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In der Luft hängen mit Joost Klein und seinem „Luchtballon“

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Tagged: Joost

Es ist kompliziert. „Luchtballon“ von Joost Klein ist ein sweeter, weirder Ohrwurm, der „Right Here Waiting“ von Richard Marx samplet und diese ikonisch-pathetische Spät-80s-Ballade ganz selbstverständlich in Joosts von Gabber und Happy Hardcore geprägte Soundwelt überführt. Auch das Video ist ein unterhaltsamer Bilderrausch, der ein wenig aussieht, als hätte man die frühe 3-D-Grafik von 90er-Spielen wie „Alone In The Dark“ ans Tageslicht geführt. Das inzwischen bekannte Personal seiner Sidekicks hat lustige bis ernste Auftritte und die digitalen Versionen von Joost und Co. tragen noch immer die ESC-„Europapa“-Kostüme.

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„Die Vergangenheit tut weh, aber ich hab‘ draus gelernt.“

Die Lyrics sind ebenfalls anrührend. Vom Niederländischen ins Deutsche übersetzt, singt er im Chorus, der über das hochgepitche Piano des Marx-Songs läuft: „Du fragst mich: ‚Warum?‘, aber ich bin nicht dumm / Lass mich doch fliegen in meinem Luftballon / Und dann denk‘ ich manchmal: Sind alle blöd? / Lass mich doch fliegen in meinem Luftballon.“ Das klingt ein wenig trotzig und ein wenig melancholisch und man könnte es als Reaktion auf die ESC-Geschehnisse lesen. Eine kleine Weltflucht per „Luchtballon“ sozusagen. Später, in der zweiten Strophe, heißt es: „Bin zu hoch in der Atmosphäre / Ich würde lieber nie, nie, nie mehr runterkommen / Die Vergangenheit tut weh, aber ich hab‘ draus gelernt / Und ich sag‘ das, während ich die Zukunft ignoriere / Durch die Wolken, vorbei an den Städten, ich komm‘ nie wieder runter.“

Bei TikTok kann man derweil sehen, wie Joost um die Welt reist und zum Beispiel reichweitenstarke Kollegen wie bbno$ trifft, die „Free Joost Klein!“ skandieren. Joost selbst redet in den aktuellen Clips gar nicht in die Kamera und wirkt auch hier, als taumele er zwischen Euphorie, Niedergeschlagenheit, Trotz und Tatendrang.

Der Prozess zu dem Zwischenfall beim ESC steht noch aus

Tja, und spätestens hier merkt man, dass man selbst noch in der Luft hängt und nicht so reicht weiß, ob man den Song jetzt besonders oft hören will, obwohl er sehr gut ist. Denn eine Frage ist immer noch nicht hinreichend geklärt: Was genau ist denn jetzt in Malmö beim ESC passiert?

Tatsache ist, dass eine Kamerafrau nach einem Zwischenfall, der sich unmittelbar nach einem Auftritt von Joost Klein ereignet haben soll, Anzeige erstattet hat. Bei den Beschreibungen des Zwischenfalles wird es schon schwammig. Einige Quellen sagen, Joost sei verbal ausfällig geworden. Der niederländische TV-Sender AvroTros, der Joost quasi für die Niederlande ins Rennen geschickt hatte, beschrieb es in einem Statement so: „Zu diesem Zeitpunkt hat Joost wiederholt darauf hingewiesen, dass er nicht gefilmt werden möchte. Dies wurde nicht beachtet. Dies führte dazu, dass Joost eine bedrohliche Bewegung in Richtung der Kamera machte. Dabei hat Joost die Kamerafrau nicht berührt.“ Die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ sprach von einer „Drohgeste“. Joosts Anwalt Jan-Åke Fält wiederum sagte in einem Interview mit „RTL Niederlande“ über seinen Klienten: „Er hat möglicherweise die Kamera berührt. Aber sie ist nicht kaputt. Er hat sie [die Kamerafrau] gebeten, mit den Dreharbeiten aufzuhören.“ Es sei im Vorfeld ausdrücklich von Joost und seinem Team gewünscht würden, dass er unmittelbar nach einem Auftritt nicht gefilmt werden soll.

Eigentlich hätte der Prozess zu den ESC-Vorfällen schon im Juni stattfinden sollen. Nach aktuellen Medienberichten sei er aber noch einmal verschoben worden, weil Joost Klein weitere Zeugenanhörungen gefordert hätte, wie der zuständige Staatsanwalt Fredrik Jönsson dem Boulevardblatt „Expressen“ mitteilte.

Tja, nix genaues weiß man nicht also. Aber auch wenn „Luchtballon“ mal wieder Hitpotential hat, bleibt es einfach Fakt, dass dieser Zwischenfall halt auch nicht so harmlos gewesen sein kann, wenn eine Kamerafrau danach Anzeige erstattet hat. Bis dahin hängen wir also weiterhin in der Luft, ob am „Luchtballon“ oder ohne …

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