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Wie steht es eigentlich um Grauzone und ihren „Eisbär“?

Posted in: Features

Das Album „Grauzone“ aus dem Jahr 1981 zählt noch immer zum Besten, was die 80er hervorgebracht haben. Schon der Opener „FILM 2“, der Techno ein stückweit den Weg ebnete, ist grandios. Das furiose post-punkige „Schlachtet!“ ebenso. Und natürlich der abgründige Walzer „Marmelade Und Himbeereis“ – übrigens ein Lieblingslied von Edwin Rosen, wie der uns mal in einem frühen Interview verriet. Der bekannteste Song der Band, „Eisbär“, wiederum ist nicht unter den zehn Liedern. Er findet sich zuerst auf dem 1980 veröffentlichten Sampler „Swiss Wave – The Album“.

Eine kurze Karriere – die lange nachbrennt…

Kreativer Kopf der Band war Martin Eicher. Sein älterer Bruder Stephan kam kurz nach der Bandgründung an Bord. Grauzone kamen gerade mal auf ein Dutzend Live-Konzerte, verweigerten sich jeglicher Promotion und lösten sich 1982 auf. Während sich Martin Eicher aus der Öffentlichkeit zurückzog, startete Stephan Eicher eine sehr vielseitige Karriere als Solokünstler: Er singt auf Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Berndeutsch, sein mit Philippe Dijan geschriebener Chanson „Déjeuner en paix“ kennt in Frankreich fast jede:r. Gerade ist er in der Schweiz auf Tour und singt Songs des verstorbenen Schweizer Songwriter-Helden Mani Matter. Grauzone ist trotzdem immer noch ein großes Thema in seinem Leben: Stephan Eicher kämpfte jahrelang vor Gericht um die Rechte an den Songs. Die LP-Box von „Grauzone“ zum 40. Jubiläum ist das Produkt dieser Mühen: Wer die kauft, kann sicher sein, dass das Geld bei der Band landet.

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Die Anfänge von Grauzone

„Eisbär“ wurde erst kürzlich vom Schweizer Online-Musik-Magazin starzone.ch und einer Musikbranchen-Fachjury zum besten Song gewählt, der jemals in der Schweiz geschrieben wurde. Zu diesem Anlass telefonierten wir mit Stephan Eicher, der erst einmal klärte, wer bei Grauzone der Mastermind war – das sei nämlich sein Bruder, er nur so etwas wie der Sprecher der Band. „Also“, begann er: „Da gab es damals eine Band in Bern. Die haben Punk gemacht, und die haben einen neuen Gitarristen gesucht. Das wurde Martin Eicher – mein jüngerer Bruder. Als er eingestiegen ist, hat er viele Cold-Wave-Elemente reingebracht. Also Sachen wie The Cure, oder Fad Gadget, oder The Feelies – die waren eine Lieblingsband von uns. Diese Berner Punkband hat dann gedacht: ‚Oh, da kommt eine neue Farbe rein! Eine neue Energie!‘ Also haben sie ihn gefragt, ob er singen wolle, weil die damalige Sängerin immer mal wieder ausgestiegen ist. Martin hat die Band dann in Grauzone umbenannt und mich gefragt, ob ich mal in den Übungsraum kommen könne, um ihre Musik mit meinem Kassettenrekorder aufzunehmen.“

Diese Aufnahme habe die Wahrnehmung innerhalb der Band geändert, erzählt Stephan Eicher. „Auf einmal war man sich etwas bewusster, wie es nicht im Moment tönt, sondern beim Rückhören. Danach kamen viele Ideen vom gemeinsamen Experimentieren und ich wurde Teil der Band. Wir haben mit Drumloops gebastelt und da stand ein Synthesizer rum – der gehörte so einer Tanzband. Den haben wir ein wenig schlecht behandelt, aber da kamen spannende Sounds raus. Man konnte mit dem Synthesizer zum Beispiel arktischen Wind kreieren. Aus diesem Zusammenspiel wurde schließlich diese Grauzone, wie sie bekannt wurde. Das heißt: Mein Bruder Martin, der das meiste gesungen hat. Ich habe drei, vier Lieder gesungen und auch Gitarre gespielt. Reto, also Marco Repetto, war am Schlagzeug, der auch mal gesungen hat und GT – also Christian Trüssel – stand am Bass.“

