DIFFUS

Never ending „Donda“: Kanye West bleibt ein Rebell

Posted in: Features
Tagged: kanye west

Nach unzähligen Ankündigungen, drei Live-Events und diversen Verschiebungen veröffentlichte Kanye West gestern überraschenderweise sein nunmehr zehntes Studioalbum „Donda“. Bis zum plötzlichen Release hatte das Album locker fünf verschiedene Veröffentlichungsdaten, die aus allen Ecken des Internets an die Oberfläche gespült wurden und unzählige Kanye-Fans haben verrückt werden lassen. Mit 27 Anspielstationen und einer Stunde und 48 Minuten Spielzeit ist es mit Abstand das längste Album seiner Diskographie. Dementsprechend viel gibt es auch zu den Inhalten und Klängen von „Donda“ zu erzählen. Kanye West beweist mit diesem Langspieler, dass sein Drang, den Status Quo von Hip-Hop kompromisslos herauszufordern, immer noch tief in ihm verankert ist. 

Hier wäre eigentlich etwas eingebettet. Du hast aber Embed und Tracking deaktiviert. Jetzt aktivieren.

„New Me“: Kanye entsagt sich den Flüchen

Beispielsweise wäre da Kanyes strikte „No Cursewords“-Regel, die er seit seinem letzten Album „Jesus is King“ radikal durchsetzt. In seinen Texten verzichtet er zum Großteil auf Flüche, Beleidigungen und verletzende Wörter. An Stellen, in denen man das prominente N-Wort oder das ebenso beliebte B-Wort erwartet, kommt nicht einmal ein Zensur-Piepen, sondern schlichtweg Stille. Das gilt auch für die vielen Feature-Parts, zu denen wir aber noch an anderer Stelle kommen werden. Wie eben bereits erwähnt, basiert diese lyrische Entscheidung auf Kanyes wiedererwecktem Glauben an Gott und die christliche Kirche. So strikt und gewissenhaft wie aktuell hat Kanye diesen Glaube wohl aber noch nie praktiziert. 

Aus diesem Grund lassen sich auch zahlreiche biblische Referenzen auf „Donda“ finden: Titel wie „God Breathed“, „Praise God“, „Jonah“, „Heaven and Hell“, „Keep My Spirit Alive“, „Jesus Lord“ und „Lord I Need You“ sprechen eine ebenso eindeutige Sprache wie die unzähligen Zeilen, die sich unmissverständlich auf den christlichen Glauben beziehen und stellenweise wie eine Art Hip-Hop-Gottesdienst wirken. 

Vielschichtiger Sound

Folgerichtig lebt „Donda“ auch von einem starken Gospel-Einschlag. Kanye bediente sich zwar schon immer gerne an Gospel-Sounds (man erinnere sich an Klassiker wie „Jesus Walks“ aus Wests Debütalbum „The College Dropout“) – spätestens seit „Jesus Is King“ und den Sunday Services haben diese Klänge aber einen weniger gefilterten Einzug in seine Musik gefunden. Doch „Donda“ bietet so viel mehr als die bekannten Gospel-Orgeln und die Prediger:innen-Samples. Da wäre beispielsweise das Skelett-artige„God Breathed“, welches mit seiner reduzierten und doch schrillen Produktion an „Yeezuz“ erinnert oder der nachfolgende Track „Off The Grid“, welcher zeigt, wie Kanyes Idee von UK-Drill klingt.

Was immer wieder auffällt: „Donda“ kommt mit ausgefallenen Arrangements und erstaunlich wenigen Drums aus. Viele Songs klingen düster und haben höchstens den Hauch einer (meist melancholischen) Melodie inne. An anderer Stelle (in „Jonah“, „24“ oder etwa „Moon“) wird „Donda“ plötzlich wieder melodischer und ruhiger. Auch für Fans von Kanye Wests Sampling finden sich vorzügliche Anspielstationen: „Believe What I Say“ leiht sich die zeitlose Stimme von Miss Lauryn Hill in „Do Wop (That Thing)“ und ergibt somit den vielleicht tanzbarsten Song des Albums, während „Heaven and Hell“ sich an dem fast gleichnamigen Song „Heaven and Hell Is on Earth“ von der 20th Century Steel Band bedient. Generell kann man den Sound der 27 Anspielstationen vor allem mit den Worten „breitgefächert“, „vielschichtig“ und „wegweisend“ beschreiben.

Anzeige

Features über Features

Kommen wir nun zu den Features, denn Donda besticht mit über 30 gelisteten Gastbeiträgen. Das wohl größte Highlight bekommen wir allerdings schon im zweiten Song „Jail“, denn in diesem Song formiert sich dank Jay-Z „The Throne“ (der Name von Kanye West und Jay-Z, wenn sie als Duo auftreten): „Not me with all of these sins, castin‘ stones / This might be the return of The Throne (Throne) / Hova and Yeezus, like Moses and Jesus / You are not in control of my thesis“. 

