Jake Bugg im Interview: „Ich bin nicht der beste Schüler der Welt“

Fünf Jahre nach dem hochgelobten Debütalbum legt Jake Bugg bereits sein viertes Album „Hearts That Strain“ nach. Im Interview haben wir mit ihm über Lernprozesse, Erfolg und Noah Cyrus gesprochen.
Fotos von Universal Music

Mit gerade mal 18 Jahren veröffentlichte Jake Bugg 2012 sein selbstbetiteltes Debütalbum. Als hätte er nie etwas anderes gemacht, adaptierte der Teenager aus Clifton, Nottingham, Folkrock und britische Gitarren-Musik der letzten Jahrzehnte und erzählte – für sein Alter recht abgeklärt – Geschichten über Alkohol, Drogen und den Wunsch, dem Council Estate zu entfliehen. Selbst Noel Gallagher schloss sich der allgemeinen Begeisterung an. Zumindest bis er erklärte, sein Herz sei gebrochen, weil Jake mit Co-Writern zusammengearbeitet hatte. Damit stand er ziemlich alleine da. Der Rest freute sich über einen Nachwuchskünstler, der kluge Songs ins Radio brachte, weit weg vom durchschnittlichen Casting-Pop.

Kein Jahr später hatte Jake Bugg sich mit Rick Rubin in Malibu zu Aufnahmesessions getroffen und brachte das Ergebnis „Shangri La“, benannt nach Rubins Studios, heraus. Der Wunderkind-Euphorie versetzte der Zweitling, bewertet als Schnellschuss mit Potenzial, einen Dämpfer. Für „On My One“ ließ sich Jake Bugg etwas mehr Zeit und wählte einen anderen Ansatz: Passend zum Titel stammten alle Songs aus seiner Feder. Auch um Aufnahme und Produktion kümmerte er sich, nur Produzent Jacknife Lee unterstützte ihn bei drei Songs. Stilistisch experimentierte der Brite mehr als auf den Vorgänger, probierte zum Beispiel in „Ain’t No Rhyme“ Hip Hop aus. Wie viele Kritiker ist er rückblickend insgesamt nicht zufrieden: „Ich wünschte, ich könnte es nochmal machen. Mit den Songs bin ich glücklich, ich mag sie. Aber ich bin nicht glücklich damit, wie sie zusammenspielen. Ich würde es irgendwann vielleicht gerne neuaufnehmen.“

Dafür war erstmal keine Zeit. Nach Tourabschluss Ende letzten Jahres ergab es sich, dass er über einen Freund aus „Shangri La“-Zeiten mit dem Produzenten David Ferguson in Kontakt kam, einer Größe der Country-Szene in Nashville, Tennessee: „Ich wollte immer dorthin und eine Platte aufnehmen. Da musste ich nicht lange überlegen, sondern bin einfach gegangen und habe es getan. Das Ganze machte ich dreimal in fünf Monaten. Ich arbeitete hart an den Songs, weil ich mit so großartigen Musikern während der Aufnahmensessions spielte.“

Es fühlte sich gar nicht wie eine Writing Session an, sondern wie Abhängen.

Auf seinem vierten Album „Hearts That Strain“, das während der Zeit in Nashville entstanden ist, wirkten nämlich unter anderem Dan Auerbach (Black Keys) und Bobby Woods sowie Gene Chrisman von The Memphis Boys mit. Letztere spielten schon für Elvis Presley oder Dusty Springfield Instrumente ein. Matt Sweeney, mit dem Jake schon auf „Shangri La“ zusammenarbeitete, ist ebenfalls als Co-Writer gelistet: „Ich wollte eigentlich nicht zu Co-Writern zurückkehren. Aber dann traf ich meinen Freund Matt Sweeney wieder. Es fühlte sich gar nicht wie eine Writing Session an, sondern wie Abhängen. Es gab ein paar Gitarren und wir schrieben ein paar Songs. Das hat Spaß gemacht.“

Obwohl Jake Bugg schon länger dabei ist, ist er mit 23 Jahren natürlich immer noch jung. Ihm selbst ist es wichtig mit Alben zu wachsen und dazuzulernen. Deswegen schätzt er Kollaborateure sehr: „Die Zusammenarbeit mit anderen eröffnet dir immer eine andere Perspektive und du lernst dazu. Wenn du alleine arbeitest, testest du die Dinge aus, die du gelernt hast und versuchst deine eigene Arbeitsweise zu entwickeln. Ich bin nicht der beste Schüler der Welt, aber ich finde immer meine eigene Interpretation, durch die ich mir eine Sache dann zu eigen mache.“ Deswegen ist für ihn sein Alleingang-Experiment „On My One“ alles andere als gescheitert. Viel mehr ermöglichte es ihm erst, „Hearts That Strain“ aufzunehmen und an der richtigen Stelle, Leute miteinzubeziehen.

