Pictures im Interview: „Viel aktuelle Musik ist für mich einfach das Gegenteil von Zeitlosigkeit.“

Ein wohliges Gefühl von Nostalgie und Zuversicht verbreiten Britpop-Melodien und schnörkelloser Indierock auf „Promise“, der ersten Platte der Pictures. Ungetrübt bleibt die Stimmung bei näherer Auseinandersetzung aber nicht. Wir haben mit Maze und Ole über zeitlose Musik, ihre Pläne und die Banddoku „Könige der Welt“ gesprochen.
Foto: Christoph Voy

Das Interview mit Sänger Maze Exler und Gitarrist Ole Fries findet bei Erika & Hilde statt, einem Café/Kneipe, das weniger für Berlin-Neuköllner Hipness steht, dafür umso mehr für Gemütlichkeit. Genau hier ereignete sich 2014 ein Meilenstein in der Bandgeschichte der Pictures. Schon seit ein paar Jahren hatten Maze und Ole an Songs geschrieben und sich zu diesem Zweck auch zwischendurch mit Drummer Michael Borwitzky und Bassist Markus Krieg getroffen, die in Hamburg bzw. Bad Ems leben.

Irgendwann fiel die Entscheidung, die nächste Stufe zu nehmen, sich um einen ersten Auftritt zu kümmern, der eben bei Erika & Hilde stattfand: „Das war ein Uplugged-Konzert, nur Ole und ich mit Akustikgitarren“, erinnert sich Maze. Ole erzählt weiter: „Dann haben wir auch darüber gesprochen, die anderen Songs mal elektrisch mit der ganzen Band zu spielen. Der Termin damals hat zwar nicht geklappt, aber wir waren eine Band. Wir hatten einen Namen. Von da an ging es weiter.“ Ein Video vom Auftritt findet sich auf YouTube:

Den Moment im Jahr 2014 hielten Christoph Bietz und Christian von Brockhausen fest. Letzterer war zusammen mit seinem Kollegen Timo Großpietsch an die Musiker herangetreten. Die beiden wollten eine Doku über die 2006 zerbrochene Band Union Youth drehen, in der Maze und Michael gespielt hatten und Ole Tontechniker gewesen war. Als die Filmemacher erfuhren, dass mit Pictures gerade ein neues Projekt Form annahm, wollten sie diesen Prozess begleiten. „Es gab die Anfrage, wir waren skeptisch so einen Film zu machen. Aber wir haben uns mit ihnen getroffen und es waren coole Typen. Es gab von Anfang an ein gutes Gefühl. Am Ende war das Gefühl da, dass es etwas Wichtiges und Richtiges ist, das jetzt zu machen“, sagt Maze rückblickend.

Premiere feiert die entstandene Doku „Könige der Welt“ am 11. Februar 2017 auf der Berlinale. Sie handelt nicht nur vom rasanten Aufstieg mit Union Youth Anfang der 2000er Jahre, sondern auch von deren Ende in Chaos und Zwist sowie dem Neuanfang mit Pictures viele Jahre später. Sie begleitet auch eine Ausnahmesituation, die „Spitze des Eisberges“, wie Sänger Maze die Zeit beschreibt. Sie zeigt, wie er seine Drogenprobleme mit Entzug und Therapie bewältigt, welche Auswirkungen dies auf die Band hat und wie sich ihre Freundschaft dadurch verändert.

Die Entscheidung, das Filmprojekt trotz der Umstände und Einblicke ins Privatleben umzusetzen, begründet Maze so: „Wir haben natürlich ein zweites Mal darüber nachgedacht, ob wir weitermachen, als die Situation eskaliert ist. Am Ende war aber das Gefühl da, dass es etwas Wichtiges und Richtiges ist, das zu machen. Auf der anderen Seite weiß ich, wenn wir es nicht gemacht hätten, hätte es diese Gerüchte gegeben. So etwas spricht sich einfach rum. Wir hätten dann eine Platte gemacht und es wäre hintenrum immer irgendwie rausgekommen. Das hätte mich persönlich einfach total genervt, wenn ich das Gefühl gehabt hätte etwas, das in meinem Leben einen großen Raum einnimmt, komplett verheimlichen zu müssen. Dann war mir der Gedanke lieber, es so zu erzählen, wie ich es erzählen will und kann.“

