Listener im Interview: „Talk Music zu etablieren ist harte Arbeit, aber gute Arbeit“

Am Freitag erschien das inzwischen vierte Listener-Album „Being Empty: Being Filled“. Zeit sich mit Frontmann Dan Smith, Drummer Kris Rochelle und Gitarrist Jon Terrey über inzwischen eine Dekade „Talk Music“ zu unterhalten - über die Anfänge und die Emanzipation vom Underground HipHop, verrückte Tourstops und die Entwicklung hin zum neuen Album.
Foto von Kevin Scullion

Wenn man es sich Jahrelang zur Lebensaufgabe macht neue Musik zu entdecken, kommt es selten vor, dass eine Band so innovativ daher kommt, dass man das Gefühl hat, noch nichts Vergleichbares gehört zu haben, geschweige denn sie einkategorisieren könnte. Wie beschreibt man also eine Band, die gesprochene poetische Texte, die klingen als würde ein Piratenkapitän eine Ansprache an seine Crew halten, mit Elementen irgendwo zwischen Indie, Folk, Country, Post Rock und Post Hardcore verbindet und dabei gerne auch mal eine Waschmaschine als Schlagzeug missbraucht?

Ich selbst bin mit Listener das erste mal in Berührung gekommen, durch eines der vielleicht großartigsten aber vor allem chaotischsten One-Shot Musikvideos aller Zeiten. Im Video der Hardcore-Band The Chariot tritt der charismatische Listener Frontmann Dan Smith als Feature Gast auf und predigt sich mit seinen emotionalen Lyrics die Seele aus dem Leib. Der Sprechgesang, der zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr als HipHop oder Rap zu bezeichnen war, fing allerdings ursprünglich als eben genau das an. In den späten 90ern veröffentlichte Dan Smith unter seinem Rap Alter Ego Listener seine ersten Platten mit der HipHop-Gruppe „Deepspace5“, gefolgt von einigen Solo HipHop-Alben und Touren in der Underground Indie-HipHop-Szene.

Um 2005/2006 rum hatte Dan Smith dann mit Rap abgeschlossen: „Ich bin dann irgendwie da rausgewachsen, als Person, als Künstler und jemand der auf Tour war und etwas anderes machen wollte – andere Arten von Musik. Ich habe mich dann mit ein paar Freunden getroffen, die Instrumente gespielt haben. Wir haben uns gesagt, lass uns etwas machen was essentiell zwar HipHop-Worte oder Poesie oder so etwas in der Art ist, aber lass uns keinen HipHop machen. Lasst uns eine Band machen, aber keinen Rap, es nicht Rap nennen – wir wollten es sogar anders bezeichnen als HipHop – und keine Shows in dieser Szene buchen. Es war fast so etwas wie eine kollektive Anstrengung kein Teil dieses Genres zu sein und mit keinerlei anderen HipHop-Gruppen gebucht zu werden. Lasst uns einfach mit anderen Bands zusammen spielen und unser eigenes Ding sein.“

Besonders die immer häufigeren Liveshows haben Listener dann dazu bewegt, sich von einem Ein-Mann HipHop-Projekt zu einer Rockband zu entwickeln, erzählt Smith: „Das Gefühl bei den HipHop-Shows verglichen mit beispielsweise einer Haus-Show, die ein Fan organisiert hat, war einfach ein komplett anderes. Irgendjemand lädt einfach alle seine Freunde ein, egal was für Musik sie hören oder welchen musikalischen Hintergrund sie haben, wo man zum Beispiel bei einer HipHop- oder Hardcore-Show nur Leute da hat, die das Genre kennen und mögen. Ohne zu urteilen, aber manchmal kennen die Leute nicht das komplette Spektrum und stecken einen schnell in eine Schublade. Auf der anderen Seite, wenn du in einen Raum kommst mit Leuten die sich vielleicht überhaupt nicht mit Hip Hop auskennen und sich dann sagen: ‚Wow das ist so anders!‘ Vielleicht hassen Sie es dann, vielleicht lieben sie es auch, weißt du? Es ist dann einfach irgendwie etwas Neues. Wir haben uns dann eben gesagt, dass wir etwas total anderes ausprobieren wollen, weil es irgendwie etwas alltäglich wurde und keine Herausforderung mehr war. Es war zu dem Zeitpunkt einfach nicht mehr wirklich interessant für uns.“

Der hat wie alte verbrannte Autoreifen geschmeckt

Generell identifizieren Listener sich sehr stark mit dem DIY-Gedanken, so wurde neben einer Amerikanischen „Tour of Homes“, bei der die Band fast ausschließlich bei Fans zuhause spielte, auch eine Europäische Version veranstaltet, bei der neben Privathäusern und herkömmlichen Venues auch Coffee Shops, Galerien, Bibliotheken, Lagerhäuser, Boote, eine riesige Plastikkuppel in Aarhus und sogar eine alte Burg in Frankreich bespielt wurden.
„Es war eine waschechte mittelalterliche Burg mit Steinmauern. In dem Moment als ich meine Drums zum ersten Mal angeschlagen habe, hat alles nur noch gebebt. Es war einfach super laut.“, beschreibt Kris das Erlebnis.

