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Neunundneunzig in dein Herz

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In Zeiten von Social Media und Digitalisierung aller Lebensbereiche scheint es zunehmend unmöglich, als Musiker:in ein Mysterium um seine Person und Kunst zu bewahren. Dem Newcomer-Kollektiv Neundundneunzig gelingt das. Von den beiden Musikern dahinter, Saiya Tiaw und Nicki Papa, gibt es nur einige wenige, obskure Aufnahmen, abseits davon lassen sie die Musik für sich sprechen. Die ist gefüllt mit Fragmenten aus New Wave und Deutschrap – und der nächste Rave ist auch nie weit.

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„Neunundneunzig in dein Herz“ – das ist die Devise. So betitelt das Duo sein erstes gemeinsames Album, das im April auf den Streaming-Diensten auftaucht. Das Projekt findet großen Anklang im deutschen Musik-Untergrund, genau wie die vorangehenden Solo-Projekte von Saiya Tiaw und Nicki Papa, die längst als Geheimtipp die Runde machen. Aber auch wenn es so scheinen mag: Die beiden obskuren Künstler sind nicht über Nacht einfach aufgetaucht, sondern feilen schon lange an dem, was sie nun endlich der Öffentlichkeit präsentieren. 

Anfänge im Deutschrap

Die Biographie von Saiya Tiaw und Nicki Papa fällt dabei spärlich aus, enthält aber alle wichtigen Fakten: Die beiden Künstler stammen aus dem österreichischen Burgenland, kennen sich seit der Kindheit und machen schon seit sie 13 sind zusammen Musik. Davon hört die Welt 2020 zum ersten Mal etwas: Nicki Papa veröffentlicht seine erste Single „Eiskalt“. Die ist damals noch vage dem Deutschrap zuzuordnen, teilt sich mit diesem zumindest die Trap-Rhythmen, aber schon damals lässt der Newcomer sein Interesse für säuselnde Kopfstimmen und flatternde Synthesizer-Klänge durchblicken. 

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Im nächsten Jahr baut Nicki Papa auf seine erste Single mit dem Album „Kalte Liebe“ auf – musikalisch irgendwo zwischen der schwedischen Drain Gang und dem mysteriösen Duo Yung Kafa & Kücük Efendi. Schon damals signalisiert Nicki Papa mit dem New Wave-Ausflug „Nightlife“ sowie dem schummrigen Lo-Fi-House auf „Blick in Richtung Himmel“, dass er empfänglich für Sounds jenseits der 808 ist. 

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Mit zwei Feature-Beiträgen ist auf „Kalte Liebe“ außerdem auch Saiya Tiaw vertreten, der wenig später mit seinen eigenen Veröffentlichungen nachzieht. Genau wie Nicki Papa setzt auch Saiya Tiaw auf Minimalismus statt überbordende Produktion. Sein erstes Projekt heißt „Kein Wunderland“, wird von Cloudrap-Ästhetik geziert, klingt aber nach New Wave und (Post-) Punk. Auf eigenen Instrumentals mischt Saiya Tiaw Autotune mit verzerrten Gitarren und simplen Drumbeats, fasziniert von den Möglichkeiten der Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen. 

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Der Rave ist schon vorbei

Seinem Faible für vage Song-Skizzen und die Reduktion auf das Wesentliche geht der Newcomer auch mit dem nächsten Projekt nach, treibt diese Tendenzen sogar noch weiter auf die Spitze. „tränen von dir“ erscheint im September 2021, mit sieben Songs, die meist keine zwei Minuten lang sind, und einem obskuren Schwarz-Weiß-Foto als Cover. Hinter Titeln wie „Blaulicht und Sirenen“ oder „Pink Floyd CD“ verbergen sich vage Ideen, Ideen von Texten, von Melodien, von Gefühlen. „Ja du tanzt auf Schnee in dein’m Zimmer / Wish You Were Here / Du ziehst MDMA von der Pink Floyd CD / Doch das macht alles nur schlimmer“, sinniert Saiya Tiaw auf The xx-Gitarren und lässt die Worte ohne konkretes Ziel schweben. „Waffen“ greift schon damals dem aktuellen Hype um Trance und Techno mit einem stampfenden Beat voraus, während ausgerechnet der Song „Rave“ auf jegliche Drums verzichtet und trotzdem als subtile Klavierballade glänzt. 

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Hieroglyphen und Eurodance

Stichwort Trance: An dieser Stelle soll auch Danziger 99, das mysteriöse zweite Alter Ego von Saiya Tiaw nicht unerwähnt bleiben. Unter seinem bürgerlichen Nachnamen veröffentlicht der Newcomer ebenso Musik, mit klaren Club-Bezügen, versteckt hinter kryptischen Titeln wie „schmetterlin99flyin999+++“. Diese Songs sind durchzogen von einer Nostalgie zum Eurodance der 90er und 2000er, öffnen die obskure Internet-Ästhetik bereitwillig für Kitsch und Trash. 

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Neunundneunzig vereint, was zusammengehört

Saiya Tiaw und Nicki Papa eint vieles: Der säuselnde Gesang, die skizzenhafte Produktion, die Begeisterung für verschiedene Genres und der Hang zur Melancholie, der ihre Musik durchdringt. Nur konsequent also, dass die beiden parallel zu ihrem jeweiligen Schaffen ihre Soundwelten mit der gemeinsamen Band Neunundneunzig und einem gleichnamigen Label zu verknüpfen. Auf diesem erscheint im April das Eingangs erwähnte Debütalbum des Duos: „99 in dein Herz“. Auf zehn Songs breiten die beiden Künstler die Vision aus, an der sie gemeinsam schon lange schmieden: Vage Erinnerungen vom letzten Rave, Tablettenrausch und Heartbreak, vorgetragen in Cloudrap-Manier auf New Wave- und Dance-Beats, die Saiya Tiaw selbst zusammen schraubt.

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Diese Rezeptur findet Anklang und langsam aber sicher werden Neunundneunzig greifbarer. NNDW-Wunderkind Edwin Rosen ist ein prominenter Fan und nimmt das Duo als Support auf einige Shows seiner kommende Live-Tour mit. Und auch in den stilvollen Musikvideos im Analog-Look zu Songs wie „Ferrari“ oder „Engelstränen“ kann man einen Blick auf die beiden Macher hinter der Musik erhaschen. Trotzdem bleibt um Neunundneunzig eine mystische Aura, die sie konsequent mit ihrer musikalischen und visuellen Sprache füttern. Goth und Kitsch, Schmerz und Ekstase, Retro-Vernarrtheit und Zukunftsvisionen sind hier nah beieinander, bedingen sich sogar für die große Mission des Duos: Neunundneunzig, aus dem Internet in dein Herz.

Service-Hinweis für alle, die die Diskographie von Saiya Tiaw, Nicki Papa und Neunundneunzig schon in und auswendig kennen: Mehr solche Musik gibt es in unserer „Neue neue deutsche Welle“ Playlist auf Spotify & Apple Music!