Wer die Entstehungsgeschichte kennt, hört sie auf dem Pictures-Debüt „Promise“, das am 03. Februar erschienen ist, unweigerlich wieder. In den Textzeilen schwingen Neubeginn, Freundschaft, Hoffnung („Come On“), aber auch etwas Melancholie („See The Sun“) mit. Das Positive, „die Welt nicht als Einbahnstraße“ zu sehen, war der Band wichtig. Das merkt man auch am Sound: Musikalisch zelebrieren Pictures melodiösen bis hymnenhaften Britpop vergangener (Oasis) und längst vergangener Tage (Beatles) in Songs wie „Not The Only One“ oder „Down Under The Hill“. Auf der anderen Seite stehen ruhigere Momente, wie das akustische „Emily“, ruppigen Indierock-Ausbrüche gegenüber, wie etwa im reibeisernen Auftakt von „Here I Come“. Der Sound von „Promise“ ist vermeintlich etwas angestaubt, doch genau das sorgt für ein sofortiges Gefühl der Vertrautheit. Pictures interessiert in ihrem Schaffen nicht der Knalleffekt, sondern die Beständigkeit:

„Viel aktuelle Musik ist für mich einfach das Gegenteil von Zeitlosigkeit. Die Beatles kann ich jeden Tag hören, ich kann jedes Album hören. Ich würde es immer noch vorziehen, eine Stunde lang „Ob-La-Di Ob-La-Da“ von den Beatles zu hören als die aktuellen Charts. Das, was ich für eines der schlechtesten Lieder der Beatles halte, halte ich immer noch für besser als alles, was momentan der heißeste Scheiß ist. Ich glaube, das ist der Punkt. Es geht oft gar nicht um den Ton oder die Musik. Es geht um eine Haltung, die eine Band hat. Die präsentiert man in den Liedern und auch in „Ob-La-Di Ob-La-Da“ wird klar, was gerade mit dieser Band passiert. Von mir aus haben die auch gerade die falschen Drogen genommen. Aber es geht definitiv nicht darum, einfach nur ein Hitmonster zu schreiben.“

Nach einigen Auftritten im Herbst letzten Jahres werden Pictures im Februar mit „Promise“ auf eine kleine Deutschlandtour gehen. Außerdem steht die Premiere von „Könige der Welt“ an. Dass jetzt alles auf einmal passiert, war nicht so geplant, laut Ole sehen sie es aber durchaus als Chance: „Wir versuchen die Synergien daraus zu ziehen. Wir werden mit Leuten sprechen und Interviews haben in Medien, in denen wir ohne den Film vielleicht nicht aufgetreten wären. Auf der anderen Seite ist es nicht so, dass ohne den Film gar nichts passiert wäre. Vielleicht werden auch ein paar Leute dadurch abgeschreckt werden. Das müssen wir selbst noch abwarten, aber ich bin erstmal positiv gestimmt, weil man gerade merkt, dass es schon mehr zuckt als vor zwei Wochen [Anmerkung: Das Interview fand am 18. Januar 2017 statt].“ Die nötige Zuversicht und das Selbstbewusstsein bringen sie aus jahrelanger Erfahrung sicherlich mit, wenn Maze sagt: „Ich würde auch sagen, dass wir Ende des Jahres mal schauen, was oder wo wir im Ausland irgendwas machen können. Ob das klappt, weiß man nie. Ich fände es einfach interessant und ich glaube, dass die Chancen dafür gut stehen, weil wir eine sehr international klingende Band sind. Und weil ich glaube, dass wir 2017 mit ziemlicher Sicherheit das wichtigste Album in Deutschland herausbringen. Ich glaube nicht, dass es eine andere deutsche Band gibt, die ein Album mit so viel Substanz veröffentlicht. Es würde mich wundern. In den letzten zehn Jahren hat das meiner Meinung nach keine getan.“

Tourdaten der Pictures:

10.02.2017 – Berlin, Badehaus Szimpla
12.02.2017 – Dresden, Bärenzwinger
13.02.2017 – München, Kranhalle
14.02.2017 – Stuttgart, Keller Klub
15.02.2017 – Köln, Blue Shell
16.02.2017 – Münster, Cafe Sputnik
18.02.2017 – Hamburg, Molotow Sky Bar

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