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Girl in Red emanzipiert sich auf ihrem Debütalbum vom Bedroom Pop

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Aus Horten hinaus in die Welt – dass ihre Musik sie eines Tages mal international berühmt machen würde, dass hätte Marie Ulven beim Songwriting in ihrem alten Kinderzimmer wohl kaum vermutet. Die heute 22-Jährige wächst südlich von Oslo auf und führt dort ein ganz normales Leben: Ihre Hobbys sind Fingerboarding und Gitarre spielen, ihr Vater arbeitet als Polizist und ihre Mutter im Einzelhandel. Als Jugendliche beginnt Marie damit, erste norwegische Song-Skizzen zu entwerfen und sie unter ihrem Klarnamen auf Soundcloud zu veröffentlichen. Nachdem sie auch englischsprachige Songtexte entwickelte und erste Studioerfahrungen sammelte, brachte sie 2017 die ersten Tracks als Girl in Red auf den Markt.

Girl in Red – i wanna be your girlfriend

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Von da an geht es Schlag auf Schlag: Songs wie „i wanna be your girlfriend“ oder „summer depression“ erscheinen offiziell auf Streamingplattformen und sind Teil Maries erster EP „chapter 1“, die sie ohne die Unterstützung eines Labels veröffentlichte. Noch im selben Jahr, 2018 gewann sie den Newcomerpreis Årets Urørt des norwegischen Radiosenders NRK P3 und belegte mit „i wanna be your girlfriend“ den neunte Platz auf der Liste der besten Songs des Jahres in der The New York Times. 2019 war dementsprechend geprägt von riesigen Touren durch Europa und die USA, außerdem erschien mit „chapter 2“ die Nachfolge-EP.

Weltweit überzeugt die Norwegerin mit ihrer bodenständigen Art und Weise, emotionaler Reife und ganz intimen Einblicken in ihr Inneres. Doch mittlerweile ist Marie nicht nur zu einer modernen Ikone des queeren Indie-Pops geworden, sondern auch eine der aktuellen Leitfiguren der LGBTQIA+-Community. Den Titel hat sich die 22-Jährige jedoch nicht einfach über Nacht ersungen, denn wer in seinen Songs regelmäßig die eigene Sexualität oder mentale Gesundheit in den Fokus rückt, der macht sich verletzlich. Doch Ulven ist es ein persönliches Anliegen, ihren Fans immer wieder intime Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt zu gewähren, um ein starkes und selbstbestimmtes Vorbild zu sein. Mit dem Release ihres langersehnten Debütalbums „if I could make it go quiet” kann Marie dieser Herzensangelegenheit auch endlich auf Albumlänge nachgehen. 

Mit Erfolg, denn „if I could make it go quiet” beheimatet insgesamt elf Geschichten voller Emotionalität, Stärke und Reflexion. Marie schildert den Umgang mit den eigenen Gedanken und Gefühlen, stellt die richtigen Fragen zur richtigen Zeit und hat genau die kitschigen Lebensweisheiten parat, die wir manchmal zwar nicht hören wollen, die im Kern aber sicherlich wahr sind. Außerdem geht die Songwriterin mit gutem Beispiel voran und spricht erstmals über Themen, die sie bisher vor ihrer Hörerschaft geheim hielt. Worum es dabei genau geht und wieso Girl in Red so fasziniert vom Autofahren ist, das könnt ihr in unserem Podcast-Interview erfahren.

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Girl in Red im Interview: Debütalbum, Autofahren und „Serotonin“

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Aber nicht nur inhaltlich macht Ulven deutlich, dass sie sich weiterentwickelt hat. Besonders hörbar werden die vergangenen drei Jahre vor allem im Facettenreichtum ihrer Stimme, der in Songs wie „Did You Come“ besonders deutlich wird. Zwischen kontrollierten, tiefen Versen und jugendlichem Freudetaumeln testet Marie selbstbewusst ihre stimmlichen Grenzen aus und verleiht ihren Lyrics damit umso mehr Tiefgang.

Und auch soundtechnisch hat sich die norwegische Musikerin inzwischen immer mehr vom träumerischen Bedroom Pop, wie in „midnight love“ oder dem neuen Song „.“ emanzipiert und schlägt auf „if I could make it go quiet“ vermehrt poppigere und treibendere Töne an. „Serotonin“ und „Apartment 402“ beweisen hierbei eindrucksvoll, dass sich die musikalische Spielwiese der 22-Jährigen längst ausgeweitet hat und sogar Rap-Parts und clubbige Beats Einzug in ihr Debütalbum halten. 

Girl in Red – Serotonin

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„if I could make it go quiet” ist damit einerseits genau das, was wir uns von Girl in Red gewünscht, andererseits aber auch nichts von dem, was wir erwartet haben – ein abwechslungsreiches Album, dass zwischen Melancholie und Euphorie, Jungendlichkeit und Erwachsensein sowie zwischen Klavierballade und Popsong schwebt. Zwar haben wir uns 2018 in den verträumten Bedroom Pop-Sound von Girl in Red verliebt, schauen aber einer langen Freundschaft mit ihrem neuen musikalischen Ich freudestrahlend entgegen.