Fjørt im Interview: „Alles will sich gegenseitig töten“

Mit ihrem dritten Album "Couleur" präsentiert die Post-Hardcore-Band Fjørt ein eindrucksvolles Werk. Dichte und düstere Soundwände liefern die Basis für scharfe Beobachtungen einer sich verändernden Gesellschaft. Am Tag ihrer Album-Veröffentlichung haben wir Sänger Chris Hell und Bassist David Frings in Berlin getroffen.
Fotos von Torben Hodan / DIFFUS Magazin

Die Schlagzahl der aus Aachen stammenden Band Fjørt um Sänger und Gitarrist Chris Hell, Bassist David Frings und Schlagzeuger Frank Schophaus ist beachtlich hoch. Nach einer ersten EP (2012) und dem Debütalbum (2014) erscheint vor knapp zwei Jahren die viel beachtete Platte „Kontakt“ bei Grand Hotel van Cleef, der wohl wichtigsten Institution des deutschsprachigen Indie-Rock. Mit Sicherheit tragen auch die Labelchefs Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch dazu bei, dass Fjørt mit ihrem Soundgewand, das von „Schreierei und Gitarrenwänden“ lebt, schnell ein größeres Publikum erreichen. Plötzlich spielt das Trio nicht mehr nur vor 50, sondern vor 300 Besuchern – Tendenz steigend. Nicht wenige erklären Fjørt deshalb zu einer der wichtigsten Post-Hardcore-Bands des Landes. Mundpropaganda, vor allem die von den richtigen Leuten, habe einen wesentlichen Anteil am Revival der „Spartenmusik“, sagt David bei unserem Treffen in Berlin.

Als Spartenmusik kann man den Sound von Fjørt durchaus bezeichnen. Mit gewaltiger Intensität und ungebändigter Wucht haut die Gruppe ihren Hörern hochemotionale Texte um die Ohren. Wo „Kontakt“ noch auf wohl dosierten Hieben, perfekt gesetzten Effekten und ausbalancierten Riff-Abfolgen basiert, ist „Couleur“ vielseitiger, lauter, verdichteter und vor allem roher geworden. „Wir hatten gar keine andere Wahl“ meint David und erklärt: „Die Songs dieser Platte brauchen einen gewissen Druck und eine Unangepasstheit. Wir feiern es auf der Platte sehr – und das ist uns auch erst im Nachhinein bewusst geworden – dass der Bass die Gitarre töten will und die Gitarre den Bass töten will. Alles will sich gegenseitig töten, aber alle machen zusammen diese Walze. Es ist sehr kompromisslos, was wir mit der Platte aussagen wollten.“

Es ist wichtig seine Meinung zu sagen. Manchmal ist es aber auch ok, wenn man sie für sich behält

Dass Fjørt bei den Aufnahmen zu „Couleur“ anscheinend viel auf dem Herzen hatten, wird beim Hören schnell deutlich. Im Titelstück heißt es beispielsweise: „An dem Platz wo die Rosen stehen, wird geschossen auf drei Menschen, die es anders sehen. Die das Maul nicht halten können, weil es sonst jeder tut.“ In vielen Texten ihrer neuen Platte präsentieren die Aachener scharfe Beobachtungen unserer sich verändernden Gesellschaft. Dabei ist „Couleur“ keinesfalls als ein politisch-motiviertes Album zu verstehen, sondern vielmehr als eine Platte, die sich mit den sozialen Umstrukturierungen und der generellen Meinungsfreiheit auseinandersetzt. Nicht umsonst heißt es ja, dass Menschen unterschiedlicher Couleur, also unterschiedlicher Meinung sein können.

Das übergreifende Thema der Meinungsfreiheit bzw. Meinungsäußerung sei der Band erst nach der Fertigstellung der neuen Song bewusst geworden, erzählt Chris. „Wir schreiben Songs eigentlich immer als in sich abgeschlossene Geschichten. Wenn du einen Haufen solcher Songs hast, kommt oft ein bestimmter Vibe oder eben ein übergreifendes Thema zum Vorschein. In diesem Fall war es das Wort ‚Couleur‘, weil es einfach um das Thema Meinung geht. Es ist wichtig seine Meinung zu sagen. Manchmal ist es aber auch ok, wenn man sie für sich behält. Wenn es zum Beispiel um persönliche Dinge geht. All diese Facetten des Themas sind spannend. Mache ich meinen Mund auf oder nicht? Jeder Song beinhaltet ein Stückchen davon.“ Der Begriff „Couleur“ sei außerdem ein sehr offener: „Du nimmst die Platte in die Hand, hast zwar schon irgendeine Konnotation zum Titel, aber musst trotzdem erstmal überlegen, was damit gemeint sein könnte. Wir setzen dir nicht sofort vor, worum es genau geht. Du kannst dir erst beim Hören ein genaues Bild davon machen.“

