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Musikvideos der Woche

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Sunflower Bean – Twentytwo

Pastellfarbene Abendgarderobe, Diadem auf dem Kopf und Scherpe um den Oberkörper gelegt – Sunflower Beam inszenieren sich in ihrem Video zur aktuellen Single „Twentytwo“ als Abschlussball-Könige und Königinnen, die ihrer Adoleszenz von der Eingangstreppe aus zum Abschied zu winken. Eher melancholisch als erfreut über die Tatsache, dass man jetzt so richtig erwachsen ist und offiziell durch die Nacht ziehen darf, wünscht sich Frontsängerin Julia Cumming ewige Jugend statt den Ernst des Lebens und völlige Verantwortbarkeit. Also wird einmal noch das junge Leben vollen Zügen und amerikanischen Teeniefilm-Klischees ausgelebt. Demnach singt es sich am besten mit aus dem Autodacht herausgesteckten Armen und im Wind wehender Mähne. „I do not go quietly into the night that calls me“– nur weil die Nacht ruft, muss man ja nicht gleich antworten.

Welcome Home by Spike Jonze

Graue Maus im Großstadtgetümmel fühlt sich ganz allein obwohl sie ja eigentlich mittendrin ist –  wenn dann einziger Zufluchtsort nur die eigenen, bescheidenen aber wahrscheinlich trotzdem überteuerten vier Wände sind, dann neigt man schon mal dazu, mit der Laus auf der Leber zwischen Sofakissen zu versacken. Gut, dass es immerhin noch für einen Bluetooth-Lautsprecher mit fruchtigem Branding gereicht hat, der weiß uns in Zusammenarbeit mit Siri unserer Tristesse zu entledigen.

So tanzt die anfangs noch graue Maus, besser bekannt als FKA Twigs, schlagartig ganz fidel durch ihre vier, nein sechs, nein acht Wände, macht Bekanntschaft mit sich selbst um sich schlussendlich zufrieden und ein bisschen erschöpft erneut auf ihrem Sofa wiederzufinden. Ob es dazu wirklich da neueste Produkt aus dem Obstkorb Tim Cooks braucht, oder die weniger kostenintensiven Raumlautsprecher der Konkurrenz in dieser Situation auch Abhilfe geschaffen hätten, bleibt an dieser unbeantwortet. Sicher ist aber, dass sich Spike Jones als Filmregisseur einmal mehr selbst übertroffen und Sängerin/Model/Tänzerin – kurz Rundum-Talent FKA Twigs perfekt in Szene gesetzt hat.

Juse Ju – Shibuya Crossing

Aller guten Dinge sind drei und so nimmt uns Juse Ju auch für seinen Titeltrack des nächste Woche erscheinenden Albums „Shibuya Crossing“ noch einmal mit nach Japan, genauer gesagt, in seine Heimatstadt Shibuya. Wer „7eleven“ und „Lovesongs“ bereits visuell verschlungen hat, dem wird es beim aktuellen Video ähnlich gehen. Wir dürfen Juse Ju erneut beim durch die Gassen und Menschenmassen streunern zusehen, signifikanter Unterschied: Es ist Tag, weil Juse Ju uns die Hotspots seiner Kindheit wortwörtlich vor Augen führen will.

Parallel zu den belebten Einkaufsstraßen und japanischen Schriftzeichen die wir mit ihm streifen, lernen wir, zumindest vor unserem inneren Auge, seine Brüder kennen, kriegen Flashbacks aus der Schulzeit geliefert und musikalische Anfänge erklärt. Wesentlich ruhiger, fast schon melancholisch bastelt Juse Ju Verse aus den Schnipseln seiner Jugend am anderen Ende der Welt – so gut, dass man sich schon fast ebenso dort zu Hause fühlt.

