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Schreit doch nicht so! Über die Diskussionskultur in Sachen Staiger und Haiyti

Am Wochenende hat Nura ihrer Rap-Kollegin Haiyti wegen problematischer Aussagen in einem Podcast aus dem Jahr 2020 Queerfeindlichkeit vorgeworfen. Wie zu erwarten, folgte darauf ein Aufschrei in den sozialen Medien, viele Fans äußerten ihre Empörung und Enttäuschung. Kurz darauf gibt es einen neuen Aufreger: Deutschrap-Urgestein Marcus Staiger erklärt am Dienstag in einem Podcast, dass er nicht geimpft sei und dies auch nicht vorhabe. Zack, Haiyti ist vergessen, da ist die nächste Sau, die man mit erhobenem Zeigefinger durch das digitale Dorf treiben kann. Keine Frage: Beide Fälle kann und sollte man kritisch diskutieren. Problematisch ist die Art und Weise, wie das passiert. 

Die Diskussionskultur, die wir seit einigen Jahren erleben, ist eine sehr explosive. Die Kommunikationswege sind kürzer denn je, trotzdem scheint es manchmal, als wäre ein empörter Tweet schneller abgesetzt als eine Privatnachricht. Im Wochen-, Tage- und manchmal Stunden-Takt werden Personen des öffentlichen Lebens (oft zurecht) im Netz angegangen – mal mit weitreichenden, mal mit verschwindend geringen Konsequenzen. Dem Kern des Problems ist man dann bei dem ganzen Geschrei meistens nicht wirklich nähergekommen, während sich die populistische Gegenseite freut und wieder was von „Woke-Wahnsinnigen“ und „Cancel Culture“ schwafeln kann. Diese Art und Weise, mit brisanten Themen umzugehen, hat längst auch die Musik-Industrie erfasst. Hier mal zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit.

Haiyti äußert sich problematisch

Am vergangenen Samstag hat Rapperin Nura via TikTok einen Ausschnitt des Spotify-Podcasts Talk-O-Mat gepostet. Die gezeigte Szene stammt aus dem September 2020 und zeigt Rap-Kollegin Haiyti im Gespräch mit Star-Koch Tim Mälzer. Als es ums Thema Homophobie geht, nimmt Haiyti Bezug auf ihren 2018-erschienen Song „Payback“ und erklärt: „Ich sage ja auch im Text: ‚Ich find euer Geld schwul, bis es meins ist.‘ Da meine ich auch nicht die Schwulen. Da meine ich: ‚Ich find’s scheiße.“

Warum sie dann nicht einfach genau das sagt? „Weil es provozierend ist und darum geht’s ja. Ich weiß auch nicht, warum ich es sage. Ich finde es provokanter, weil sich alle drüber aufregen: ‚Scheiße, sie sagt schwul.“ Autsch. Kurz darauf relativiert Haiyti das Gesagte und schiebt jegliche Verantwortung von sich: „Ich kann’s ja auch nicht wissen, dass manche Schwule so sensibel sind. Weil jemand Intelligentes weiß, dass ich die nicht anspreche, sondern dass das Kunst ist.“ 

@nuraberlin Sängerin Haiyti am bullshit labbern 🤢 Tim mälzer am belehren 💘 #queerfeindlichkeit ♬ original sound – Nura

Joa, das ist natürlich vollkommener Quatsch und eine ziemlich unempathische Haltung, die Haiyti dringend überdenken sollte. Aber: Vielleicht ist dieser Prozess ja schon angestoßen. Schließlich ist die Talk-O-Mat-Folge, um die es geht, eineinhalb Jahre alt, der von Haiyti erwähnte Song „Payback“ nochmal zwei Jahre mehr. Beim gigantischen Output der Wahl-Berlinerin ist es schwer einen Überblick zu behalten, aber meines Wissens nach, sind seitdem keine weiteren homophoben Aussagen in der Öffentlichkeit oder in Songs gefallen. Hier kommt auch die Frage ins Spiel, wie es denn um den Rest der Szene bestellt ist. So berechtigt Nuras Ärger ist, und so wichtig wie es ist, Haiyti auf ihre Äußerungen anzusprechen: Gibt es nicht unter den männlichen Rapkollegen noch viel mehr, die regelmäßig mit sexistischem oder homophoben Mist auffallen?

