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Sollten Pantera bei Rock am Ring und Rock im Park spielen?

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Nachtrag vom 23. Januar 2023: Am heutigen Montagabend haben die Veranstalter:innen vermeldet, dass Pantera nun nicht mehr Teil des Line-ups sein werden. Das Statement zu dieser Entscheidung könnt ihr hier lesen. Ihr könnt diesen Text hier also ab sofort gerne als ausführliche Erklärung lesen, warum das eine sehr gute Idee ist.

Auf dem Cover des vielleicht besten Pantera-Albums „Vulgar Display Of Power“ sieht man eine Faust, die gerade mit voller Wucht auf ein Gesicht trifft. Ich habe es sonst nicht so mit Gewaltfantasien, aber 2016 wünschte ich mir, dass Pantera-Sänger Phil Anselmo mal so auf die Fresse kriegen würde – rein metaphorisch natürlich. Da zeigte Anselmo nämlich derbe besoffen (aber offenbar noch in der Lage zu stehen und klar erkennbare Worte zu brüllen) erst einen Hitlergruß und rief dann auch noch „White Power!“ ins Publikum. Er tat das ausgerechnet auf einem Konzertabend namens „Dimebash“, der zu Ehren des ehemaligen Pantera-Gitarristen Dimebag Darrell abgehalten wurde. Darrells Riffs haben neben Anselmos Stimme für mich immer einen Großteil des Reizes dieser Band ausgemacht. Er wurde am 8. Dezember 2004 bei einem Konzert seiner damals neuen Band Damageplan in Columbus, Ohio auf der Bühne von einem psychisch gestörten „Fan“ erschossen. An jenem „Dimebash“ im Januar 2016 spielten u. a. Mitglieder von Bands wie Slayer, Alice in Chains, Machine Head und sogar Dave Grohl. Der stand auch mit auf der Bühne, als Anselmo mit ihm und anderen Musikern „Walk“ von Pantera performte (übrigens auch das gar nicht schlecht – was bedeutet: SO besoffen kann er nicht gewesen sein) und danach alleine auf der Bühne besagten „Gruß“ machte. Das unschöne Video gibt’s natürlich noch bei YouTube:

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Ein paar Worte zum Kontext

Diese unschöne Szene wurde damals heiß diskutiert und ist aktuell wieder Thema. Der Grund: Pantera – oder was davon übrig ist – spielen in diesem Jahr Reunion-Konzerte. Neben eigenen Deutschland-Shows ist auch jeweils ein Gig auf dem Rock am Ring und dem Rock im Park geplant. Genau das wird gerade von vielen Seiten kritisiert. Wie so oft half das Internet dabei, der Sache Feuer zu geben – zum Beispiel durch Aktivist:innen wie die Autorin Jasmina Kuhnke alias @quattromilf, die in mehreren Posts Konsequenzen und eine Positionierung einforderte.

Von Künstler:innenseite kam in erster Linie Kritik von jenen Acts, die bisher nicht bei RaR und RiP gebucht waren. Einer der ersten Acts war zum Beispiel Chefket, der in diversen Posts eine Positionierung einforderte und zum Dank zwar Zustimmung aus seinem Fan-Kreis aber Sperren von Instagram bekam. Was ihn nicht daran hinderte, immer wieder auf den Sachverhalt hinzuweisen. Chefket schilderte uns die Entwicklung so: „Ich habe diese Welle am 28. Dezember losgetreten, indem ich das Video von Phil Anselmo gepostet habe mit der Frage: ‚Wie kann es sein dass die Band bei RAR gebucht wird?‘ Es wurde von Instagram viermal entfernt. Auf Facebook ist es noch online. Dort siehst du auch, wie sich Nazis in den Kommentaren tummeln. Ca. 800 Kommentare sind es inzwischen. Der Post hat bis jetzt ca. 350.000 Personen erreicht. Einen Tag später habe ich einen Freestyle über einen DJ Premier Beat veröffentlicht, indem ich Carolin Kebekus wegen ihrer Anti-Sexismus-Festival-Aktion gegen RAR namentlich nenne und Jasmina Kuhnke wegen den damals geposteten schwarzen Profilbildern zu BLM. Als sie mit ins Boot sprang wurde es zum Speedboat. Sie ist einfach die solidarischste Person, die ich kenne. Im Rap spreche ich direkt zu allen Musikern die sich damals bei #wirsindmehr stark gemacht haben und ich spreche direkt zu RAR dass wir darüber diskutieren müssen. Das ist leider nicht passiert und für so ein Statement hat meiner Meinung nach zu lange gedauert.“

