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Musikpreis Polyton erstmals verliehen – so war es vor Ort

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Deutschland hat seit Jahren ein Problem mit Musik-Preisverleihungen. Der Echo war lange Zeit das glitzernde Aushängeschild der Branche, wurde im TV übertragen und hatte eine bundesweite Strahlkraft. Im Jahr 2018 wurde der Echo dann völlig zurecht eingestellt. Der Preis war zu einem Trauerspiel verkommen, orientierte sich praktisch nur an Verkaufszahlen, erfand Kategorien um international Live-Acts zu gewinnen und grenzte sich weder gegen rechte Bands noch gegen antisemitische Tendenzen ab. Der Preis für Popkultur wollte ab 2016 vieles anders und vor allem besser machen und ist daran in den letzten Jahren gescheitert. Viel zu irrelevant, viel zu wenig musikalische Breite und vor allem: kein Glamour. Auch wir waren Teil der Berichterstattung rund um den Preis für Popkultur und präsentierten regelmäßig den Live-Stream auf unserem YouTube-Kanal. Aus den zuvor genannten Gründen zogen wir uns zuletzt zurück. Und dann ist da noch die 1LIVE Krone, der letzte verbleibende, relevante Musik-Preis in Deutschland. Jährlich stellt der öffentlich-rechtliche Radiosender eine attraktive Show auf die Beine. Dennoch sorgt die Krone als Votingpreis dafür, dass vor allem die Künstler:innen gewinnen, die ihre Fans am besten mobilisieren können. Musikalische Nischen oder marginalisierte Gruppen finden hier eher nicht statt. 

Neuer Musikpreis Polyton

Nun gibt es einen neuen Musikpreis in Deutschland: den Polyton. Initiiert wurde der Preis von der Akademie für Populäre Musik, die wiederum von der Initiative Musik ins Leben gerufen wurde. Ein staatlich finanzierter Musikpreis also. Es soll alles anders sein, der Fokus soll nicht auf Kommerz und Mainstream liegen. Die Gewinner:innen des Polyton 2023 wurden, nach knapp zweijähriger Vorbereitungszeit, von den 50 Gründungsmitglieder:innen der Akademie ausgewählt. Dazu gehören Herbert Grönemeyer, Balbina, Rin, Shirin David und Judith Holofernes.

Eine etwas andere Preisverleihung

Die Polyton-Preise wurden am Freitag in Berlin verliehen und das sollte auf eine neue Art und Weise geschehen. Lange Wortbeiträge gab es nur im ersten Teil der Veranstaltung: Kulturstaatsministerin Claudia Roth betonte in einer Halle, in der sich extra angefertigte Kunst-Installationen befanden, dass der Polyton „ein Preis von Musiker:innen für Musiker:innen“ sei, „der sich an der Qualität kreativer Arbeit orientiert – jenseits von Verkaufszahlen oder Genres.“ Polyton sei eine echte Innovation in der deutschen Popmusikszene und die Bundesregierung werde die Akademie für populäre Musik und Polyton auch in Zukunft tatkräftig unterstützen, so Roth. Als Repräsentantin der Akademie für Populäre Musik erklärte Musikerin Balbina: „Popmusik als Sprache und Sprachrohr emotionalisiert Mehrheiten. Deshalb sind ihre Inhalte von großer kultureller und politischer Bedeutung. Gleichzeitig ist sie Zufluchtsort für Utopien, Euphorie und Verbindung.“

Im zweiten Teil der Veranstaltung, der in einer separaten Halle stattfand, interpretierten Tänzer:innen die gewinnenden Werke in einer einstündigen Show künstlerisch. Die Namen der Gewinner:innen liefen währenddessen auf einer Leuchtanzeige vorbei. Die Preisträger:innen selbst kamen erst nach der Show kurz auf die Bühne – ihren Preis bekamen sie während der Tanz-Einlagen kurzerhand im Publikum überreicht. Zwischen den ertanzten, einzelnen Kategorien gab es auf der kreisrunden Bühne u.a. Live-Auftritte von Bosse, Paula Hartmann, Ebow, Graf Fidi und Hebert Grönemeyer. Inszeniert wurden die Darbietungen von Franka Marlene Foth (u.a. Bundeskunsthalle), musikalisch kuratiert von Nalan (Slic Unit).

