Beach Slang im Interview: „Wir alle versuchen Liebe zu finden“

Manchmal nimmt das Leben unerwartete Wendungen und alles ändert sich schlagartig. Im Interview spricht Beach Slang Frontmann James Alex darüber, wie der Erfolg mit der Band fast zeitgleich mit der Geburt seines Sohnes kam, wie ihn sein Job als Grafikdesigner beeinflusst hat und welche Inspiration seine Fans ihm geben.

Foto von Charlie Lowe

Wenn die Mitglieder der Lieblingsband langsam die magische Grenze von 30 Jahren überschreiten, kann das schon dem einen oder anderen Fan die Sorgenfalten auf die Stirn treiben, denn in nicht wenigen Fällen steht die obligatorische Bandauflösung kurz bevor. Sollten nicht gerade am laufenden Band große Arenen ausverkauft werden, kommt oft irgendwann die Einsicht, dass es sich mit 32 nicht mehr so leicht von einem Jugendherbergebett zum nächsten hangelt, dass Fastfood nicht mehr so schmeckt, die Kater am nächsten morgen nach dem Gig immer schlimmer werden und es eigentlich auch mal ganz schön ist, nicht wochenlang am Stück mit einem Haufen weiterer Kerle in einen Van gepfercht zu sein, ohne zu wissen, ob man am Ende der Tour dann eigentlich einen Profit mitgenommen hat. Wenn der in Aussicht stehende Bürojob dann mindestens genauso viel wie die Band abwirft und sich eventuell sogar Nachwuchs anbahnt, steht die Entscheidung oft fest: Die Band löst sich auf.

So ähnlich auch geschehen bei James Alex’ 1990 gegründeter Band Weston. Während sich die Band über viele Jahre eine loyale lokale Fanbase rund um ihren Heimatstaat Pennsylvania aufbauen konnte, blieb der wirklich große Durchbruch, den seine Mitstreiter in der Punkwelle der 90er genossen, aus und so war im Jahr 2001 nach sechs Alben Schluss. James dachte sich also: „Was kann ich machen, was mich nicht jeden Morgen nach dem Aufstehen von einem Gebäude springen wollen lässt?“

Weiterhin etwas Kreatives zu machen, fühlte sich wie ein logischer nächster Schritt für ihn an: „Ich bin in der Punkszene groß geworden und irgendjemand hat immer Flyer für die Konzerte gemacht, also habe ich mir gedacht: Grafikdesign. Ich bin also zurück zur Kunsthochschule gegangen, habe das durchgezogen und dann gearbeitet.“ Dass ihm sein großer musikalischer Durchbruch erst noch bevorstehen sollte, war ihm damals noch nicht bewusst. „Ich hätte niemals damit gerechnet, dass ich jetzt an diesem Punkt meines Lebens noch einmal eine Chance bekommen sollte und ich weiß wie verdammt glücklich ich bin.
Beach Slang begann eigentlich nur als ein Ventil für mich selbst. Ich habe diese Songs geschrieben und ein paar Freunde haben sie gehört und meinten: ‚Diese Songs sind einfach irgendwie zu gut um sie nur zuhause in deinem Zimmer zu spielen, das weißt du oder?'“

Die ersten Songs wurden also aufgenommen – eigentlich sollte es auch bei einem reinen Aufnahmeprojekt bleiben – die Resonanz auf die ersten Veröffentlichungen war jedoch so positiv, dass man im Prinzip mitgeteilt bekam, dass es vielleicht doch mehr sein könnte, etwas Besondereres, was man in die Welt hinaustragen sollte. Es folgten die ersten Shows und als die erste fünfwöchige US-Tour anstand waren sich James, Bassist Ed McNulty und der ehemalige Schlagzeuger JP Flexner einig, das gemeinsam durchzuziehen und sich von nun an komplett auf die Band zu fokussieren.

