Vom Bordstein in die Timelines: Das Phänomen Trettmann

Marteria, Bonez MC, RAF Camora, Megaloh, Gzuz, Haiyti – was sich liest wie die Speerspitze der aktuellen Deutschrap-Playlists, ist nur ein Auszug aus der Riege jener Künstler, die derzeit mit Trettmann zusammenarbeiten wollen. Binnen eines Jahres, wohlgemerkt. Ob Festivalbookings, prominente Featuregäste oder Kritiken – Trettmann ist ein Künstler, auf den sich scheinbar alle einigen können. Doch woran liegt das?
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Eines ist sicher: Noch vor zehn Jahren hätte es Trettmann in der HipHop-Szene schwerer gehabt. Es ist 2006, als der gebürtige Karl-Marx-Städter seine erste Single auf YouTube hochlädt und damit den Grundstein für eine sprunghafte Karriere legt, die sich niemals so richtig auf eine Sache einpendeln sollte.

Damals noch mit dem Präfix „Ronny“ unterwegs, überfällt Trettmann die Reggaeszene auf „Der Sommer ist für alle da“ mit breitestem sächsischen Dialekt und gnadenlos überzeichneten Klischees der ostdeutschen Bevölkerung. Selbst der Künstlername ist mit einem stereotypisierten „Ossi“-Branding eigentlich vorbelastet. Doch die Radiosender scheint es nicht zu stören, im Gegenteil: Schnell wird die fast trashig anmutende Single zu einem Topkandidaten für die regionale Heavy-Rotation und fortan quer durch Sachsen gespielt. Nach nur einer Woche hat Trettmanns Debüt über 20.000 Klicks gesammelt, ohne Marketingkonzept, geschweige denn Musikvideo. Eine Marke, die man in der Frühphase der Video-Plattform gut und gerne als viralen Hit bezeichnen kann.

Das wirkt retrospektiv wie ein bloßer Gag; eine nette Anekdote des World Wide Web. Doch „Der Sommer ist für alle da“ ist nicht nur Klamauk, sondern zeitgleich ein Politikum. Bis heute wird deutschsprachige Reggaemusik in Szenekreisen oftmals belächelt oder harsch kritisiert. Zu konstruiert die Texte, zu gezwungen artikuliert die Aussprache, es ist wenig zu spüren von dem lässigen Spirit aus dem Geburtsland Jamaika. Nachvollziehbar, dass der schnodderige Dialekt und komödiantische Ansatz Trettmanns damals einen klaren Stilbruch bedeutete. „Mir fehlten im deutschen Reggae Leute, die über sich selbst lachen können“, sagt Trettmann vier Jahre später in einem SPIEGEL-Feature über junge Mundart-Musiker. Und das wohlgemerkt zu einer Zeit, in der die Mitglieder von Aggro Berlin als Aushängeschild der deutschen Rap-Musik weitestgehend Humorlosigkeit propagieren.

Zehn Jahre später befindet sich Trettmann wieder mitten in einem Generationenkonflikt, und wieder gehört er zu der Seite der Genre-Reformer. Waren es Mitte der Nullerjahre noch die traditionsbewussten Reggae-Adapteure gegen den befreiten Spirit der Nachfolgegeneration, heißt es heute in der HipHop-Landschaft Oldschool gegen New(er)school.

Auf der einen Seite die alteingesessenen Rapper, die sich gerne auf ihren Status als Szene-Urgesteine berufen und auf eher konservative Produktionen setzen, auf der anderen überwiegend junge Musiker, die mit Konventionen brechen und Genregrenzen einreißen. Textlich darf sich nun deutlich mehr getraut werden, von klaren politischen Statements bis hin zu wahnwitzigem Meta-Luxusgehabe á la Glo Up Dinero Gang. Trettmanns genaues Alter ist dabei schwer auszumachen. Zahlen aus den vielen Biographien des Künstlers führen in die Irre. Verließe man sich jedoch bloß auf eine der Angaben, würde man ihn wohl fälschlicherweise in die Kategorie Oldschool einordnen.

Erst im letzten Frühjahr begleitete Trettmann die damalige Newcomerin und von der Juice zum „Leader of the New School“ geadelte Haiyti auf ihrer ersten Tour. Hierarchien? Fehlanzeige. „Das ist ein vollkommen gleichberechtigtes Ding. Ich schaue eher zu ihr auf“, gibt der Musiker damals zu. Ein Spirit, der nicht nur sympathisch machen mag, sondern ihm auch hilft, absolut nah am Zeitgeist zu bleiben. Mit dem jungen Berliner Produzententrio und Innovationsquell KitschKrieg, die ebenfalls mit auf Tour waren, verbindet ihn beispielsweise seit einer EP-Trilogie eine funktionierende Symbiose, die ihm zahlreiche Lobeshymnen einbrachte.

Apropos EPs: Vor „#DIY“, dem Debüt seiner musikalischen Renaissance in der HipHop-Szene, schickte Trettmann gleich vier Releases vor. Da wären die erwähnte KitschKrieg-Trilogie, die Liebhaberplatte „Herb & Mango“ zusammen mit Megaloh und nicht zuletzt eine Bonus-EP zum Gold-Album „Palmen aus Plastik“ mit Bonez MC und RAF Camora. Was in den USA das Mixtape, ist für Trettmann der Extended Player. Kurze Releasefrequenzen helfen agil zu bleiben, gibt er zu. Im Hinblick auf monatelange Promophasen für das immergleiche Album glaubt man das gerne.

Neben der unverkrampften Releasekultur meistert Trettmann mit seinem vielfältigen Output die Gratwanderung, an der viele andere Künstler verzweifeln: Ein heterogenes Publikum anzusprechen, ohne sich anzubiedern. Ob nischiger Berliner Club oder Festivalbühne, mit seinen Vaporwave-Sounds (und den richtigen Kontakten) findet er in mehreren Szenen gleichzeitig statt, ohne einen Konflikt zwischen den jeweiligen Fangruppierungen zu schüren. In Trettmanns Portfolio finden sich Sommersongs („Sowieso“ mit Megaloh), Clubhymnen („120 Jahre“ feat. Haiyti) und Hype-Garanten („Knöcheltief“ mit Gzuz und „GottSeiDank“ mit Bonez MC & RAF Camora); in „Grauer Beton“ zeichnet er dagegen maximal authentisch das trostlose Plattenbau-Bild seiner sächsischen Heimat in der Vor- und Nachwendezeit.

Visionär, und doch irgendwie Konsens: Am Phänomen Trettmann kann quasi jeder teilhaben. Und auch wenn nie ganz sicher ist, in welche Richtung es ihn nach seinem nächsten Song verschlagen wird – hören wird man in Zukunft regelmäßig von ihm.

„#DIY“ erscheint am 29. September 2017 über Soulforce Records.