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Schnelle Brillen überall: Was steckt hinter dem Modetrend?

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Zu Beginn des Jahres hat die Rap-Crew 01099 ihren Song „Schnelle Brille“ veröffentlicht und damit eine modische Entwicklung in Worte gefasst, die sich schon seit einiger Zeit anbahnt. „Schnelle Brillen und wir sind im Modus“ tönt es in der Hook, dazu tragen Gustav, Paul, Zachi und Friends sportliche Sonnenbrillen, eine ausgefallener als die andere. Und damit sind die sorglosen Pop-Rapper aus Dresden längst nicht die einzigen. Ob Musiker:innen, TikTok-Creators oder ihre Fans: Wer 2022 was auf seinen Style hält, legt sich schleunigst eine Sonnebrille nach Rennrad-Vorbild zu, je schnittiger, knalliger und verzogener, desto besser. 

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Dabei ist die Sonnenbrille als schickes Hingucker-Accessoire natürlich nichts neues. Schon John Lennon und Kurt Cobain wussten mit ihrem speziellen Geschmack für  ikonische Pressefotos zu sorgen und gerade letzterer hat eine ganze Generation an Soundcloud-Rappern von Lil Peep bis Yung Hurn inspiriert, mit Gestellen im Alien-Look zu posieren.

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Ist das Y2K oder kann das weg?

Die Gen Z zieht nun mit eigenen Modetrends nach und tut dabei das, was sie am besten kann: Aufmerksam in der Zeit um die Jahrtausendwende stöbern und sich an den damaligen Zeitgeist-Erscheinungen bedienen, „Y2K“ ist das Stichwort. Von Low-Rise- und Baggy-Jeans über (neue) alte Sneakermodelle und sogar Tribal-Muster: Die Hemmschwelle bis „zu trashig“ ist da sehr weit ausgedehnt. Dabei geht es gar nicht so sehr um eine Rückbesinnung auf alte Grunge-Legenden wie noch bei Lil Peep und Yung Hurn, stattdessen liefern kautzige Dads und deutsche Urlauber:innen im Ausland die Inspiration. Bei jeder/m Passanten mit Arcteryx-Softshell-Jacke, Salomon-Wanderschuhen oder eben verspiegelter Rennrad-Brille muss man sich fragen: Absoluter Boomer oder ausgechecktes Hypebeast? 

BHZ-Mitglied Longus Mongus auf dem Splash! Festival 2022 (Foto: Anni Colsman)

Das Accessoire zum Rave-Revival

Das modische 90er- und 2000er-Revival geht auch Hand in Hand mit musikalischen Entwicklungen. 01099 haben nicht nur als eine der ersten die schnelle Brille als Trend erkannt und vor allem benannt, sondern gemeinsam mit Künstlern wie Pashanim und Apache207 auch den passenden Soundtrack dafür gefunden. Songs wie „Airwaves“ und „Durstlöscher“ haben schon früh den Weg für musikalische Rückgriffe auf die Dance-Musik vergangener Jahrzehnte geebnet. Heute ist das Rave-Revival in der deutschen Musiklandschaft kaum noch von der Hand zu weisen: Künstler:innen wie Dilla, Arkan45 oder Ski Aggu – der mit seiner Skibrille vielleicht so etwas wie der  Großmeister dieses Trends ist – bedienen sich ohne Scheu am Techno- und Trance-Sound um die Jahrtausendwende und kleiden sich auch dementsprechend.

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Hingucker statt Schlabber-Look

Man kann natürlich noch eine Meta-Ebene tiefer gehen und über die schnelle Brille im Kontext der vergangenen Pandemiejahre nachdenken. So stand der Beginn der Pandemie noch ganz unter den Zeichen Homeoffice, Isolation und gemütliche Loungewear – frei nach dem Motto: Die Jogginghose sieht man im Zoom-Meeting nicht.

Stand jetzt sieht das schon wieder ganz anders aus. Trotz finsterer Prognosen für das kommende Spätjahr, laufen Live-Betrieb und Nachtleben gerade auf Hochtouren. Ganz Deutschland scheint nach all den Entbehrungen der letzten zwei Jahre feierwütig und heiß drauf, auszugehen – ob es dabei um ein Wochenende in einschlägigen Berliner Clubs oder um Festivalsause in Ferropolis geht, ist erstmal zweitrangig. Und wenn man dann schonmal die Isolation hinter sich lässt, möchte man sich eben auch in Schale schmeißen und dabei darf die schnelle Brille als Statement-Piece nicht fehlen. 

Wer sich mit dem Thema beschäftigt, wird merken: Schnelle Brillen sind nicht über Nacht im diesjährigen Trend-Katalog aufgetaucht. Ihren plakativen, griffigen Namen haben sie zwar der 01099-Crew zu verdanken, aber so richtig auf eine Person zurückführen lässt sich der Trend nicht. Stattdessen spielen viele verschiedene Faktoren in den aktuellen Hype: Die euphorische Bekenntnis der Gen Z zur Y2K- und Rave-Ästhetik, der neu gefundene Mut zum Trash- und Boomer-Look aber auch der Wunsch, sich nach zwei Jahren im Schlabber-Look endlich mal ein bisschen mehr nach Pfau zu fühlen. Wer sich noch nicht satt gesehen am schnittigen Rennrad-Look, sollte also mal auf dem Second-Hand-Flohmarkt des Vertrauens die Augen offen halten – oder einfach mal ganz lieb bei Papa anklopfen, ob der noch ein entsprechendes Original aus den 90ern im Tresor hat.