Katja Krasavice zieht Konsequenzen

Auf Instagram reagierte Haiyti auf zahlreiche empörte Nachrichten wie folgt: „Hi Leute, ich bin nicht schwulen- und queerfeindlich, aber ich habe mich in der Vergangenheit blöd ausgedrückt und wollte damit niemanden verletzten und das tut mir sehr Leid. Ich werde mich in Zukunft besser ausdrücken, I promise.“ Auf solche Worte müssen natürlich Taten folgen, aber Reue und Wille zur Besserung sind ja schonmal etwas. Trotzdem: Der Cancel-Zug ist längst abgefahren und hinterlässt brennende Brücken. So hat zum Beispiel Musikerin Katja Krasavice die Tracklist ihres kommenden Albums „Pussy Power“ aktualisiert und den Track „Tick Tack“, der Haiyti gefeatured hätte, gekickt.

Der nächste Aufreger kommt von Marcus Staiger

Das alles hat sich vor allem von Samstag bis Montag abgespielt. Am Dienstag gab es dann schon prompt den nächsten Aufreger in der Rap- und Musikwelt. Marcus Staiger, seines Zeichens Deutschrap-Journalist und Gründer des legendären Labels Royal Bunker, sorgte auf Twitter für die nächste Kontroverse.

Zack, da ist die nächste Sau, die man mit erhobenem Zeigefinger durch das digitale Dorf treiben kann. Versteht mich nicht falsch: Ich habe mir den Podcast angehört und finde vieles was Staiger da von sich gibt, völlig an den Haaren herbei gezogen ist. An der Stelle Chapeau an Gesprächspartnerin und DeutschrapMeToo-Aktivistin Lowerclassjane, die sich das alles sehr geduldig und offen anhört. Ich schreibe diesen Text aber nicht, weil ich über „Big Pharma“ und die Wirksamkeit von Impfstoffen sprechen möchte. Ich schreibe ihn auch nicht, weil ich denke, dass man Staiger doch einfach in Ruhe lassen sollte. Schließlich ist die Impf-Debatte nicht nur eine persönliche, sondern nicht zuletzt eine gesellschaftliche und solidarische, über die man unbedingt reden sollte.

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Aber genau das ist der springende Punkt: Reden. Was dieser Tage stattdessen immer öfter stattfindet, ist besinnungsloses Bashing und Abkotzen, ein Internet-Mob gegen eine Einzelperson.  Dabei wird häufig gar nicht die Reaktion der Betroffenen abgewartet, stattdessen zieht man vorschnell eigene Schlüsse und Konsequenzen. Die Halbwertszeit von Kontroversen scheint kürzer denn je zu sein und das nimmt dem ganzen für mich ein Stück Ernsthaftigkeit. Hat sich die halbe Deutschrap-Welt gestern noch über Haiyti echauffiert, gibt es heute eben einen neuen Bock. Geht es hier um langfristige Verbesserungen oder doch eher um den schnellen Empörungs-Kick? Gerade wem die Themenkomplexe, um die es jeweils geht – hier eben Homophobie und Impfung – am Herzen liegen, sollte nicht so schnell von der Sache ablassen, sondern das Gespräch suchen. 

Wenn ihr zuvor jahrelang Fans von Staiger und/oder Haiyti wart, dann lasst ihnen doch die Chance auf Besserung und klärt sie auf, statt sie lebenslänglich aus euren Playlisten und Podcast-Abos zu verbannen. Beide haben auf sehr verschiedene Weise jahrelang Pionier-Arbeit geleistet und viel für die Deutschrap-Szene getan. Ist das jetzt alles nichtig? Ich muss zugeben: Ich weiß auch nicht immer, wie ich damit umgehen soll, wenn Menschen, deren Schaffen ich schätze, plötzlich dummen und gefährlichen Mist labern, aber das virtuelle Abhaten bringt uns doch auch nicht weiter, oder?

