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Markus Kavka trifft Sido im Barbershop: „Paul“, Liebe, Koks und Daddy Issues

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Die Headlines über Sido und sein persönliches, dunkles Album „Paul“ übertrumpften sich in den letzten Wochen regelmäßig – dabei erscheint es eigentlich erst am 9. Dezember 2022. Los ging es mit einem langen Interview für „Der Spiegel“, indem Sido sehr offen über eine dunkle Phase seines Lebens sprach. Online titelte man dann mit „Drogenabsturz, Psychiatrie, Neuanfang.“ Die Kolleg:innen von Apple Music wiederum setzten auf „Kokain, Scheidung, Therapie, Entzugsklinik & Vaterkomplexe“. Wir wissen ja, dass man das dieser Tage im Internet so machen muss, um Traffic zu bekommen – aber wir haben unsere Schlagwörter ein wenig anders sortiert. Denn, auch wenn es im Gespräch zwischen Markus Kavka und Sido viel um Koks, Therapie und Sex geht, steht am Anfang von allem nämlich: das Streben nach und das Ringen mit der Liebe. Klingt kitschig – aber zieht euch das Interview rein und ihr wisst, was wir meinen. Spätestens wenn Sido sehr liebevoll über das Verhältnis zu seinen Söhnen spricht.

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Aber wer spricht hier überhaupt: Paul Würdig oder Sido?

Wobei wir da schon im Kern der dunklen Kapitel sind, die Sido in den letzten Jahren durchlebt hat. Denn ein großes Problem für ihn ist die Trennung zwischen Kunstfigur und Privatperson. Der Einfachheit halber sprechen wir hier meistens von Sido, aber beim Interview im Barbershop in Berlin, wo sich Sido von seinem Kumpel Burak trimmen und frisieren lässt, verwischen die Grenzen oft zwischen Sido und Paul Würdig. Eine Erkenntnis, die auch für den Künstler selbst neu ist. Einmal sagt er: „Die Probleme sind eher im Privatleben gewesen.“ Da sei es auch zu den Sessions und Interviews gekommen, bei denen er bei einigen Ansichten im Drogenfieber falsch abgebogen war – und von denen er sich später distanziert hatte. Aber Konzerte und Festivalauftritte hätten funktioniert, weil: „Sido hat mit Drogen gar nicht so viel zu tun. Der kommt klar. Der nimmt keine Drogen, der kifft nur gerne. Aber der brauch halt nicht Drogen. Der ist immer da, der ist pünktlich, der ist ne Maschine. Der funktioniert immer. Der hat auch keine Probleme. Auch im Kopp nicht. Dem geht’s jut.“ An dieser Stelle fragt Markus Kavka: „Also hat Paul versucht, Sido plattzumachen?“ Genauso sei es gewesen. „Ich habe durch ihn richtig angefangen, meinen Job zu hassen.“

„Dieses Interview mit dir ist anders. Weil wir uns kennen.“

Bei der Wahl des Interviewenden für diese Titelstory haben wir uns für Markus Kavka nicht nur entschieden, weil er ein etablierter Musikjournalist, Interview-Profi und Musikfernseh-Instanz ist, sondern auch weil er und Sido sich schon sehr lange kennen. So sagt Sido einmal zu Markus: „Jetzt diese Interviews und so… Heute mit dir ist anders, weil wir uns kennen und wir reden wie Kumpels. Aber die Interviews, die ich letzte Woche gemacht habe, die haben mich echt mitgenommen. Wieder drin zu sein im Thema und so. Ich habe zwei Tage lang das Telefon ausgemacht danach.“ Deshalb meint er: „Ich habe drei, vier Interview gemacht zur Platte. Das wars. Den Rest müssen die sich abschreiben.“

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„Du wirst sterben, wenn du das nicht machst.“

Aber was sind denn nun diese dunklen Zeiten? Los ging es, als Sidos Ehe vor dem Aus stand und er in eine eigene Wohnung zog. Er habe Dinge nachholen wollen, eine „Midlife Crisis“ gehabt, sich in Koks, Feiern und schnellen Sex geflüchtet. Bizarrer weise habe er da zum ersten Mal intensiver darüber nachgedacht, dass eines seiner Probleme die Abwesenheit seines Vaters sei. Ausgerechnet, weil er ständig Frauen mit nach Hause brachte, bei denen er das Gefühl hatte, sie sähen eine Vaterfigur in ihm. Der Wendepunkt kam schließlich, als er seine Kids in seinem alten Haus besuchte und völlig fertig auf dem Sofa einschlief. Seine Frau Charlotte habe ihm die Augen geöffnet. Sie sei es auch gewesen, die für ihn in der Klinik angerufen hat, in die Sido dann später eincheckte, um einen Entzug und eine Gruppentherapie zu machen. „Du wirst sterben, wenn du das nicht machst“, habe sie zu ihm gesagt. Ungefähr zur gleichen Zeit hatte auch sein aller Freund Kool Savas eine lange Sprachnachricht geschickt, in der er sich um Sido sorgte. An dieser Stelle wird das Gespräch wirklich düster – und Markus bleibt an einer Stelle nichts mehr übrig, als leise zu sagen: „Alter.“ Aber: Wir wollen eben nicht wie das letzte Gossip-Blatt in den Skandalen baden: Im letzten Teil des Interviews spricht Sido sehr offen und liebevoll über das Verhältnis zu seinen Söhnen und die Sehnsucht, als Mensch hinter der Kunstfigur erkannt zu werden. Ganz ähnlich wie auf dem Album „Paul“ in den letzten beiden Songs, fällt hier als noch ein wenig Licht in dieses intime Gespräch.