Kid Dad im Interview: „Wir lassen uns nirgendwo reinquetschen“

Kid Dad spielen mit Stereotypen. Musikalisch ist der Mix aus Alternative und Grunge-Elementen jedoch deutlich düsterer, als es der Bandname vielleicht vermuten lässt. Wir stellen die Newcomer aus Paderborn im Interview vor.

Angefangen hat alles wie so oft im Studium. Wenn im Herbst wieder deutschlandweit Erstsemester in die Hörsäle strömen, werden sich auch in diesem Jahr dutzende Bands zusammenfinden, teils aus spielerischer Laune heraus, teils mit durchaus ernsten Ambitionen. Nur wenigen von ihnen dürfte nach einem Jahr eine so verheißungsvolle Zukunft vorausgesagt werden wie Kid Dad.

Als einen Mix aus Alternative, Garage Rock und Grunge bezeichnen Marius Vieth, Max Zdunek, Martin Gundt und Michael Reihle ihre Musik, aber schon beim Verfassen des ersten Pressetexts tat man sich schwer, wirklich vergleichbare Bands aufzuzählen. „Wir wollten uns da nirgendwo reinquetschen lassen. Auch wenn das, was wir machen, gerade nicht auf der vordersten Welle reitet – ob ein Hype kommt oder geht, ist uns im Endeffekt egal. Wir machen einfach unsere Musik und freuen uns, wenn unsere Sachen Gehör finden“, sagt Marius, als Frontmann zuständig für Gitarre und Gesang. Das liest sich auf dem Papier verdächtig nach einstudiertem Presse-Sprech, wirkt aber im Interview alles andere als aufgesetzt. Nicht zuletzt deswegen, weil das gesamte Projekt gänzlich ohne kommerziellen Motor gestartet ist. „Sämtliche Ersparnisse, Ausbildungssparpläne und was sonst noch so für die Zukunft vorgesehen war, sind in die EP geflossen“, lacht Drummer Michael. Ende Februar 2017 erschien dann nach mehrmaligem Verschieben und ständiger Umstruktierung hinter den Kulissen „Disorder“ – aufgenommen in einem kleinen Studio in Pforzheim, ansonsten komplett in Eigenregie realisiert.

Der gewählte EP-Titel sowie das kryptische, düstere Artwork lassen sich erst nach der Auseinandersetzung mit dem Erstling so richtig erschließen. „Viele Leute fragen uns, warum dem Typ auf dem Cover Zeug aus den Augen fließt. Im Prinzip sind das innere Gefühle, Emotionen, die einfach rausmüssen. Man kann nicht alles immer runterschlucken und aushalten, irgendwann überkommt es einen dann schließlich“. Musik als Katharsis, sozusagen. Auf „Disorder“ geht es um Außenseitertum, Unwohlsein im eigenen Körper und schlechte Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Umfeld, verpackt in brachialen Gitarrensounds und expressivem Gesang. „Bullet“ beispielsweise steigt mit einer gemäßigten Strophe ein, nur um dann im Refrain exzessiv auszubrechen – ein Muster, das sich so durch das gesamte Release zieht. „Im Endeffekt geht es in jedem Song um das Unterdrücktsein und das Bedürfnis, solche Emotionen etwa durch Drogen zu betäuben.“

I added acid to my lunch, because I wanted to have fun, just like everyone.

Dass es in Paderborn sicher deutlich schwerer ist bekannt zu werden, als in den großen Pop-Metropolen, ist keine Frage. Mit ihrem Video zu „Rehab“ wollte die Band möglichst effizient Reichweite generieren. „Das war wie Schach“, erinnert sich Marius. „Wir wussten, die erste Single muss sitzen. Nur wie bekommt man die Leute dazu, auf ein ihnen unbekanntes Video zu klicken? Wir haben dann den zweiten Weihnachtsfeiertag gewählt, weil wir wussten, die Leute sind vollgefressen und spielen mit ihren neuen Mobile Devices nur noch im Internet rum – und Mario [Mario Radetzky, Sänger und Gitarrist, d. Red.] von den Blackout Problems war dann tatsächlich genau in dieser Situation! Normalerweise würde er sich nie wahllos durch Newcomer klicken, aber er hat’s sich dann doch angehört und direkt an sein Management, Bookingagentur und Freunde geschickt.“ Ohne eine Einsicht in die Live-Performance von KID DAD zu haben, kommen drei Shows als Suppert für die Blackout Problems zustande, die kurzerhand auf die gesamte Tour ausgeweitet werden.

Von einer Bühne, groß wie 12 Bierkästen [sic], über Gigs quer durch Deutschland zum Support-Act für renommierte, internationale Bands. Für knapp anderthalb Jahre Bandgeschichte eine stolze Bilanz. Fürs Studium bleibt da nicht viel Zeit. Ein, zwei Vorlesungen pro Semester, vielleicht. Mehr ist nicht drin. Aktuell liegt der Fokus viel zu sehr auf der Musik, als dass man beides ohne weiteres miteinander vereinbaren könnte. „Wir merken einfach, dass es grade geil wird.“

In wenigen Tagen startet die nunmehr dritte Support-Tour für Kid Dad, diesmal für niemanden geringeres als die kanadische Punkband Four Year Strong. Und was bringt die Zukunft sonst? „Am wichtigsten ist sicher das Album, das nach der EP kommt. Wir wissen, dass jetzt ein rundes Projekt folgen muss, dass durch die Bank gut ist. Und bis dahin heißt es üben, bis die Finger bluten“.