In den Niederlanden sind Listener außerdem auf einem Festival am Strand aufgetreten:
„Wir haben irgendwo an der Westküste gespielt und suchen also die Konzert-Location. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob wir wussten, dass es am Strand sein würde. Es war am Strand! In einem großen Zelt! Wir mussten dann unser komplettes Equipment über diese riesige Sanddüne schleppen. Den ganzen Weg die Düne hoch und dann wieder runter zum Strand – durch den Sand.“, erzählt Dan lachend. „Die Leute haben am Strand gelegen oder gebadet und unsere Show angeguckt. Das war echt cool. Danach sind wir auch direkt ins Meer gegangen.“ Kris erinnert sich schmunzelnd: „Als wir unsere Bühne gesehen haben und dass dort das Festival stattfindet, habe ich mir nur gedacht, hoffentlich haben die ein Schlagzeug da. Es ist komplett egal was für ein Schlagzeug, denn wenn dort auch nur irgendein Schlagzeug steht, schleppe ich definitiv meins nicht über diese riesige Sanddüne. Es war definitiv lustig.“

Einer der verrücktesten Tourgeschichten hat sich laut Kris aber in Slovenien zugetragen, wo ihnen der Promoter der Show im Vorfeld mitteilte, dass die Venue keine Adresse hätte und ihnen stattdessen die Adresse vom Haus daneben gab. „Wir sind dann also dahin gefahren und haben da erstmal abgehangen, bis ein Typ von der anderen Straßenseite auf Krücken ankam. Wir haben ihn dann gefragt, wo dort die Konzert-Location sein soll und ob wir vielleicht auf der falschen Straßenseite wären, woraufhin er uns dann erklärte, dass wir schon vor dem richtigen Laden stehen würden – ein alter verlassener Bahnhofswachturm.“ Anschließend gab es ganz getreu osteuropäischer Traditionen erst einmal selbstgebrannten Schnaps, der laut dem Promoter von einer alten Dame aus dem Ort gemacht wurde. „Der hat wie alte verbrannte Autoreifen geschmeckt“, beschreibt Dan lachend den Fusel, den er „Moonshine“ nennt.

Das neue Album „Being Empty : Being Filled“

Unabhängig wo die sympathischen Schnauzbarträger aus Kansas City nun aber spielen, gehören Listener zu den Bands, die man spätestens nach dem ersten Konzert ins Herz geschlossen hat. So lockern immer mal wieder ein paar trockene Witze die wilden und emotionalen Performances der Songs auf. Beispielsweise lobt Dan Smith die Zuschauer für ihre gute Arbeit beim Klatschen und teilt ihnen mit, dass sie – Achtung der Witz kommt flach – gute „Listener“ wären. Gerne bietet die Band den Fans auch die Möglichkeit an, zwischen den Songs Fragen zu stellen, oder auf die Bühne zu kommen um ihren Garagenflohmarkt am Wochenende oder eine anstehende Hochzeit anzukündigen um die restlichen Anwesenden einzuladen.

Fast schon in Anlehnung an alte Vagabunden–Familienbands, die durch die Südstaaten der USA gezogen sind, nennen Sie sich auch gerne scherzhaft die „Listener Family Band“. Darauf angesprochen, was sie denn so zusammenschweißt und zu einer Familien-Band macht, antwortet Dan Smith mit seinem typisch trockenen Humor ohne eine Mine zu verziehen, dass sie alle miteinander verwandt wären, worauf er dann kurze Zeit später selbst anfangen muss zu lachen, bevor Schlagzeuger Kris Rochelle klar stellt: „Eigentlich nichts so wirklich, aber wir finden es lustig das zu sagen. Wir verbringen mehr Zeit miteinander als irgendjemand mit seiner Familie, wenn er in seinen Dreißigern ist. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich viel Zeit mit meiner Familie verbracht, aber jetzt – jetzt verbringe ich nicht mehr so viel Zeit mit ihnen. Ich lebe nicht in der gleichen Stadt wie sie, aber mit diesen Typen verbringe ich ungefähr 24 Stunden am Tag für Monate und Monate am Stück. Ich weiß nicht, ob einen das zu einer Familie macht oder einfach nur merkwürdig, aber…“ „…es ist alles, was wir haben!“, vervollständigt Dan lachend seinen Satz.