Abgesehen von Jay-Z konnte Kanye noch Kolleg:innen wie Francis and the Lights, Playboy Carti, Lil Baby, The Weeknd, Travis Scott, Lil Yachty, Young Thug, Kid Cudi, Westside Gunn, Lil Durk, Ty Dolla $ign, Jay Electronica und viele weitere Künstler:innen verpflichten. Auch erwähnenswert sind die Gastbeiträge, der vielleicht vielversprechendsten Newcomer aus den Staaten, nämlich Don Toliver und Baby Keem. Letzterer veröffentlichte ironischerweise erst vergangenen Freitag eine Single mit seinem Cousin Kendrick Lamar, welcher in seinem Part wiederum auf die neue lyrische Herangehensweise von Kanye eingeht. Außerdem muss noch angebracht werden, dass der verstorbene Rapper Pop Smoke ebenfalls einen kleinen Auftritt hat, denn eine andere Version von „Tell The Vision“ konnte man schon auf dem zweiten posthumen Album des New Yorker Rappers hören, bei der Kanye einen Featurepart hat. 

Kanye West und seine Kontroversen

Kanye West kann es natürlich auch nicht lassen, wieder für Kontroversen zu sorgen. Die Make-America-Great-Again-Cap mittlerweile zwar abgelegt, bietet er im Song „Jail pt. 2“ den Musikern Da Baby und Marilyn Manson eine Bühne. Beide Künstler sehen sich aktuell mit großen Vorwürfen konfrontiert bzw. haben für Kontroversen gesorgt: Da Baby hatte sich in jüngster Vergangenheit äußerst homophob geäußert und Marilyn Manson muss sich aktuell mit Missbrauchsvorwürfen auseinandersetzen. Dies hatte zur Folge, dass der Song zunächst auf allen Streamin-Plattformen gesperrt war. An dieser Stelle sei auch gesagt, dass Kanye West gestern ein Statement veröffentlichte, in dem er behauptet, dass sein Label Universal Music „Donda“ ohne seine Erlaubnis veröffentlicht hätte. Außerdem gab es auf Instagram Reaktionen von Chris Brown und Soulja Boy, welche scheinbar ebenfalls Gastbeiträge für „Donda“ aufgenommen hatten und fest davon überzeugt waren, ebenfalls Teil des Albums zu sein. Auch Da Baby und sein Management hatten kurz vor dem Release von „Donda“ ihrem Unmut auf Instagram Luft gemacht, nachdem Kanye West mit einigen Posts andeutete, dass die Veröffentlichung nur noch an einer Freigabe von Camp Da Baby hängt. Ob diese ganzen Aussagen tatsächlich der Wahrheit entsprechen oder das einfach kongeniales Marketing sein soll, weiß vermutlich nur Yeezy selbst. Wer weiß, vielleicht landen Chris Brown und Soulja Boy noch nachträglich auf dem Album, während Da Baby und Marilyn Manson gekickt werden – es wäre ja nicht das erste Mal, dass Kanye auch noch nachträglich an seinen Werken feilt und diese für die Öffentlichkeit aktualisiert. Doch egal wer letztendlich auf „Donda“ landen wird: Kanye West bietet Menschen eine Bühne, denen man diese eher entziehen sollte.

Kanye West bleibt besonders

Das zehnte Studioalbum von Kanye West ist ein harter Brocken – auch abgesehen von der unsäglich langen Spielzeit. Nichtsdestotrotz fasziniert „Ye“ mit seiner Herangehensweise an das gesamte Projekt. Während Hip-Hop so vulgär wie noch nie ist, entscheidet sich Kanye dafür, das jugendfreiste Werk seines bisherigen Werdegangs zu veröffentlichen. Während die erfolgreichsten Künstler:innen immer mehr auf Playlist-Tauglichkeit und Ohrwurm-Melodien setzen, stellt sich Kanye klanglich so breitgefächert und quer auf, wie es zuletzt vielleicht 2013 auf „Yeezuz“ der Fall war.  Gleichzeitig zeigt sich West so verletzlich, ungefiltert und persönlich, wie lange nicht mehr. Schließlich ist das Album seiner verstorbenen Mutter und seiner (Ex?)-Frau Kim Kardashian gewidmet. In einer Zeit, in der Veröffentlichungen schnelllebiger und austauschbarer denn je sind, schafft es Kanye West mit all seinen Promostunts, der höchstkarätigen Featureliste und nicht zuletzt mit seiner kompromisslosen Kunst, die ungeteilte Aufmerksamkeit der globalen Kunstwelt auf sein Album zu richten. Das wiederum trotzt dem Status Quo von Hip-Hop und vielleicht sogar Musik im Generellen.

Anzeige
×