Titelstory: Blackout Problems in Kasachstan – Eine Doku über Fremde und Freunde

Im August 2017 wurde die Band Blackout Problems vom Deutschen Pavillon eingeladen, um auf der Weltausstellung in Kasachstan zu spielen. Die kurze, aber intensive Reise haben sie in der fesselnden Dokumentation друг (Russisch [druk]; Deutsch: Freund) festgehalten. Ein Film über Fremde, Freunde und große Gastfreundschaft.

Zwischen München und Astana, der Hauptstadt Kasachstans, liegen gut acht Stunden Flug. Diese Distanz kann allerdings nicht nur räumlich aufgefasst werden. In Zentralasien angekommen, setzen sich die Jungs von Blackout Problems mit sprachlichen, religiösen, kulturellen und nicht zuletzt politische Distanzen auseinander. Doch was überzeugt eine deutsche Rockband wie die Blackout Problems, eine Konzertreise nach Kasachstan auf sich zu nehmen, wohlwissend, dass das Publikum überschaubar und der Rahmen der Veranstaltung nicht ganz unumstritten ist? Neugier – darauf wie ein potentielles Publikum eine komplett unbekannte Band aufnimmt, wie Musik und Text auf einem anderen Kontinent ankommen und überhaupt, was es mit der Veranstaltung auf sich hat.

Am Ende gewinnt die Neugier

Als Band könnte man eine solche Anfrage natürlich leicht absagen, weil Kontext und Umsetzung der dortig organisierten Expo nicht zusammenpassen und überhaupt, weil aus der Sicht einer in demokratischen Verhältnissen aufgewachsen Person, die Zustände in Kasachstan mehr als fragwürdig einzustufen sind. Oder man ist sich all dieser Aspekte bewusst und kommt zu dem Entschluss. trotzdem, oder gerade deshalb, die Reise anzutreten. „Am Ende gewinnt die Neugier und der Fakt, dass es leicht ist, aus der Ferne über Dinge zu urteilen, die man nicht kennt. In diesem Fall haben wir die Möglichkeit bekommen, uns selbst ein Bild zu machen“ sagen die Blackout Problems.

„Es ist klar, dass Veranstaltungen wie die Expo immer wieder umstritten sind und das kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Wenn ein Land wie Kasachstan, das von Öl lebt wie kaum ein anderes, eine Veranstaltung macht, die den Titel ‚Future Energy‘ trägt, fragt man sich schnell, was soll denn das? Wir haben vor Ort mit Mitarbeitern und jungen kasachischen Studenten gesprochen, die als Helfer arbeiten und wir haben uns auch die Erzählungen von den Deutschen vor Ort angehört, da gingen die Standpunkte auch sehr auseinander.“

Dass während ihrer Reise die zu absolvierenden Konzerte letztendlich in den Hintergrund traten, ist besonders der kasachischen Gastfreundschaft, einer außergewöhnlichen Hochzeit und dem russischen Wort „druk“ geschuldet: Als die Bandmitglieder nach ihrem Aufenthalt in Astana noch die kasachische Kultur und das übrige Land erkunden wollen, stranden sie nachts ungewollt an einem Bahnhof. In der Folge werden sie von hilfsbereiten Einheimischen in ein Hotel gebracht und im gleichen Atemzug zu einer Hochzeit am nächsten Tag eingeladen. „Gastfreundschaft wird in Kasachstan sehr groß geschrieben und das hat uns einige Türen geöffnet. Ich wüsste nicht, ob ich sechs fremde Jungs, die ich nachts am Bahnhof treffe, zu meiner Hochzeit einladen würde. Aber es hat sich auch zu keinem Zeitpunkt so angefühlt, als wäre es den Gastgebern unangenehm. Ganz im Gegenteil – es gehört einfach dazu, am Tisch zusammenzurücken und zu teilen. Aber vielleicht hatten wir auch einfach nur unglaubliches Glück.“ 

Fremd und quasi hilflos in einem Land fernab der Heimat zu sein und trotzdem überaus gastfreundlich empfangen werden – eine Situation, die für Sänger Mario Radetzky zwar selbstverständlich, aber für deutsche Verhältnisse derzeit schwer vorstellbar ist. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Deutschland ein offenes Land ist, in dem sich neben der deutschen auch andere Kulturen wohlfühlen können. Ich wohne zwischen einer Moschee, einem Asia-Laden, einer Dönerbude, einer Kirche und einem Puff. Jeder weiß über jeden Bescheid und geht friedlich und respektvoll miteinander um. Deutschland ist vor allem in den Städten ein Land der Begegnungen. Ich meine, guck dir die Hauptstadt an. Da wohnen die größten Gegensätze friedlich auf kleinem Raum zusammen, zumindest die meiste Zeit. Leider gab es schon immer ein Grundrauschen an rechten Idioten, die in den letzten zwei Jahren und vor allem im Zuge der letzten Wahlen einen unglaublich ungerechtfertigten und erschreckenden Zuwachs bekommen haben. Dadurch wirkt Deutschland schnell ausländerfeindlich. Ich bestreite das auch nicht. Es ist ein Fakt, dass hier zu viele ihr Kreuz bei der AFD gemacht haben. Viele davon vielleicht auch aus Protest, weil sie keinen Bock mehr auf Frau Merkel haben. Was sie nicht verstehen, ist dass Mauern, Zäune und Grenzen nur Sackgassen provozieren. Ich glaube aber, dass die Guten immer noch die Mehrheit haben. Du wirst in Deutschland immer noch mehr Hilfe als Abschottung bekommen, das sollte man nicht vergessen. Wir müssen uns nur alle bis zum Anschlag öffnen. Ich habe das so von meinem Vater gelernt. Als ich das erste Mal einen Tramper, der seinen Pass verloren hatte, mit nach Hause gebracht habe, hat der auch zwei Tage bei uns geschlafen und mit uns zu Mittag und zu Abend gegessen.“

Alle Fotos von Ilkay Karakurt

Neben der entgegengebrachten Gastfreundschaft waren die Blackout Problems auch vom Konzertpublikum in Astana begeistert „Wir waren wirklich überrascht, wie gut es funktioniert hat. Die Leute saßen zu Beginn, aber es hat nicht lange gedauert, bis sich die ersten vor die Bühne gewagt haben. Das Feedback war toll und wir sind ohne unseren Merch wieder nach Hause gefahren.“ Ohne Merchandise, dafür aber mit zahlreichen authentischen Eindrücken, Erfahrungen und einigen Speicherkarten voll Videomaterial, kehrte die Band dann nach Hause zurück – und stürzte sich direkt in die Aufnahme neuer Songs. „Wir haben gerade einen Song namens „OFF/ON“ rausgebracht und im Zuge dessen auch den Vorverkauf für eine kleine Tour begonnen. Im kommenden Jahr wollen wir neue Musik raus bringen und diese live spielen. Wir haben uns über ein Jahr intensiv damit beschäftigt, neue Songs zu schreiben und machen uns auf zu neuen musikalischen Ufern. Wir haben uns beim Schreiben sehr freigemacht, viel experimentiert und zugelassen. Wir freuen uns sehr auf alles, was kommt. Es brennt uns in den Fingern.“

Blackout Problems live:
18.05.2018 – Köln (ausverkauft)
19.05.2018 – Hamburg – Astra Stube
21.05.2018 – Berlin – Cassiopeia
24.05.2018 – München (ausverkauft)