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Der „Eisbär“ betritt die Bühne

„Eisbär“ war eine der erste Studioaufnahmen der Band. „Wir wurden von dem Independent-Label Zandra in ein richtiges Studio eingeladen, um zwei Songs für diese Compilation aufzunehmen“, erinnert sich Stephan Eicher. „Da hat mein Bruder den ‚Eisbär‘ mitgebracht. Das Ding ist dann wirklich durch die Decke gegangen: Zuerst in Österreich und dann in Deutschland. Du musst wissen: Ich war damals 19, mein Bruder 17 und plötzlich riefen uns all die Plattenfirmen an und wollten was von uns. Und wir wollten das alles nicht. Wir haben uns als eher außerhalb dieser Welt angesehen und hatten keine Tendenzen, zur Neuen Deutschen Welle gezählt zu werden. Das war uns alles ganz schrecklich damals.“

Heute fände er das gar nicht mehr schlimm, aber damals hätten sie alle gedacht: Bloß nicht! „Wir waren ein bisschen wie Daft Punk später“, sagte Stephan Eicher mit hörbarem Grinsen. „Es gab keine Bilder von uns, wir haben andere Symbole genommen und sind ganz in den Hintergrund getreten, um die Musik wirken zu lassen. Zumindest eine Weile. Und, na ja, du merkst es ja vielleicht gerade schon ein wenig: Ich kann sprechen und tue es gerne, wenn ich gefragt werde. Die anderen Jungs nicht immer …“ Es habe dann immer geheißen: „Stephan, geh mal machen, hör doch mal rein, was die Labels sagen, mach einen Vertrag. Kümmere dich um die Cover und Videos.“

Deshalb werde die eigentliche Sachlage manchmal falsch dargestellt und seine Rolle größer gemacht. Aber: „Du musst wissen: Mein Bruder ist sehr introvertiert und hat sich sehr zurückgezogen. Dadurch, dass ich dann nach außen im Vordergrund stand, kam bei vielen die Illusion auf, dass ich der Mastermind der Band bin. Das würde ich nicht sagen. Der Mastermind ist Martin Eicher.“

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„Ich höre sehr gerne das Boiler-Room-Set von Brutalismus 3000.“

Dass es viele junge Künstler:innen gibt, die Grauzone noch heute verehren, hat Stephan Eicher natürlich mitbekommen. Edwin Rosen zwar noch nicht, aber den wollte er sich nach unserem Telefonat mal in Ruhe anhören. Vielleicht findet Stephan dann ja auch im Netz eine Aufnahme von Edwins „Marmelade und Himbeereis“-Cover, das er hin und wieder live spielt.

Aber: „Brutalismus 3000 und ihren ‚3ISBÄR‘ habe ich natürlich mitbekommen.“ Auf die Frage, ob die ihm zu doll seien, antwortete er: „Nee, auf keinen Fall. Ich bin natürlich kein Tänzer mehr und geh nicht mehr in Clubs oder so. Aber ich habe das ‚Boiler Room‘-Set von Brutalismus 3000 sehr gerne gehört und lege es manchmal auf, wenn ich was Mechanisches machen muss. Die Ästhetik und alles sind natürlich so weit wie nur möglich für junge Leute gemacht.“ Dann lachte er und sagte: „Aber wenn ich meine Aquarelle male oder in Paris sehr speziellen Kaffee trinke, kann ich ja auch weiterhin Chopin hören. Aber diese Schnittpunkte finde ich sehr toll.“

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„Eisbär“ kann man inzwischen sogar in GTA hören