Ich selbst muss zugeben, dass ich in dieser Sachlage mehr verwickelt bin, als mir lieb ist. Pantera waren eine der wichtigsten Bands meiner Jugend. Mein „Cowboys From Hell“-Shirt war mir heilig, mein „Vulgar Display Of Power“-Longsleeve trug ich, bis es Löcher hatte – und vor allem die Lieder „Cemetary Gates“, „Fucking Hostile“ und „This Love“ konnte ich damals mitsingen und -schreien. Außerdem bin ich Teil der DIFFUS-Redaktion – eines Magazins, das seit dem letzten Jahr Medienpartner der Festivals ist und dort eine gute Zeit hatte, mit vielen Künstler:innen, die wir lieben. Außerdem schreibe ich sogar hin und wieder für eine Agentur die Pressemitteilungen der Festivals vor und kenne einen Teil des Teams der zuständigen Booking-Agentur DreamHaus. An dieser Stelle sei deshalb schon mal gesagt: Diese Leute sind politisch stabil und niemand, den ich kenne, stünde für mich im Verdacht, rechtes Gedankengut zu supporten.

Pantera werden musikalisch zu Recht für ihre 90er-Alben geschätzt

Ich muss zugeben, dass ich Pantera in den letzten Jahren ein wenig aus meinem Bewusstsein verdrängt habe. Ihre Songs hörte ich nur noch selten, im Gegensatz zum Beispiel zu der Musik von Sick Of It All, Fear Factory, Machine Head und Sepultura, die ich aus dieser Zeit bis heute für mich bewahrt habe. Vermutlich lag schon das an dem Anselmo-Vorfall 2016. Trotzdem weiß ich aber, dass viele Freund:innen von mir, die ähnlich musikalisch sozialisiert wurden, die maßgeblichen Pantera-Alben der Neunziger „Cowboys From Hell“ (1990), „Vulgar Display Of Power“ (1992) und „Far Beyond Driven“ (1994) in Ehren halten. Und das nicht zu Unrecht. Musikalisch sind sie weiterhin Meilensteine und auch wenn man damals wusste, dass Anselmo ein konservativer Redneck ist, kann man ihnen nicht unterstellen, in ihrer Musik faschistisches Gedankengut verbreitet zu haben. Zu ihren Glanzzeiten, auf die man sich bei der Reunion berufen will, spielten bei Pantera neben Anselmo noch der Bassist Rex Brown, der auch bei der Reunion dabei sein wird, und die Brüder Dimebag Darrell an der Gitarre und Vinnie Paul am Schlagzeug. Darrell wurde wie bereits erwähnt erschossen – Vinnie Paul starb im Juni 2018 an einem Herzinfarkt. Wer die Geschichte von Pantera kennt, der weiß: Zu Lebzeiten der beiden hätte es eine Reunion vermutlich niemals gegeben in dieser Besetzung.

Nennen wir es Beweisführung

Und damit sind wir wieder bei der unliebsamen Szene am Anfang des Artikels. Wer die postet, muss fairerweise auch Anselmos Reaktionen und Äußerungen danach teilen. Die kamen sozusagen in Wellen. Erst wollte er den Leuten weißmachen, es handele sich um einen „Inside Joke“, weil Backstage viel Weißwein getrunken wurde. Im übersetzen Wortlaut schrieb er: „OK Leute, das bin ich euch wohl schuldig, aber verdammt, ich habe einen Witz gemacht. Es war Teil eines Insider-Witzes dieses Abends, denn wir haben diesen Abend Weißwein getrunken, hahaha… Ausgerechnet den. Ihr müsst euch mal eine dickere Haut zulegen. Es gibt eine Menge Leute, um die ihr euch eher kümmern solltet. Ich liebe jeden Menschen, ich verabscheue jeden Menschen, ganz einfach. Von mir gibt es keine Entschuldigung.“ Erstaunlicherweise kam das nicht so gut an. Vor allem, nachdem Rob Flynn von Machine Head ein Video über „Racism in Metal“ postete und Anselmos Darstellung widerlegte. Was dann zu diesem kurzen Video von Anselmo führte:

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In einem denkwürdigen Interview mit dem amerikanischen Rolling Stone Ende 2016 ergänzte Anselmo diese knappen und vagen Ausführungen noch um einen bunten Strauß an Argumenten, warum er kein Rassist oder Faschist sein könne. Unter anderem bediente er sich einer Storyline, die er schon dem Decibel-Magazin gesagt hatte: „Ich übernehme die volle Verantwortung für mein Handeln.“ In den ersten Reihen habe man ihn provozieren wollen, unter anderem habe man ihm „Fascist!“ zugerufen. „Sie wollten eine hässliche Szene sehen. Also habe ich mir gedacht: Ich werde euch zeigen, wie hässlich es werden kann! Und das tat ich. Und ich habe dafür bezahlt, und ich bezahle immer noch dafür. Aber das ist weit entfernt von der verdammten Wahrheit.“ Postings oder Aussagen, die bezeugen, dass er aus dem Publikum beleidigt wurde, findet man im Netz übrigens nicht.

Im Verlauf des Artikels wirkt es fast, als spiele Anselmo ein Wiedergutmachungs-Bingo. Er spricht über sein Aufwachsen im von Schwarzer Kultur geprägten New Orleans, erwähnt sogar zum ersten Mal, dass er in seiner Jugend „sexuell belästigt“ worden sei, beklagt, wie leichtfertig man heute mit dem Wort „Rassist“ um sich werfe, betont sein Engagement für seinen liebsten Box-Club in Detroit, bei dem überwiegend BIPoC trainieren und beklagt sich darüber, dass der Anthrax-Gitarrist Scott Ian öffentlich forderte, Anselmo solle eine Wiedergutmachungsspende an eine antirassistische Einrichtung machen. Im Interview beschwert er sich darüber, dass Ian ihm dann später nicht öffentlich mit einem Dankes-Posting auf die Schulter geklopft hat. Zum Thema Hautfarbe sagt Anselmo außerdem befremdliche Sätze wie diesen: „Ich bin doch selbst ein ‚mixed-breed‘. Ich bin ein verdammter Sizilianer, Franzose und der einzige ‚weiße‘ Teil von mir ist die Familie meiner Urgroßmutter. Und weißt du, womit sie ihr Geld verdiente? Sie pflückte von morgens bis abends Baumwolle, bis ihre Hände zerstört und blutig waren.“ Die Attitüde im ganzen Gespräch: Weniger Einsicht, Reue und Demut – sondern gekränkte Wut.

Außerdem war die gefilmte Entgleisung 2016 eben kein völlig aus dem Nichts kommender Einzelfall. Es mag alles ein paar Jahre zurückliegen, aber nicht umsonst gibt es bei YouTube ein Video namens „Phil Anselmo White Pride Speeches“, das wir hier nicht teilen möchten, weil es von einem Profil zusammengestellt wurde, dass seine rassistischen Statements eher feiert. Bei meinem ungesunden Sprung ins Rabbit Hole „Phil Anselmo““, musste ich mir auch eingestehen, dass vieles in den 90ern schon fragwürdig war, wo Anselmo zum Beispiel einmal sagte, Pantera sei keine rassistische Band, aber er habe ein Problem mit „rap artists pissing over white people.“ Bei einer Show in Montreal 1995 sagte er auf der Bühne: „This is a white night!“ Später entschuldigte er sich für diese „harmful words“, die ein Teil des Publikums empört haben. Wie ernst er Entschuldigungen dieser Art meint, sieht man hier also bereits. Schon bei MTV war damals Thema, dass Anselmo Shirts der Band Carnivore trug, auf denen das Zeichen der Afrikaner Weerstandsbeweging – der rechtsextremen Burenbewegung Südafrikas – zu sehen war.

Ist Phil Anselmo damit rehabilitiert? Ein großer Booking-Player meint: ja.