Fast zeitgleich mit Beach Slang gab es allerdings noch eine weitere große Veränderung in James’ Leben: Kurz vor der Veröffentlichung des Debütalbums „The Things We Do To Find People Who Feel Like Us“ wurde er zum ersten Mal Vater eines Sohnes. „Das schwerste am Tourleben ist von ihm getrennt zu sein. Jetzt wo er ein bisschen älter wird, fast zwei Jahre, bekommt er es so langsam mit. Wenn er sieht, dass die anderen Beach Slang Mitglieder vorbeikommen um mich abzuholen, verbindet er das damit, dass ich gehen muss und umarmt mich dann ein bisschen fester und ist ein bisschen trauriger als früher. Aber ja, im Moment ist das Timing einfach irgendwie richtig. Wenn er fünf, sechs oder sieben ist, würde ich nicht zum ersten Mal für so lange Zeitintervalle aus seinem Leben verschwinden wollen.“ Auch wenn sein Sohn jetzt noch zu jung ist um zu begreifen, warum sein Vater gehen muss, hofft James darauf, dass er es später einmal verstehen wird und er ihn vielleicht sogar auf Tour mitnehmen kann. „Diese Lebenseinstellung bedeutete und bedeutet mir immer noch so viel und hat so viel für mich getan, sodass ich ihm das gerne nahe bringen möchte und mal schauen, vielleicht gefällt es ihm und wenn nicht, dann ist das auch ok. Als ich ihn das erste mal gehalten habe, habe ich ihm gesagt: ‚Du ersetzt mich einmal auf dieser Erde.’
Ich kann mir also nicht vorstellen, dass er darauf nicht irgendwann einmal antworten wird.

Musik beruhigt also nicht nur das wilde Biest, sondern auch das Kind was seine ersten Zähne bekommt

Zumindest den guten Musikgeschmack hat er schon jetzt von seinem Vater geerbt – wann immer er anfängt zu schreien spielt James ihm David Bowie oder Prince vor. „Er nimmt dann das Gerät, wo immer es drauf spielt, fängt an durch den Raum zu tanzen und beruhigt sich dabei total. Musik beruhigt also nicht nur das wilde Biest, sondern auch das Kind was seine ersten Zähne bekommt“, erklärt James lachend.  Da ist es kaum verwunderlich, dass der Beach Slang Sänger auch mit seiner Band für viele Fans die Rolle eines Idols einnimmt. Die ehrlichen und emotionalen Texte der Band treffen bei vielen von ihnen genau ins Mark und so werden Beach Slang Konzerte manchmal fast zu kleinen Gruppentherapien, wenn James sich nach dem Konzert vor der Bühne aufhält und versucht mit jedem Anwesenden ein Bier zu trinken, zumindest doch aber einmal zu reden, anstatt im Backstagebereich zu verschwinden.

Das aktuelle Album „A Loud Bash Of Teenage Feelings“ ist von genau diesen Geschichten beeinflusst, die Fans dem Beach Slang Frontmann auf Tour anvertrauten: „Viele davon sind echt heavy. Es sind nicht wirklich diese wilden Geschichten von durchzechten Nächten. Es sind eher die Dinge wie Suizidversuche, der Tod eines Elternteils, oder einfach Beziehungen die nach vielen Jahren zerbrochen sind, wo man sich denkt: ‚Was mache ich jetzt? Ich habe mich über diese Sache definiert.’ Oder auch die schöneren Sachen wie, wenn mir jemand sagt: ‚Ich dachte ich muss dieses Rock n’ Roll Ding aufgeben, aber dann habe ich gesehen, wie du es machst und habe die Gitarre wieder rausgekramt.’, die inspirierend für mich sind.

Große Unterschiede zwischen den Geschichten, die er in den verschiedenen Ländern auf Tour hört sieht er dabei allerdings nicht: „Ich weiß, es gibt verschiedene Kulturen und wir haben diese imaginären Linien, die wir auf Karten zeichnen, aber man, wir haben doch alle irgendwie die selben Probleme, wir alle versuchen Liebe zu finden, die Rechnungen zu bezahlen und einfach eine gute Zeit zu haben. Es ist sowas wie die menschliche Geschichte.“

All das gehört natürlich zum erwachsen werden dazu, trotzdem strotzt die Musik von Beach Slang geradezu von jugendlicher Energie, nostalgischen Erinnerungen an den ersten Kuss mit einem ganz besonderen Menschen und einer Mischung aus Melancholie und purer Lebensfreude. Irgendwie liefert die Band damit genau den Soundtrack für all die Kids, die Angst vorm erwachsen werden haben, Angst davor zur Ruhe zu kommen. Denn letztendlich scheint es wohl egal zu sein, ob man Anfang 20 ist, oder wie bereits erwähnt, die magische Grenze 30 bereits überschritten hat.