Years & Years – Sanctify

Der Mensch als Statist in seiner einst eigenen Welt, verdrängt in die Tiefen des Dschungels, nur geduldet als Alleinunterhalter in einer Gesellschaft bestehend aus Androiden – nein, das hier ist kein Teasertext für die kommende Staffel Black Mirror, das ist die Kuzfassung des kürzlich erschienenen Musikvideos von Years & Years. Das britische Elektropop-Trio aus dem Herzen Englands lässt seinen düsteren und beängstigenden Zukunftsvisionen Bewegungsfreiheit, insbesondere dann, wenn Frontmann und Sänger Olly Alexander den in Zukunft erneut in Mode gekommenen, aber viel mehr Gefangenschaft kennzeichnenden Choker ablegt und mit seiner Tanzeinlage als unterhaltendes Element, seine Daseinsberechtigung unterschreibt. Durch choreografierter Zukunfts-Zirkus, der zur Belustigung der Großstadt-Roboter dienen soll – Years and Years liefern mit ihrer neuen Single faszinierenden Futurismus.

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5K HD – Ice Bird

Gefangen im grafischen Dschungel, besser noch in einer grafischen Unterwasserwelt, denn ein Fisch ist Protagonist des aktuellen Musikvideos der Wiener Band 5K HD. Obwohl das auch nur die halbe Wahrheit wäre, mindestens genauso sehr im Mittelpunkt steht ein Vogel, der hin und wieder in der schuppigen Silhouette des Meeresbewohners verschwindet. So weit, so verwirrend. Wer jetzt hofft, dass die musikalische Begleitung Aufschluss zum visuellen Spektakel liefert, der wird ziemlich schnell enttäuscht, denn wenn die österreichische Kumulation von Musikerinnen und Musikern eins nicht ist, dann einfach. Wie auch, wenn sich mit 5K HD, zwei Jazz-Formationen zu einer zusammengeschlossen haben und die fünffache Ladung an komplexer, aber ästhetischer Musik als Output präsentieren. Sie selbst können oder wollen sich auch nicht so richtig für ein Genre entscheiden, anders zumindest lässt sich die eigens auf Facebook verpasste Beschreibung „Jazz/Impro/Groove/Funk-Combo“ nicht erklären. Interessenten sei an dieser Stelle besser geraten, selbst reinzuhören und nach passenden Worten zu suchen. In Kürze sind 5K HD auch live auf den Bühnen des Landes zu sehen – wir präsentieren die Tour.

Jon Hopkins – Emerald Rush

Eine smaragdgrüne Zeichentrickwelt, die sich als diffuse Zeitschleife entpuppt. Nämlich genau immer dann, wenn aus einem der zahlreichen, vom Baum hängenden Kokons ein leuchtender Käfer schlüpft, der zuvor noch als übermutiger Junge über Felsen und Abgründe geklettert ist, nur um dann in der Atmosphäre zu zerfließen und zum Insekt zu werden. So ungefähr lässt sich das gut drei minütige Video des englischen Produzentens Jon Hopkins in Worte fassen. Dazu elektronisch, berauschende Akzente, die fast schon blechernd anmuten, dem fiktiven Szenario aber genau die richtige Prise an Faszination verleihen. Obwohl man der musikalischen, wie auch visuellen in einander übergehenden Struktur folgen kann, bis ins letzte Detail nachvollziehen kann man sie nicht. Gut so, denn zu funktionierender Faszination gehört auch immer ein bisschen Unwissenheit.

Agar Agar – Fangs Out

Wer nach den bereits vorangegangenen Videos immer noch nicht genug von Zukunftsvisionen und technischem Wandel hat, der bekommt mit dem Video zu „Fangs Out“ beides in Kombination und Überdosis. Future-Freaks dürfen sich jetzt zusammen mit der Protagonistin des Videos die Bewusstseins einnehmende VR-Brille über die Optik stülpen und als Raubtier durch die Großstadt pirschen. Während ihr dann Mülltüten zerfleischt und euch auf allen Vieren fortbewegt, seid ihr zumindest gegen die Blicke der Technik-Verweigerer immun, die animierten Feinde auf ebenfalls vier Beinen jedoch bleiben nicht aus. Bei all der virtuellen Faszination sei aber hiermit daran erinnert, die Brille auch rechtzeitig wieder abzuziehen, damit die virtuelle Realität auch bleibt was sie ist, eben nicht real.