Wie man diese „Aussagen“ und meine „Beweisführung“ bewertet, und wie man jetzt mit der Musik umgeht, darf natürlich jeder Fan für sich entscheiden. Die Livebranche wiederum hat die Frage in der Zwischenüberschrift schon bejaht – und zwar wirtschaftlich und international betrachtet an höchster Stelle. Pantera sind Teil des Artist Rosters von International Talent Booking, kurz ITB, eine der größten international tätigen Booking Agenturen, die ihren Sitz in London hat. Wer in diese Liste schaut, kann sich ausrechnen, wie groß dieser Player ist: Da tauchen Namen auf wie Rage Against The Machine, Aerosmith, Biffy Clyro, Black Sabbath, Deftones, Eddie Vedder, Eels, Guns N‘ Roses, Korn, Lenny Kravitz, Limp Bizkit, Megadeth, Neil Young, Napalm Death, Ozzy Osbourne, Pearl Jam, Placebo, Tool, Tori Amos und ZZ Top. Mit kontroversen Acts scheint man dabei wenig Probleme zu haben. Auf dem Instagram-Account der Firma wurde vor einer Woche noch die Tour von Morrissey announced  – ein weiterer Kandidat, der es einem mit seinen politischen Äußerungen schwierig macht, ihm die Treue zu halten.

Das Booking-Geschäft ist im Detail schwer zu durchschauen und auch wenn die Branche ungern offen über Gagen oder Verträge spricht, weiß man, dass viele Agenturen in dieser Größe sogannte „Huckepack Deals“ aushandeln. Vereinfacht gesagt: „Ihr wollt, dass Künstler:in X bei euch spielt? Dann müsst ihr auch Künstler:in Y und Z einen Slot anbieten.“ Es ist durchaus möglich, dass auch Pantera in so einem Deal verwoben sind. Auch wenn ein Festival sowas vermutlich niemals offen zugeben wird – vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Acts aus diesem Roster über die Jahre bei RaR und RiP gespielt haben. Die Toten Hosen wiesen in einem Posting in dieser Woche auch auf diese Verbindung hin und führen hier sozusagen RATM als Kronzeugen ins Feld, wenn sie schreiben: „Bei RATM darf man wohl davon ausgehen, dass sie sich nicht von einem Agenten vertreten lassen würden, der gleichzeitig rechtsradikale Bands im Programm hat.“

Das Statement der Hosen zeigt meiner Meinung nach, dass der Fall Pantera nun nicht mehr ausgesessen werden kann. Ob das das jetzt das bestmögliche Statement ihrerseits war, sei mal dahin gestellt. Die Instagramm-Kommentare darunter sehen das oft eher nicht so.

Aber klar, Instagram-User:innen (und auch ich hier) können ihre Meinung zum Thema leichter runterschreiben als ein sicher für gutes Geld gebuchter Headliner. Das Maximum an Konsequenzen für mich würde sein, sollte es irgendwie eskalieren, dass ich nicht mehr die Pressemitteilungen schreiben darf und die Präsentation von Diffus nicht mehr gewünscht ist. Trotzdem möchte ich die Hosen (und auch das Festival) hier nicht dissen. Ihr Engagement gegen Rechts und ihre politische Positionierung dürften weiterhin allen klar sein. Vielmehr zeigt sich in ihrem Statement schon die klassische Lose-Lose-Situation, um die es jetzt gehen soll.

Lose-Lose-Situation für die Festivals

Damit sind wir endlich bei den Festivals, die gerade in den letzten Tagen auf ihren Socials viel Feuer abbekommen und ebenfalls schon vor einigen Tagen mit einem Statement reagierten, das ihr hier in voller Länge lesen könnt. Unter einer Figur, die ein Hakenkreuz in einem Mülleimer wirft, heißt es: „Rock am Ring und Rock im Park, sowohl das Festival als auch das gesamte Team, stehen für Diversität, Toleranz, Gleichberechtigung und gegen jede Form von Diskriminierung. Aus diesen Gründen haben wir im Vorfeld das Gespräch mit Pantera und dem Management gesucht. In mehreren Gesprächen wurde uns glaubwürdig versichert, dass Phil Anselmos Verhalten von 2016 in keinem Fall die Ansichten der Band widerspiegelt und er sein Auftreten aufrichtig und tief bereut. Phil Anselmo hat sich mehrfach öffentlich für sein Verhalten und seine Aussagen entschuldigt.“ Das Fazit des Festivals: „Wir haben daraufhin beschlossen, der Band Pantera eine Chance zu geben und somit unzähligen Rockfans den Traum zu erfüllen, das Werk von Pantera noch einmal live zu erleben.“