Sinnvoll angelegte Steuergelder?

Besonders auffällig bei der erstmaligen Verleihung des Polyton-Musikpreises: Die üppige Inszenierung des Abends. 700 geladene Gäste feierten auf dem ehemaligen Gelände der Berliner Union-Film Ateliers zu großartigem Licht und Sound. Kunst-Installationen, ein hochwertiges Give-Away-Magazin und Freigetränke gab es inklusive. Lediglich fürs Essen musste selbst gezahlt werden. Die Gäste konnten eine sehenswerte und abwechslungsreiche Show auf internationalem Niveau erleben, bei der musikalische Nischen ebenso ihren Platz fanden wie Diversität und gesellschaftspolitische Themen. Nicht ohne Grund wurden Initiativen wie #musicmetoo oder DJ-Mentoring für FLINTA* ausgezeichnet. Die Preisverleihung stand dabei jedoch so sehr selbst im Mittelpunkt, dass die die gewinnenden Musiker:innen und Initiativen ein wenig untergingen. „Gelernte“ Abläufe solcher Award-Shows wurden über Board geworfen und durch künstlerischen Ausdruck ersetzt. Was da gerade passierte, verstand man zunächst nicht so recht.

Die Verantwortlichen des Polyton haben ein „Art-Piece“ erschaffen, das ohne Zweifel nach Berlin gehört. Ob es allerdings in anderen Teilen unseres Landes Anklang finden würde, ist fraglich. Und genau hier liegt wohl auch der größte Kritikpunkt am Polyton: Der Preis wird mit beträchtlichen Steuergeldern finanziert und sollte der Musikbranche und ihren Akteur:innen in ihrer gesamten Breite eine angemessene Plattform bieten. Die erste Verleihung des Polyton katapultierte sich allerdings so sehr in eine Nische, dass es einer großen Anstrengung bedarf, dort wieder herauszukommen. Trotz aller Bemühungen hat es der Polyton nicht geschafft, die Breite unserer Popmusik angemessen abzubilden. Die reicht nämlich von Straßenrap bis Rock, von Schlager bis zu avantgardistischen Experimenten, von obskuren Subkulturen bis zum Mainstream. Einiges davon fiel beim Preis leider hinten runter. Und auch, wenn die Verleihung des Polyton nur der Höhepunkt einer mehrtägigen Eventreihe mit Think Tanks, Lesungen und Keynotes war, muss er sich die Frage gefallen lassen, ob Popmusik-Förderung in Form eines solchen Preises sinnvoll ist. Wenn es der Preis schafft, mehr in die gesellschaftliche Mitte zu rücken und weniger ein „Art-Piece“ zu sein, hat er die Chance, viel größer zu werden und eine echte Bereicherung für die deutsche Pop-Landschaft zu sein.

Die Gewinner:innen des Polyton 2023 in der Übersicht

Kategorie „Text“: Céline & Paula Hartmann – 3 Sekunden
Kategorie „Teamwork“: A Song For You
Kategorie „Produktion“: Sofia Kourtesis – Madres
Kategorie „Digital“: #musicmetoo
Kategorie „Komposition“: Blumengarten – versprochen, alles wird gut!
Kategorie „Wildcard“: Femme Bass Mafia – DJ-Mentoring für FLINTA*
Kategorie „Bühne“: Künstlerische Konzeption Deichkind Live 2022 (Henning Besser)
Kategorie „Performance“: Peter Fox – Live 2023 (Peter Fox, M.I.K Family, Band)

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