Tatsächlich funktioniert die vierte Platte des Songwriters wieder mehr als kohärentes Werk. Stilistisch verneigt sie sich vor der amerikanischen Country-Tradition. Im Vergleich zu früher überwiegt ein gesetztes Tempo: Ruhig treibende Songs wie „How Soon The Dawn“ oder „Southern Rain“, Balladen wie „Every Colour In The World“ und düstere, reduzierte Nummern wie „Hearts That Strain“.  Als Featuregast ist bei „Waiting“ zudem Noah Cyrus dabei.

Eine meiner Lieblingsgruppen ist ABBA.

Eine Überraschung, weil die beiden auf den ersten Blick aus komplett verschiedenen Welten stammen: Die 17-jährige Noah wuchs als Tochter des Countrystars Billy Ray und Schwester von Miley in einem Promihaushalt auf, steht seit sie ein Kleinkind ist auf großen Bühnen und hatte den Plattenvertrag quasi schon garantiert. Jake auf der anderen Seite kämpfte seinen Weg aus der britischen Arbeiterschicht nach oben. Für ihn spielt das keine Rolle, erfüllt ihn höchstens mit etwas Genugtuung: „Was wichtig ist, ist, dass der Song gut klingt. Ich finde ihre Stimme toll. Und es ist großartig jemanden auf dem Album zu haben, der ein Popact ist und ins Showbiz geboren wurde. Sie singt einen Song, den du geschrieben hast, während du selbst aus einfachen Verhältnissen kommst. Es ist ein befriedigendes Gefühl vor allem, wenn es gut klingt und funktioniert.“

Überhaupt löst das Wort Popmusik bei ihm nicht direkt einen Würgereiz aus: „Ich liebe Popmusik, weil es im Pop, wenn er gut gemacht ist, nur um eine gute Melodie geht. Eine meiner Lieblingsgruppen ist ABBA, weil ihre Songs, so poppig wie sie sind, wegen der Melodieführung unglaublich sind. Tolle Melodien kann man außerdem in jedem Genre einsetzen, egal ob Blues, Country oder Folk.“ Zu fein ausgearbeiteten Melodien kommen auf Jakes neuer Platte ausgefeilte Arrangements. Die Beteiligung von Sessionmusikern führt dazu, dass neben Gitarrenklängen auch oft beispielsweise Piano, Streicher oder E-Orgel zu hören sind.

Bei den Tourterminen im Herbst werden die aber voraussichtlich nicht erklingen, denn sie sind als Akustikshows angekündigt: „Ich war mir nicht sicher, wie die neuen Songs ins aktuelle Set passen würden. Etwas, was ich bisher nicht viel gemacht habe, aber genieße, sind intime, kleine Akustikshows. Es gab dieses Jahr ein paar und die waren richtig toll. Also dachte ich mir, es wäre super, damit zu touren. Es wird etwas anderes und ich freue mich drauf.“

Musik ist eben eine Karrierewahl, die sehr viele Vorteile haben kann, wenn es klappt.

Von der Müdigkeit und dem Wunsch, nicht länger im Kreislauf aus Aufnahmen, Promotion und Touren gefangen zu sein, den Jake Bugg in einigen früheren Interviews äußerte, ist nicht mehr viel zu spüren: „Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen würde, wenn ich keine Musik machen würde.“ Wenn er nach Clifton zurückkehrt, wo viele seiner Freunde in „normalen“ Arbeiterjobs beschäftigt sind, ist auch das unwohle Gefühl verschwunden, das er zu Beginn seiner Karriere hatte: „Mit der Zeit haben meine Freunde einfach ein bisschen mehr verstanden, was ich tue. Alles, was ich getan habe, war, dass ich mich für Musik entschieden habe. Das ist alles. Musik ist eben eine Karrierewahl, die sehr viele Vorteile haben kann, wenn es klappt.“

Dass es bei Jake Bugg so rund lief und er so früh so erfolgreich war, sieht er wie viele andere Ex-Wunderkinder „als Segen und als Fluch.“ Das Eigentliche sei nicht, ob er je wieder „ein Viertel des Erfolgs“ haben werde, sondern welche Möglichkeiten ihm das Debüt eröffnet hat, welche Wege er dadurch einschlagen könne: „Solange das bedeutet, dass ich weiter Musik machen kann, ist es mir egal. Manche Leute werden vielleicht immer nur das erste Album mögen und haben beschlossen, die anderen nicht so gut zu finden, wie ich es tue. Bis zu einem gewissen Grad ist das alles subjektiv.“

Jake Bugg live:
30.10.2017 – Köln, Kulturkirche
01.11.2017 – Berlin, Passionskirche Kreuzberg