Wir waren mit Sam Vance-Law im Seniorenheim

Der schönste Mann Westberlins verdreht im Video zu „Prettyboy“ von Sam Vance-Law Mitbewohnern und Pflegern gleichermaßen den Kopf. Wir waren beim Shoot in der Käthe-Dorsch Seniorenresidenz dabei.
Foto: Andrea Topinka

So einen Sonntag im Seniorenheim stellt man sich klischeehaft mit Kuchen, Spielerunden und Enkelbesuchen vor. Ein bisschen mehr ist geboten, wenn der gebürtige Kanadier Sam Vance-Law eine Idee für sein Musikvideo hat: „Der Song heißt ‚Prettyboy‘. Man würde jemanden erwarten, der 16 bis 22 und Topmodel-esque ist. Für mich war das etwas zu offensichtlich. Also warum stellen wir das nicht auf den Kopf, indem wir mit jemandem drehen, der zwischen 70 und 90 ist und in einem Seniorenheim lebt? Ich glaube, die andere Sache ist die, dass Leute, wenn sie Models rumsitzen und traurig gucken sehen, sich denken: ‚Ist mir irgendwie egal.‘ Das gab es schon. Aber wenn ein alter Mensch in einem Altersheim sitzt…“ Also rücken Filmteam, Sam, Labelvertreter, Schauspieler, Komparsen, Choreographin und Stylisten an, um den Plan in die Tat umzusetzen. Wir durften bei den Dreharbeiten nahe der Waldbühne zuschauen.

Alle Fotos: Andrea Topinka / DIFFUS Magazin

Im idyllisch-grünen Charlottenburg angekommen, sind die Dreharbeiten bereits im vollen Gange. Gerade haben die Seniorinnen und Senioren die Gruppenchoreographie abgeschlossen, jetzt sitzen sie im Speisesaal an Tischen und summen bei „Prettyboy“ mit. Und die erste Info, die mich erreicht: Sam Vance-Law spielt in seinem ersten Musikvideo nur eine Nebenrolle, denn mit Klaus könne er nicht mithalten. Sein Gesicht kommt Videonerds vielleicht bekannt vor: Klaus Berchner mimte u.a. den rüpeligen Senior in Kraftklubs „Zu Jung“, einen Priester bei Ich + Ichs „Wenn ich tot bin“ oder zog in Moonboy Inc.s „Loosing My Mind“ rastlos durch Berlin. Der Auftritt in Kraftklubs Video habe ihm bisher am besten gefallen, erzählt er mir am Ende des Drehtags, während wir uns auf seinem Smartphone das Moonboy Inc.-Video anschauen. Bei „Prettyboy“ hatte er allerdings auch jede Menge Spaß. Als ich ihn nach meiner Ankunft mit Sam beim Üben der Tanzschritte sehe, ist klar: Gegen die Präsenz des zierlichen Seniors mit gut sitzendem Anzug und schicker Brille kommt keiner an.

Während sich die übrigen Senioren im Speisesaal mit Kaffee, Kuchen, Spielen und Bier beschäftigen, tanzen Sam und Klaus im Vordergrund eine Runde. Choreographin Paloma gibt ein paar Hinweise, doch ist schnell zufrieden mit der Leistung der beiden. Danach soll es eigentlich nach draußen gehen, der Regen macht einen Strich durch die Rechnung. Also schnell umdisponieren, was laut Sam kein Problem, sondern den Reiz darstellt: „Wir hatten einen groben Plan, aber es gibt etliche Dinge, bei denen es Spaß macht, vor Ort zu improvisieren: Verschiedene Räume, verschiedene Darsteller, verschiedene Situationen wählen, die irgendwie mit den Leuten, mit denen du arbeitest und dem Platz, den du hast, funktionieren. Nach dem Motto: ‚Hey, das könnt doch cool sein, oder?‘ – ‚Lass es uns einfach tun.‘“

Dafür dass die Arbeiten erst ein paar Stunden laufen, ist das Team gut abgestimmt, Sam behält außerdem jede Szene im Blick und gibt Hinweise, wie er sich die Umsetzung vorstellt. Und die Senioren sind mit Begeisterung dabei, egal ob sie den Gang entlang tanzen, ihre Moves auf dem Balkon präsentieren oder Klaus verträumt hinterherschauen. Die Darsteller und Darstellerinnen leben selbst nicht im Seniorenheim. Die tatsächlichen Bewohner schauen gelegentlich interessiert vorbei und crashen auch mal etwas grumpy eine Szene. Als ein Herr zum Beispiel den Gang entlang tanzen soll, schiebt eine ältere Dame ihren Rollwagen in den Hintergrund und lacht frech über die Bitten, sie möge weitergehen. Sieht aber ziemlich cool aus.