 Ich gehe einfach davon aus, dass ich irgendwann zu Wurmfutter werde

Dein Leben ist das was du draus machst und so wie ich das verstehe, bekommen wir genau einen Versuch. Ich will nur sicherstellen, dass das nicht das Gespräch ist was ich mit mir selbst führen muss, wenn ich meine letzten Atemzüge mache: ‚Ich wünschte ich hätte… .’ Ich bin genau jetzt hier, ich lebe, ich habe Sauerstoff in meinen Lungen ein Lachen im Gesicht und bald ein Bier in der Hand. Ich will das beste aus meiner Zeit machen. Diese Dinge, die wir in unseren Köpfen aufbauen um keine Angst vor dem Tod zu haben, wie Himmel, Reinkarnation usw., ich weiß nicht, ich gehe einfach davon aus, dass ich irgendwann zu Wurmfutter werde und solange ich noch hier bin, möchte ich sicher stellen, dass ich auch ein paar Geschichten habe, die ich ihnen dann erzählen kann“, erklärt James lachend. Dass er diese Einstellung auch auf Beach Slang projiziert, zeigt sich, wenn man die Band näher verfolgt. Die Songtexte, das Artwork, das Merchandise und auch der Ton im Social Media sind alle sehr im Einklang miteinander.

Als ausgebildeter Grafikdesigner ist Beach Slang für James ein Gesamtkunstwerk, Beach Slang ist sein Manifest und so wird vieles ganz Punk-typisch im DIY-Prinzip selbst gemacht. „Natürlich liegt der Fokus auf den Songs, die ich schreibe und diese bekommen die größte Aufmerksamkeit, aber für mich ist alles, jedes kleine Stück Kunst, was ich für Beach Slang mache, jedes Social Media Ding, jedes bisschen Text, dass ich schreibe eine Ergänzung für die Gesamtgeschichte, die ich versuche zu erzählen.“ Dieses Auge für Ästhetik und das große Ganze hat er nicht zuletzt auch durch seinen vorigen Job in einer Design Agentur in Philadelphia, die sich auf Branding konzentriert hat, gewonnen. „Ich musste dort auf jedes kleinste Detail achten und ich glaube das hat mir sehr geholfen, insofern, dass ich das nun auf Beach Slang anwenden kann. Nur dass ich jetzt keinen Creative Director über mir habe, der mir sagt: ‚Vielleicht solltest du dies und das ändern.’ Jetzt habe ich so etwas wie die freie Herrschaft darüber. Irgendwie rechtfertigt es auch diese ganzen Studentenkredite, die ich jetzt habe. Ich kann es immer noch anwenden und habe nicht diese ganzen Schulden angehäuft um dann abzuhauen und Rock n’ Roll zu spielen. Es ist immer noch sehr nützlich.“ Dass James Alex für den Rock n’ Roll geboren ist, lässt sich allerdings trotz seiner Bescheidenheit nicht verleugnen: „Ich versuche nicht so zu tun, als würde ich irgendetwas neu erfinden. Ich klaue ja auch nur bei meinen eigenen Helden. Man, ich habe die Poster immer noch in meinen Zimmern zu hängen zuhause. Rock n’ Roll ist für mich heilig und ich möchte meine Einflüsse auch nicht verbergen, ich trage sie lieber stolz umher.“

Welche Einflüsse das sind, lässt sich auf dem aktuellen Cover-Mixtape „Here I Made This For You Vol. 2“ herausfinden.

Beach Slang sind gerade auf Deutschland-Tour:
21.02.2017 – Münster, Sputnikhalle
22.02.2017 – Hamburg, Molotow
23.02.2017 – Leipzig, Conne Island

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