Damit positioniert man sich im Falle Pantera erst einmal. Man verweist auf die letzten Jahre, die Anselmo unfallfrei überstanden hat und trifft natürlich einen Punkt, der viele alte Fans umtreibt: Viele, auch ich zum Beispiel, hatten damals nicht die Chance, diese Band live zu sehen und Lieder wie „This Love“ oder „5 Minutes Alone“ im Moshpit zu feiern. Außerdem glaubt man, ein Großteil der RaR- und RiP-Park-Fans habe damit kein Problem. Hierzu heißt es: „Das Feedback der Rock am Ring und Rock im Park Community fiel seit Ankündigung Anfang November 2022 mit sehr großer Mehrheit positiv aus und viele Fans freuen sich auf die langersehnte Rückkehr dieser Band.“ Ein Blick in die Kommentare unter dem Post zeigt da ein eher nicht so klares Bild. Und außerdem geht es sicher vielen wie mir: Ich habe selbst diesen Bandnamen in den Entwurf einer Pressemitteilung geschrieben und erst später den Gedanken weiterverfolgt, der ungefähr so ging: „Moment mal, war da nicht was mit Phil Anselmo?“

Ob der bisherige Entschluss, Pantera weiterhin spielen zu lassen aber wirklich nur auf die Frage nach der Rehabilitation von Anselmo und dem Willen der Fans zurückgeht, oder auch mögliche vertragliche Verwerfungen eine Rolle spielen, ist reine Spekulation meinerseits. Ich glaube sogar fest daran, dass das Team der Festivals und vermutlich auch die britische Booking-Agentur die im Netz an Fahrt aufnehmende Diskussion im Blick hat und vielleicht sogar an Lösungen arbeitet. Dass man in so einem Prozess dann stillhält, wäre verhandlungstechnisch nachvollziehbar.

Welche Entscheidung die Veranstalter:innen auch treffen werden, Ärger gibt’s wohl in allen Fällen. Bei einer Absage von Seiten der Festivals wird sich – neben den finanziellen und brancheninternen Auswirkungen – die Band als Cancel-Culture-Opfer inszenieren, und die rechte Online-Meute wird die Socials der Festivals mit Empörung vollkotzen. Die beiden Fanlager werden ihre Uneinigkeit ebenfalls hitzig austragen. Bleibt es bei dem Slot auf den Festivals, wird der Konflikt früher oder später ins Line-up getragen, auch wenn das bisher noch nicht zu erkennen ist – außer beim nervösen Winden des Headliners Die Toten Hosen. Zumindest hoffe ich das. Weitere Acts werden hoffentlich Statements abgeben oder vielleicht gar absagen, und man darf davon ausgehen, dass auch auf dem Festivalgelände Protest zu hören und zu sehen sein wird. Oder vielleicht auch Jubel für Pantera von Leuten, bei denen man sich fragt, ob man sie auf dem Festival haben will.

Aber was denn jetzt: Dürfen oder sollten Pantera spielen?

Entschuldigt, dass ich hier so weit ausholen musste. Aber dieses Thema ist halt nix für eine Insta-Post-Länge. Letztendlich läuft es bei solchen Situationen auf eine Frage hinaus, die sich die Fans selbst beantworten müssen. In diesem Falle wäre das polemisch gesprochen diese: Will ich, dass Phil Anselmo durch mich Geld verdient? Ich habe die letzten zwei Tage in einem Anselmo-Rabbit-Hole verbracht und komme auf ein klares: Nö. Ich kaufe ihm die Läuterung nicht ab. Dafür ist sie zu inkonsistent, zu bellend, zu gekränkt – und wegen all dem: für mich zu unglaubwürdig. Gerade auch, weil man nach einer ausführlichen Recherche eben merkt, dass es keine einmalige Entgleisung war. Außerdem bleibe ich bei meiner schon vorher geteilten Einschätzung: das musikalische Rückgrat der Band, Dimebag Darrell und Vinnie Paul, hätte bei einer Reunion niemals mitgemacht, wären sie noch am Leben.