Für Fjørt ist auch die Auseinandersetzung mit einer neuen, rechten und zu großen Teilen rassistisch motivierten Bewegung in Deutschland Teil des Themas „Meinungsfreiheit“. In „Raison“ erklingt deshalb über einem vertrackten Beat: „Ich bin so müde vom Zählen, ich habe 1933 Gründe schwarz zu sehen. Doch egal wieviel da kommt, ich hab‘ alles was ich brauch‘, denn die 1933 Gründe, ihr habt sie auch.“ Für David ist die musikalische Bewältigung solcher Entwicklungen „immer heikel“, sie müsse vor allem „sehr sensibel“ geschehen. Er erklärt: „Ich sehe die gesellschaftliche Entwicklung, nicht nur bei uns, als sehr fatal an. Ich will gar nicht das Fass des Faschismus aufmachen, aber die Scheuklappen werden immer enger. Notleidenden Menschen wird kaum geholfen und alles entwickelt sich mehr und mehr zu einem ‚Ich Ich Ich‘. Es verfestigt sich vor allem aber rechtsradikales Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft, was ich bisher in dieser Form einfach nicht kannte. Es gibt viele die das jetzt zu ihrem Oberthema machen – das finde ich auch sehr wichtig und gut. Wenn wir aber einen Song über Nationalismus schreiben, denken wir viel darüber nach, ob die Botschaft auch richtig ankommt oder ob die Leute uns eher als Trittbrettfahrer sehen. Mit dem Song „Paroli“ auf „Kontakt“ haben wir zum Beispiel schon einmal ein klares Statement gesetzt.“

Mit einem Song kann man sich Gehör verschaffen

Chris und David beschreiben, dass es in den vergangenen zwei Jahren, neben fatalen Entwicklungen wie Pegida oder dem Einzug der AFD in den Bundestag, auch Lichtblicke gegeben habe. „Es ist viel Widerstand und Engagement entstanden und das nicht nur im Internet, denn Engagement dort ist lächerlich. Es gibt viele Leute, die draußen Flagge zeigen und mit Verwandten und anderen Menschen reden. Nachdem wir die Musik von „Raison“ geschrieben hatten, kamen uns beim Texten genau diese Bilder hoch: ‚Wir zusammen, die stärkste Mauer, die ich kenn.‘ Das ist auch einfach mal als Danksagung an all die Leute gedacht, die sich aktiv gegen Rechts engagieren.“ David erklärt weiter, dass es kein Problem sei, wenn sich Künstler komplett aus dieser Thematik heraushalten oder nur über „Tutti Frutti“ [sic] singen würden. „Mit einem Song kann man sich aber Gehör verschaffen und da rede ich nicht von unserer Subkultur, sondern von großen Künstlern, die viele Menschen in Arenen erreichen. Das kann zum Beispiel nur ein kleines Statement von Helene Fischer sein, die damit ein wichtiges Signal senden würde. Das passiert leider selten bis nie, weil dann wahrscheinlich 13 Prozent der Leute keine Tickets oder Alben mehr kaufen würden. Ich möchte mir später aber nicht auf die Fahne schreiben, dass ich nichts getan bzw. gesagt hätte. Wenn Leute auf Spotify ‚Raison‘ in einer Rock-Playlist hören, dann erreicht man auch außerhalb unseres Dunstkreises jemanden mit der Message, und das ist verdammt wichtig.“

Neben all der Schwere – sei es musikalisch oder inhaltlich – kommt beim Gespräch mit Fjørt vor allem eines zum Vorschein: Der Hunger nach dem Erfolg mit „schwieriger“ Musik. Auch wenn in einem Lied wie „Magnifique“ sanftere Töne bzw. eingängigere Melodien zu Tage treten, für Chris ist klar: „Wir sind Fans von einer Instrumentierung, die weh tut. Und das braucht es in den meisten Fällen auch.“ Einen „poppigeren Weg“ einzuschlagen, nur um womöglich ein größeres Publikum erreichen zu können, sei generell keine Option. David fügt an: „Wir können nicht wie ein Architekt sagen, dass wir ein schwedisches, dänisches oder englisches Haus bauen wollen. Dann wären wir ja Auftrags-Mucker und das sind wir einfach nicht. Ich bin mittlerweile auch weg von dieser musikalischen Grundregel: ‚Sing in einem Song, mach es melodischer und dann funktioniert es.‘ Wir als Fjørt erleben gerade, dass mit diesem kompromisslosen Sound bei jeder neuen Tour mehr als doppelt so viele neue Leute kommen. Irgendwie müssen die Leute diese Musik ja gut finden. Und irgendwann kann es vielleicht auch sein, dass 3000 Leute in der Columbiahalle stehen, ohne dass wir uns jemals verstellt haben. Wir haben uns sehr früh für eine verdammt harte Musik entschieden, auf die – so glaube ich – aber auch verdammt viele Leute Bock haben. Vielleicht war damals bei Escapado der Moment noch nicht ganz da, aber wir erleben gerade bei einer brett-harten Mucke einen immensen Zuspruch – und das ist sehr geil!“

Fjørt gehen auf „Couleur“ Tour: 
18.01.18 – Münster, Gleis 22 (Zusatzshow)
19.01.18 – Münster, Gleis 22 (ausverkauft)
20.01.18 – Hannover, Musikzentrum
21.01.18 – Berlin, Lido
22.01.18 – Dresden, Beatpol
23.01.18 – Leipzig, Werk 2
24.01.18 – AT – Wien, Chelsea
25.01.18 – München, Strom
26.01.18 – Stuttgart, Universam
27.01.18 – Saabrücken, JUZ Försterstraße
28.01.18 – Wiesbaden, Schlachthof
29.01.18 – Köln, Gebäude 9
30.01.18 – Hamburg, Knust
14.04.18 – Zürich, Dynamo