Bilderbuch im Interview zu „Magic Life“

Bilderbuch veröffentlichen am Freitag ihr neues Album "Magic Life". Im großen Videointerview haben wir mit Sänger Maurice Ernst zum Beispiel über künstlerische Verantwortung, Punk und Ähnlichkeiten zu U2 gesprochen. Weil er uns so viel erzählt hat, gibt es im Text noch weitere exklusive Interview-Auszüge.

Ein Album, auf das sich im Jahr 2015 ziemlich viele Leute einigen konnten: „Schick Schock“  – musikalischer Zitate-Wahnsinn, kuriose und ironische Bilder eines dekadente Lifestyles, übertriebene Sexiness und wilder Wirrwarr aus schrillen Gitarren, wohldosiertem Autotune und frischen Beats. Seit August letzten Jahres streuten Bilderbuch mit „Sweetlove“, „I <3 Stress“, „Erzähl deinen Mädels, ich bin wieder in der Stadt“ und „Bungalow“ die ersten Songs ihres vierten Albums „Magic Life“. Und schon „Sweetlove“, die im Vergleich zu „Schick Schock“ ungewohnt ruhige, gitarrengetragene Ballade, kündigte an, dass die Österreicher ihrem bewährten Stil treu bleiben: Jede neue Platte bedeutet eine Veränderung.

Im Interview erzählt Frontmann Maurice Ernst, dass die Band wie bei den Vorgängern auch bei „Magic Life“ größtenteils darauf verzichtete, externe Hilfe einzuholen, sondern ihre langjährige Erfahrung nutzte, um „mehr denn je, zu viert zu producen und diese Hürde zu nehmen“. Als eingeschworene Gemeinschaft, die die „Bilderbuch-Philosophie“ verinnerlicht hat, schien es ihnen so einfacher, ihre gefundene „Vision“ umzusetzen. Große Worte, die aber ziemlich gut beschreiben, wie Bilderbuch vielleicht immer gearbeitet, in jedem Fall aber zum vierten Album „Magic Life“ gefunden haben.

Foto von Benjamin Schieck/DIFFUS Magazin

Philosophie hinterfragt, überdenkt, entwickelt Werte, relativiert. Die Band macht sich defintiv Gedanken über ihre Idealvorstellungen von Musik(ern). Der Erfolg von „Schick Schock“, das dadurch wachsende Publikum und das Jahr 2016 an sich, etwa mit dem teils schmutzigen Bundespräsidentenwahlkampf in Österreich, stellten Maurice, Peter Horazdovsky, Michael „Mizzy“ Krammer und Philipp „Pille“ Scheibl vor die Frage, wie sie ihre Position in der Öffentlichkeit gestalten sollen: „Eigentlich müsste man sagen, dass wir als Künstler de facto keine verpflichtende Rolle haben, eine Lösung zu bieten. Aber wir haben eine gewisse Verantwortung, uns mit den Dingen auseinanderzusetzen. Wir haben es auch zugelassen. Wir hätten ein „Schick Schock 2“ machen können und das Ding weiter überstilisieren und noch größer machen können, aber irgendwie hat es sich nicht gut angefühlt. (…) Ich finde es auch von den meisten Künstlern heutzutage extrem feig, sich mit einem einfachen Statement aus der Affäre zu ziehen. Fünf Zeilen auf Facebook rechtfertigen lange nicht, dass man danach wieder fein weitermachen kann mit seinem sinnleeren Kabarett oder was auch immer man macht. Wir haben die Chance, ein bisschen tiefer zu gehen oder es zumindest zu probieren.“

Wir haben die Chance, ein bisschen tiefer zu gehen oder es zumindest zu probieren

Der Inbegriff der Lässigkeit von „Schick Schock“ weicht auf „Magic Life“ einer Gelassenheit, die zwar bröckelt, trotzdem die Grundhaltung bleibt und eine positive Perspektive ermöglicht. „Unsicherheit“ und „Zerbrechlichkeit“ nennt Maurice als neue Gefühle, die auf „Magic Life“ Einzug fanden. Als eigene und gesamtgesellschaftliche Reaktionen darauf beobachten sie einen Shift hin zum Privaten, zur Rückbesinnung auf ein Zuhause („Baba“, „Bungalow“). Modernen Statussymbolen („I <3 Stress“) begegnen sie auf der anderen Seite mit Zuspitzung, „SUPERFUNKYPARTYTIME“ groovt mit „Party, Party, Party, Party, Party, woooh“-Sprechchören auch nicht ohne Ironie.