Für mehr fundierte Streitgespräche

Auf problematische Aussagen hinzuweisen, ist absolut essenziell für unsere Gesellschaft und für unsere Szene. Aber wenn der Heuschreckenschwarm nach zwei Tagen (!) weiterzieht und sich auf das nächste Thema stürzt, hat das mehr von gehässigem Gossip und moralischer Genugtuung als von fundierter Auseinandersetzung. Gleichzeitig befeuert man damit nur umso mehr Narrative à la „Nichts darf man mehr sagen!“ und natürlich den elenden Kampfbegriff der „Cancel Culture“, der in den letzten Jahren vor allem von rechtskonservativen und populistischen Medien genutzt wurde und eigentlich selbst gecancelt gehört.

Ansätze einer besseren Umgangs mit Reizthemen zeigt der Podcast von Staiger und Lowerclassjane ja schon. Das Ganze leidet unglücklicherweise durch eine mittelprächtige Vorbereitung und Audio-Qualität auf Janes Seite. Außerdem überwiegt für die 45 Minuten Laufzeit Staigers Redeanteil spürbar. Das alles sorgt für ein gewisses Gefälle, ganz unabhängig von inhaltlichen Punkten. Aber: Staiger stellt sich hier immerhin einem kritischen Gespräch und einer Diskussionspartnerin, die seiner Meinung konträr gegenübersteht. Fairerweise muss man dazu sagen, dass die beiden abseits von ihrer Uneinigkeit in der Impf-Sache gut befreundet sind. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass hier irgendwer mit Samthandschuhen angefasst wird. Jane bietet Staiger ordentlich paroli und lässt keine halbgaren Aussagen unkommentiert stehen. Die beiden führen ein Streitgespräch, bleiben dabei aber sachlich und versuchen auf einen Konsens oder zumindest einen Kompromiss zu kommen. 

Vergeben und nicht vergessen

Diesen Umgang würde ich mir öfter wünschen. Ich will einen Podcast, in dem sich ein:e Expert:in mit Haiyti zusammensetzt und ihr erklärt, warum das eben so gar nicht okay ist, wie sie mit der Thematik Homosexualität und Homophobie bisher umgegangen ist. Ich will mehr Raum für Vergebung und zweite Chancen, ohne damit einen Freifahrtschein für problematische Haltungen zu erteilen. Ich will, dass wir miteinander reden und nicht über einander. Wenn sich die betroffene Person dann weiterhin als uneinsichtiger oder gar gefährlicher Volldepp entpuppt, weiß man immerhin, dass das kein doofer Ausrutscher war.

Trotzdem ist mir natürlich klar: Diese aufgeladene Form, in der wir Diskurse führen und die zuletzt eben Staiger und Haiyti erwischt hat, ist kein alleiniges Phänomen unserer Musik-Branche. Das Problem ist größer als unsere Szene und zieht sich auf globaler Ebene durch Politik, Kultur und Gesellschaft im Allgemeinen. Wir kommunizieren mehr denn je, aber die Art und Weise wie wir das tun, ist meistens indirekt und damit offen für Missverständnisse und Streit. Wer weiß, wann das alles angefangen hat, vielleicht war es ja wirklich der verflixte Tag, an dem Donald Trump sein Twitter-Konto erstellt hat. 

So oder so, der Ball ist längst losgetreten und rollt in Höchstgeschwindigkeit. Wir können nur versuchen, mit den Erscheinungen unserer Zeit arbeiten und Social Media und co. zu unserem Vorteil nutzen, statt zur gegenseitigen Zerlegung. Als Branche können wir nicht umwälzen, wie die Menschheit miteinander spricht. Aber wir können kleine Impulse setzen. Deshalb lasst uns beim nächsten Social Media-Aufreger einen Moment Inne halten und nachdenken, bevor wir in die Tasten hauen. Nicht jedes Fettnäpfchen ist eines, in dem man bis ans Ende aller Zeit stecken bleiben muss.

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