Stephan Eicher ist ein Künstler, der selbst unheimlich viel Musik hört, wie wir im Gespräch schnell merkten. Und er liebt es, dass junge Acts, Grauzone noch immer lieben – und sich manchmal bei ihnen bedienen. „Das tut gut! Es gibt wirklich Kids oder auch ältere Künstler:innen, die kommen zu mir und sagen, dass sie dank diesem Song mit dem Musikmachen begonnen haben. Weil der nicht mal drei Akkorde hat. Oder es gibt Bands wie LCD Soundsystem, die das geklaut und verschnitten und anders wieder zusammengesetzt haben. Da gibt es ein kleines Game zwischen uns: Ich habe auch einen von ihren Songs genommen und auseinandergeschnitten und wieder so zusammengesetzt, wie der Song war. Hoffentlich landen wir vor Gericht und können darüber lachen, wie grosszügig sich Musiker.innen bedienen.“

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In Werbeclips wollen Grauzone ihrer Lieder nicht so gerne hören, aber trotzdem diskutieren sie die Anfragen zusammen – und fällen dabei bisweilen spannende Entscheidungen. „Wie gesagt: Ich finde diese Schnittpunkte und dieses Eigenleben sehr spannend. Unser Song ist ja jetzt sogar in diesem Spiel, wo man ständig Autos klauen muss: ‚GTA‘. Da haben wir lange diskutiert, aber ich habe gesagt: ‚Weißt du, wie toll das wäre: Du klaust das Auto und hörst keinen Hip-Hop, sondern ‘Eisbär’.‘ Voila! Also haben wir zugesagt.“ In Frankreich hingegen, wo sich seine Solo-Karriere zuerst manifestierte, werde er oft von Musikfans angesprochen, „die plötzlich diese Grauzone-Verbindung hergestellt hatten, aber auch rausfanden, dass es andere Pseudonyme oder Bands gab, wo ich mitgemacht habe. Das waren alles Projekte, die außerhalb von dem sind, mit dem ich in Frankreich in der Schweiz bekannt wurde.“

Werden Grauzone jemals zurückkehren? Ja!

Wenn man schon mal die Gelegenheit hat, mit einem Mitglied von Grauzone zu sprechen, fragt man natürlich, ob es jemals eine Reunion oder gar ein zweites Album geben wird. Da blühte Stephan Eicher so richtig auf. Und bestätigte das. „Ich habe nächste Woche noch ein Meeting mit Martin, wo wir zum siebten Mal an diesem zweiten Album zusammenarbeiten werden. Also ja, das ging weiter. Er ist immer noch Musiker und ich bin immer noch sehr mit ihm verbunden. Ich bring künstlerische Inputs, aber auch dieses Album, wenn es rauskommen wird eines Tages, ist sein Werk. Ich helfe einfach dabei. Ich bin wie eine Hebamme – kann man das so sagen?“

Das Album werde aber auf jeden Fall unter dem Namen Grauzone veröffentlicht werden. Wie es klingt, verriet er auch gleich. „Ich will jetzt nicht zu viel verraten, aber es tönt, als wenn Kraftwerk einen Disneyfilm vertonen sollten, in dem Bambi stirbt. So muss man das schreiben. Aber schreib bitte unbedingt dazu: Stephan lacht.“ Stephan lacht(e).

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To be continued

Nur bei einem möglichen Zeitraum ließ sich Stephan Eicher nicht festnageln: „Wir haben jetzt schon 40 Jahre gewartet. Das passiert jetzt auch nicht mehr, dass wir genau sagen, wie viele weitere Jahre noch vergehen werden. Irgendwann wird es so weit sein. Mein Bruder ärgert sich immer, wenn ich davon erzähle, aber er merkt dann auch, dass er dann sofort wieder dahinersitzt und noch eine weitere letzte Streicherpartitur schreibt oder so. Das funktioniert immer. Also musst du unbedingt schreiben: Da kommt was!“ Machen wir doch glatt: Da kommt was!

Aber: „Natürlich werden Grauzone ganz anders klingen als noch vor 40 Jahren. Aber es ist mein Bruder. Er trägt seine Schmerzen offen herum, deshalb hat er sich auch zurückgezogen. Aber er merkt natürlich auch, dass da diese jungen Leute sind, die sich wegen seiner Musik Eisbären auf den Arm tätowieren. Er hat dieses zurückgezogene Leben gewählt, aber ich habe großen Respekt für ihn.“ Wir auch. Und alle Künstler:innen, die Grauzone noch heute hören und sich von ihrer zeitlos guten Musik inspierieren lassen ebenso.

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