Im Autotune-Ausklang hallt aber etwas von Bilderbuchs „hippiesken“ Vorstellungen eines humanen Miteinanders wider: „Mama aus Brasilien, Papa aus Usbekistan / Ganz egal / Mama aus Romania, Papa aus Arabia / Ganz egal“. Im Interview erwähnt Maurice den Zusatztrack „Babylon“ als Song, „der versucht, zu egalisieren“, wenn Christus und Mohammed zusammen tanzen und feiern. Der mehrteilige Abgesang „Sneakers4free“ nimmt mit seinem Wechsel aus reduzierten Beats, flirrenden Synthies und Gitarren Züge einer neu aufgelegten „Bohemian Rhapsody“ an. Zum Finale, Gospel-Chor-Einlagen über ein unbekümmertes Leben voller Frinks (Free Drinks) und einer der deutlichsten Appelle des Albums: „Keine Angst, mein Kind“.

Foto von Benjamin Schieck/DIFFUS Magazin

Einen Anspruch auf Weltverständnis erhebt „Magic Life“ dabei nicht, eher hält es Momentaufnahmen eines Zeitgeists im Umbruch fest, oft nur unterschwellig im sehnsüchtigen Vibe des Albums. Maurice hingegen textet nach wie vor abstrakt, verschroben und meist gelenkt von Emotionen, die die Musik in sich trägt: „Das beste und schönste Texten ist das, das dir aus Musik heraus passiert. Also eher dieser Soul- und Funk-Gedanke, dass du zuerst singst, dann einen Text hast und weiterschaust. Wir sind das Gegenteil von deutschem HipHop im klassischen Sinne, der, glaube ich, sehr viel vom geschriebenen Blatt kommt und nicht gejammt von der Straße. Das ist ja eine Idealvorstellung. Wir versuchen irgendwie einen direkten Weg zum Text zu finden, sprich dazu, wie er gesungen ist. Wenn man ein paar Fetzen hat, baut man nochmal die Parole zu der, zack, zack, zack. Das muss grooven, dann passt das. Oder Part für Part. Jeder Part für sich muss funktionieren. Man setzt die Dinge eher collagenmäßig zueinander, damit es ein ganzes Schönes ergibt. Daher gibt es nie eine Regel oder hundertprozentige Art und Weise, einen Text zu schreiben. Aber bei Bilderbuch ist es meistens: Du hast was, dir geht was durch den Kopf und du singst mal drüber. Umso besser das flutscht, umso schöner und direkter ist es manchmal.“

Foto von Benjamin Schieck/DIFFUS Magazin

Das Collagenartige der Texte bestimmt auch die Musik. Die Frage, ob Bilderbuch nun Pop, HipHop, Funk, Rock oder sonst was machen, hat „Schick Schock“ schon für nichtig erklärt – sie bedienen sich einfach an allem, was sie an guter Musik umgibt. Auf „Magic Life“ kommt neben drei kurzen Zwischenspielen („Carpe Diem“, „Baba Pt. 2“ und „Magic Life“) etwas Unvollendetes, Fehlerhaftes hinzu, „digitale Knackser“, welche die Band nicht verbannen wollte: „Wir haben sehr oft etwas festgehalten, das nur ein Moment war, das Direkte, das es heutzutage so selten gibt. Das meiste ist computergeneriert und zehnmal überlegt, bevor es überhaupt einen Weg zum Hörer findet. Genauso bei Frank Ocean, was ja eigentlich ein Scheißdreck ist, weil uns Melancholie vorgegaukelt wird. Ich liebe dieses Album, aber es ist nichts echt daran, kein Fehler ist ein Fehler, den sie festgehalten haben, es ist geplant, hundertprozentig. Viel zu viele Leute arbeiten da mit.“

Dadurch, dass das ganze Album Fragmenthaftes, teils Spontanes in sich trägt, steht es jedem offen, Dinge über Weltanschauungen und Lebensweisen hineinzuinterpretieren, weil kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht, geschweige denn Belehrung. Oder man kann all dies sein lassen und sich über neue Bilderbuch-Musik freuen. Denn „Magic Life“ hat einfach Hits, endlose Einfälle und gebraucht Sprache so wunderbar kreativ wie kaum ein anderes deutschsprachiges Album.

Bilderbuch auf Tour:
17.02.2017 – Berlin, Volksbühne
26.03.2017 – CH-Zürich, X-Tra
27.03.2017 – Offenbach, Capitol
28.03.2017 – Köln, Palladium
29.03.2017 – Berlin, Columbiahalle
30.03.2017 – München, Zenith
31.03.2017 – Leipzig, Haus Auensee
02.04.2017 – Stuttgart, Im Wizemann
03.04.2017 – Hamburg, Docks
04.04.2017 – Hamburg, Docks (Zusatzshow)
05.05.2017 – AT-Graz, Kasematten
05.05.2017 – AT-Graz, Kasematten (Zusatzshow)
17.05.2017 – AT-Wien, Arena Open Air (Zusatzshow)
18.05.2017 – AT-Wien, Arena Open Air
26.08.2017 – AT-Linz, Tabakfabrik Open Air

Vor dem Release ihres Albums „Schick Schock“ im Jahr 2015 haben wir mit Bilderbuch Sänger Maurice Ernst über seine Lieblingsmusik gesprochen:

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