Dass alles so reibungslos läuft, kommt für Sam etwas überraschend: „Ich habe am Anfang Google genutzt und ‚Altersheim Berlin‘ oder so ähnlich eingetippt. Dann habe ich mit dem Label und Management gesprochen. Sie meinten, es gebe sicherlich eine Seniorenresidenz für Künstler. Ich dachte nur, dass das verrückt klingt. Es zeigte sich, dass es in Berlin genau so eine Residenz gibt. Sie sah perfekt aus für unsere Idee. Natürlich waren sie auch offener für den Vorschlag eine Musikvideocrew für einen Dreh reinzulassen, weil es sich um ehemalige Künstler, Schauspieler und Sänger handelt. Wir haben dann versucht 10 bis 15 ältere Leute zusammenzukriegen. Wir wussten aber nur von acht, dass sie kommen. Das hätte nicht ganz gereicht. Dann tauchten heute Morgen – auf magische Weise – 18 Leute auf. Das war ein Riesenspaß bei den Tanzszenen.“

Trotz der einen oder anderen Improvisation legt das Team viel Wert auf Liebe zum Detail, indem neben den Senioren zum Beispiel einige Pfleger in Erscheinung treten (zum Beispiel Drangsal). Auch die versammeln sich vor und hinter der Kamera um Klaus, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, extrem cool auf einem Bürotisch zu liegen. So neigt sich der herrlich skurrile Videodreh dem Ende entgegen.

Im Video musste Sam Vance-Law zwar ein wenig zur Seite treten, aus den Augen verlieren sollte man ihn aber keinesfalls. Mal abgesehen davon, dass „Prettyboy“ ein krasser Ohrwurm ist, der ein bisschen so klingt, als hätten sich Patrick Wolf, eine kokette Britpop-Band und Get Well Soon vor 10 Jahren zusammengetan, ist der Typ ein echtes Multitalent. Bevor Sam vor fünf Jahren den Indiepop für sich entdeckte, spielte und komponierte er klassische Stücke. Wenn er in einem Nebensatz erwähnt, er sei mit Orlando aka Totally Enormous Extinct Dinosaurs in England zur Schule gegangen, ist das nur ein Zweig seines globalen Netzwerks: „Konsti“, wie er Konstantin Gropper von Get Well Soon nennt, begleitete er auf Tour. Bei Sam Vance-Laws Debütalbum „Homotopia“ nahm Konstantin wiederum die Rolle eines „Mentors“ ein und feilte am Sound.

Auf einen anderen Freundeskreis bezieht sich Sam, wenn er darüber spricht, warum sein Debüt erst jetzt erscheint: „Ein anderer Grund war meiner Meinung nach, dass vor fünf Jahren – und eigentlich immer noch – Falsett-Gesang große Bedeutung hatte. Jeder singt super hoch, Sean, Thom Yorke und Mac machte das am Anfang auch. Das sind diese zarten Stimmen, die dich in andere Sphären befördern. Ich bin ein Bariton, deswegen hatte ich das Gefühl, musikalisch nicht an diesen Ort zu passen. Jetzt glaube ich, dass ich so singen kann, wie ich möchte und es funktioniert. Es passt in die Zeit. Ich glaube, tiefere Stimmen kommen wieder in Mode.“ Mit „Sean“ und „Mac“ meint er Sean Nicholas Savage und Mac Demarco, mit denen er Ende der 00er Jahre in Edmonton abhing, bevor sich ihr kreativer Zirkel nach Vancouver, Montreal oder in Sams Fall Berlin zerstreute.

Bis „Homotopia“ erscheint, müssen wir uns leider noch ein paar Monate gedulden. Doch es wird sich lohnen: Laut Sam ist „Prettyboy“ ein Stellvertreter der stilistischen Vielfalt seines Debüts: Indiepop/rock, Kammerpop und sogar den Versuch eines Punksongs soll es geben! Mindestens genauso gespannt sind wir erstmal auf das bald erscheinende Video zu „Prettyboy“. Denn ohne die finale Version gesehen zu haben: Die unfassbar charmante, witzige und etwas melancholische Story rund um Klaus könnte es zu einem Video des Jahres machen.