Zu dieser Familie gehört inzwischen auch der ehemalige The Chariot Gitarrist Jon Terrey, der seit einiger Zeit Langzeit-Gitarrist Christin Nelson ersetzt, der sich 2015 vom Tourleben verabschieden wollte und die Band verließ. Für die Produktion des neuen Album „Being Empty : Being Filled” hat sich die Band außerdem Unterstützung von Josh Scogin, ehemals Sänger bei The Chariot, geholt. So schließt sich also der Kreis wieder.

Da die beiden Workaholics Dan Smith und Kris Rochelle allerdings nicht lange an einem Fleck verharren konnten, wurde nach dem Ausstieg von Nelson erst einmal noch ganz spontan eine kleine Europa-Tour organisiert, bei der sowohl Dan, als auch Kris (Red Sweater Lullaby) ihre Soloprojekte vorstellen konnten. „Wenn wir über all die Jahre mit der Band auf Tour sind, ist es oft so, dass man nach einer langen Reise nicht direkt wieder losziehen will, um Solo Shows zu spielen oder ein kleines neues Projekt auszuprobieren. Aber es ist schön, mal mit anderen Projekten zu touren und das war der perfekte Zeitpunkt das mal zu machen, weil Listener damals im Herbst sowieso nichts geplant hatte.“

Nachdem im Laufe des letzten Jahres bereits vier 7” Singles als Vorboten für das neue Listener-Album veröffentlicht wurden, ist „Being Empty: Being Filled“ nun also das erste Album in fünf Jahren und das vierte Album in Bandbesetzung, was sich auch deutlich im Sound widerspiegelt. Wo die Indie- und Folk-Elemente, die auf „Wooden Heart“ noch dominant waren und durch epische Post-Rock-Passagen auf dem 2013er Album „Time Is A Machine“ ergänzt wurden, ist „Being Empty: Being Filled“ nun noch einmal deutlich lauter und rockiger, was sich bereits in der düsteren Vorabsingle „There’s Money In The Walls“ zeigte. Die Instrumentalparts bekommen mehr Raum als auf manch einem älteren Release. Ja, man bekommt sogar stellenweise das Gefühl, Dan Smith’s melancholisches Storytelling driftet nahe am melodischen Gesang, bevor er sich dann wieder emotional in Rage redet und der Song in einem epischen Chorus mündet.

„Das Material was wir jetzt haben – aber auch schon die Entwicklung von ‚Return zu Struggleville‘ zu ‚Wooden Heart‘ und dann zu ‚Time Is A Machine‘ – meiner Meinung nach hat diese Veränderung, nicht nur große Teile Poesie zu schreiben und dann einfach irgendwelche Musik runterzupacken, wirklich Spaß gemacht. Ich habe es wirklich genossen, die letzten drei Alben zu machen und es hat so viel Spaß gemacht damit zu touren und sie zu spielen und jedes mal spiegelt es quasi die Band wieder, die wir zu diesem Zeitpunkt sind. Es ist das was wir zu dem Zeitpunkt gemacht haben aber jedes mal, wenn du dann etwas Neues schreibst, denkst du dir – das ist besser!”, sagt Dan lachend und ergänzt: „Das ist eben genau das, was wir jetzt in diesem Moment sind. Ich denke Fortschritt kommt einfach automatisch und wir versuchen einfach andere Songs zu schreiben, anders als ‚Wooden Heart‘, anders als ‚Time Is A Machine‘. Einfach das nächste Ding zu machen, was in unseren Köpfen rumschwirrt – das ist das Ziel. Oder vielleicht nicht das Ziel, aber es passiert eben ganz natürlich.“

„Being Empty : Being Filled“ erschien am 2. Februar 2018 auf dem Hamburger Label Sounds of Subterrania. Im März geht es für die Band auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.

13.03. – FZW – Dortmund
15.03. – Kantine am Berghain – Berlin
16.03. – Beatpol – Dresden
19.03. – Rhiz – Wien AT
20.03. – Stadtwerkstatt – Linz AT
21.03. – Backstage Club – München
22.03. – Gaswerk – Winterthur CH
23.03. – Jubez – Karlsruhe
24.03. – Oetinger Villa – Darmstadt
26.03. – Hafenklang – Hamburg