Diese Antwort führt nun zum zweiten Problem: Als potentielle:r Besucher:in eines Pantera-Konzerts habe ich die Wahl, ob ich die Band mit meinem Ticketkauf unterstütze. Sind sie Teil eines Festival-Line-ups, ist die Sache schwieriger. Man ist quasi gezwungen, ihr Booking mitzutragen, weil man nur im extremen Notfall all die anderen unzweifelhaften Bands verpassen oder vernachlässigen will. Bei allem Verständnis für die Abwägungen der Festivals, etwaigen vertragliche Verpflichtungen und Menschen, die meine Meinung nicht teilen, muss ich aber ebenso sagen: NIEMAND, der einmal auf einer Bühne einen Hitlergruß gezeigt und „White Power“ gebrüllt hat, sollte in Deutschland (und anderswo) auf der Bühne eines so großen Festivals stehen. Schon gar nicht, wie im Falle vom Rock im Park, an einem Ort, der für viele Rassisten eine hohe symbolische Bedeutung hat. Dort zählt nämlich das Zeppellinfeld in Nürnberg zum Festival-Gelände – wo  sich früher das Reichsparteitagsgelände der Nationalsozialisten befand. „Dass die Band ihre Reunion ausgerechnet in 2023 plant und diese auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände feiern will, überschreitet deutlich die Grenze des Tragbaren“, erklärten die Nürnberger Grünen laut Rheinischer Post kürzlich. Das Gelände sei ein Ort der Täter und ein Ort der Mahnung. Ich glaube zwar nicht, dass Anselmo so diabolisch ist, dass er das „Jubiläum“ des ersten Reichsparteitages der Nazis von 1933 im Sinne hatte, bei der Entscheidung in diesem Jahr in Deutschland auf Tour zu gehen – aber ansonsten haben die Grünen natürlich Recht.

Denn selbst wenn man Anselmo die Läuterung abkauft, läuft es auf die polemisch verkürzte Sachlage zu: „Typ, den man im Internet beim Hitlergruß sieht, spielt auf alternativem Festival in Deutschland vor Zehntausenden Menschen.“ Dass das nicht gehen darf,  ist keine Cancel Culture – das Wort ist eh rechter Propaganda-Bullshit – sondern eher eine Grundsatzfrage. Und wenn man das bei einer großen britischen Booking-Agentur anders sieht, sollte man dort vielleicht ebenso Druck machen wie beim Festival. Den sicherlich prominenten Slot könnte man meiner Meinung ebenso gut zum Beispiel mit Machine Head besetzen oder einer anderen Band aus dieser Hochphase der harten Musik, die nicht so viel Dreck am Stecken hat.

Bei aller Sympathie für die Macher:innen des Festivals, bei all meinen „Ein Glück muss ich diese Entscheidung nicht fällen“-Empfindungen (für die ich mich ein wenig schäme), bei all den beruflichen Verwicklungen meinerseits, bei all meiner damaligen Fan-Begeisterung, muss man meiner Meinung nach einfach einen Weg finden, die Band freundlich bestimmt auszuladen. Was aus meiner Position natürlich nur eine Empfehlung sein kann. Wenn man das weiterhin anders sieht oder nicht schmerzfrei aus irgendwelchen Verträgen raus kann, muss ich dann halt meine Schlüsse ziehen – zwar nicht als zahlender, sondern als über- bzw. für das Festival schreibender, akkreditierter Gast. Wie gesagt: Ich mag die Leute, die das Festival machen, feiere sehr viele Acts des Line-ups, hatte im letzten Jahr dort eine ziemlich gute Zeit und habe das genauso ins Netz geschrieben – und trotzdem würde ich für den Fall, dass Pantera dort spielen, die Gelegenheit nutzen, dann halt endlich mal wieder das zeitgleich stattfindende Orange Blossom Special Festival zu besuchen.

Denn: Sorry (not sorry) Phil, ich glaube dir nicht. „You’re making us me, fucking hostile!“ Und versaust mir und vielen andren den Spaß an einem guten Festival. Aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen oder geschrieben wurde.

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