglichen Versuche, dieses ganze Stuttgart ‚Ding‘ zu durchleuchten, dabei wurde aber immer nur an der Oberfläche gekratzt und man hat sich dann letztlich mit den drei Hype-Bands abgegeben. Was ich sehr schade finde, denn es gibt viele junge talentierte Leute wie z.B. Levin goes Lightly, JFR Moon oder Tristan Rêverb in unseren Kreisen.“

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