DIFFUS

Maryam.fyi über die Revolution im Iran: „Bloody November“ und Peace-Zeichen in Hamburg

Posted in: Features

Es ist zehn Uhr morgens. Donnerstag, 17. November. Über sechzig Tage sind vergangen. Es ist „Bloody November“. Revolution im Iran. Ich bin auf dem Sprung zur Uni. Seminare, Kurse, aber ich hänge eh nur nebenher am Handy. Sagt mir einer, wie lange noch? 

Erinnerungen an ein blutiges Massaker

Seit Dienstag befindet sich der Iran im Generalstreik. Die Straßen des Bazars in Teheran sind leergefegt. Die Jugend legt das Land lahm. Dieser Streik wird vor allem von der Generation Z initiiert. Vom 15. bis 17. November laufen drei Tage lang Generalstreiks. Es soll erinnert werden an das blutige Massaker vom November 2019. „Aban Navado Hasht“ (November 98).

Damals waren die Benzinpreise über Nacht um 50-200 Prozent gestiegen, was dazu führte, dass die Menschen, die auch zu dem Zeitpunkt schon unter Armut litten, nicht mal mehr zur Arbeit fahren konnten. In der Folge gingen die Menschen auf die Straßen und protestierten. Sie waren 2019 schon von Armut und Unterdrückung geplagt. Das Regime schaltete in diesen Tagen das Internet ab und begann zu töten. Auf der Straße wurden die Protestierenden umgebracht, aus Hubschraubern heraus und von Dächern herab erschossen.

In wenigen Tagen wurden so ca. 1500 Menschen ermordet, das Regime nennt eine Zahl von 225 Toten, Menschenrechtsorganisationen widerlegen diese. Ganz klar weiß es allerdings niemand. Was das Ganze noch entsetzlicher macht: Es hat keine Aufklärung der Morde in 2019 stattgefunden. Menschen sind einfach verschwunden und ihr Verbleib wurde nicht geklärt. Seither wird jedes Jahr zum selben Zeitpunkt wieder protestiert. “Bloody November”.

Also auch in 2022. Und mit der fortlaufenden Revolution wurde ein ganz anderes Ausmaß an Brutalität erwartet. Die Bilder, die uns bisher erreicht haben, lassen keine Fragen offen: Die Schergen des Regimes kennen keine Gnade und handeln völlig wahllos. Details erspare ich an dieser Stelle.

Kaum Nachrichten aus dem Iran

Heute morgen wache ich auf und lese die ersten News im Feed. Es gibt bisher kaum Nachrichten, denn das Internet im Iran wurde heruntergefahren. Die Journalistin Gilda Sahebi postet gestern Abend noch auf Instagram und Twitter: „Einer meiner Kontakte schreibt, dass die Proteste heute sehr blutig niedergeschlagen worden seien. Damit wenig davon durchkommt, ist das Internet extrem gedrosselt. Besonders in Izeh in Khuzestan soll es viele Tote gegeben haben. Ein 10-jähriges Kind soll unter den Toten sein.“ Das Bild von Kian Pirfalak, dem Jungen im Anzug, der über den Gott des Regenbogens spricht, lässt mich nicht los. 

Enissa Amani, die Anstalt und Olaf Scholz

Währenddessen bei uns in Deutschland: Am Dienstagabend übernehmen die Comedians Enissa Amani und Negah Amiri die Novemberausgabe der „Anstalt“ im ZDF. „Wir empfinden Gefühle wie Scham für unsere Privilegien, grosse Betroffenheit. Aber es bleibt nichts anderes übrig: Wir müssen hinsehen!“, so eröffnet Enissa Amani die Sendung. Mit ihren 50 Minuten im ZDF setzen sie einen Meilenstein der Aufklärung und Sichtbarkeit für das iranische Volk. Ich bin kurz gerührt, besonders dankbar. Solche Signale führen zum Aufatmen in der Diaspora.

Sichtbarkeit, Hoffnung: resultiert daraus endlich politische Konsequenz? Und dann, am Samstagmittag, ein Zeichen von Bundeskanzler Olaf Scholz. Seine Worte sind klar und deutlich (wenn auch reichlich spät).

Tausende Peace-Zeichen beim Kraftklub-Konzert

Es ist schon ein bisschen absurd, vor einigen Wochen habe ich darauf gedrängt, dass hier bei DIFFUS über die Geschehnisse im Iran und der Popwelt der Diaspora berichtet wird. Über mich selber zu erzählen ist komisch, mein innerer Imposter lässt es kaum zu, aber ich habe euch vorgewarnt, diese Kolumne entstand aus Wut, Tatendrang und Hilflosigkeit heraus.

Am Montagabend stand ich dann mit pochendem Herzen auf der Bühne in der ausverkauften Sporthalle Hamburg und konnte 7000 Menschen direkt dazu auffordern, auf Demos zu gehen, Iranische Stimmen zu verstärken und das zu tun, was ich eigentlich mache: Singen. Die Worte von Shervin Hajipour in so einem großen Saal voller Peace-Zeichen in der Luft, das war magisch. Danke Kraftklub, das war sehr groß (Ich glaube die Jungs checken gar nicht, wie groß)! 

Und danke an meine Freund:innen, die mit Plakaten und T-Shirts “WOMAN LIFE FREEDOM” erschienen sind.

Mein Push an dieser Stelle: 

Demos aufsuchen. Am Samstag die Mahnwache, am Sonntag für getötete Kinder. Auf Iran Protests Germany findet ihr alle aktuellen Infos zu der Demo in der Nähe.

Den Snowflake Browser anschalten.

Hinsehen, Teilen, Zuhören. Fragt mal bei euren Freund:innen nach, wie es denen so geht, ob sie eine Umarmung brauchen. Ich nämlich schon.

Wer ich bin

Maryam. Iranerin und Deutsche. Künstlerin (MARYAM.fyi). Beende gerade mein Medizinstudium. Kleine und große Schwester. Was mich von meinen Schwestern unterscheidet: Freiheit. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, nahm ich diese immer als selbstverständlich an. Vom Iran träume ich mein Leben lang. Ich hatte das Glück, diesen Teil meiner Wurzeln kennenzulernen. Seit meinem 10. Lebensjahr war ich einige Male im Iran, gemeinsam mit meinen Eltern, Geschwistern, Freund:innen. Erst im Sommer habe ich meinen iranischen Pass verlängern wollen. In meiner Kolumne spreche ich viel über Heimat und über Familie. Also seid mir nicht böse, wenn ich emotional bin. Bitte. Danke.